Der Herner Künstlerbund HKB ’90 konnte in jüngster Zeit acht neue Mitglieder begrüßen. Vier von ihnen präsentieren ihre Arbeiten ab 27. Juni 2026 in der Galerie Kunstpunkt neben dem Sodinger Hochbunker. Annett Breitfeld, Johanna Maria Falchi, Kira Selicke und Brigitte Szelag haben sich unter dem Thema „ZwischenZeit“ mit der Zeit zwischen Ereignissen künstlerisch auseinandergesetzt, die Zweifel und Furcht auslösen, aber nach einem Innehalten zum Durchatmen auch Raum für Hoffnung lassen. Uto Petrick zum Konzept: „Zwischen Hyperglobalisierung und Örtlichem liegt kaum mehr ein Katzensprung. Der Brieftaschendiebstahl reiht sich an die globale Krise – ist das Leid an diesem Punkt noch addierbar? Ist es noch vertretbar, den Menschen zum Hinsehen zu bewegen, zum Sich-damit- Beschäftigen – oder ist die Überforderung zu grandios, das Gehirn zu überreizt und überquollen mit Krisennachrichten und Katzen-Memes um noch etwas aufzunehmen?“ Und weiter: „Die Ablenkungsmöglichkeiten unserer Zeit sind vollkommen. Nicht mehr allzu soziales Social Media brät die Hirnwindungen bis zum perfekten Garpunkt, während das nächste ‚Familiendrama‘ mit Todesfall und drei humanitäre Krisen an ihm vorbeirauschen. Es ist nicht mehr nur nicht aufnahmefähig, es ist taub – ein Freezeframe eines Gebildes, was einst empathiefähig war. Die Ereignisse prasseln mit einer Geschwindigkeit an ihm vorbei, welche an Brutalität grenzt, während es wie kurz vor der Euthanasie regungslos in der Ecke liegt. In einer Gegenwart, wo Reichtum und schreckliches Leid direkt nebeneinander liegen, ist die bewusste Entscheidung zum Hinsehen das größte Gut. Zeitgleich ist das Abwenden ein überlebensnotwendiger Mechanismus, um für die Zukunft überhaupt aufnahmefähig zu bleiben.“ Der Balanceakt zwischen Hin- und Wegsehen ohne wahnhaft zu werden ist, so Uto Petrick, „ein modernes Problem, für das es noch keine abschließende Lösung gibt. Wenigstens scheinbar sichere Ruheinseln müssen geschaffen werden, um mündig zu bleiben – im Idealfall ein kalkulierter Rückzug auf Zeit. Aus diesem Dilemma erwachsen neue Aufgaben. Dieser im eigentlichen Sinne unfassbare Schwebezustand zwischen der Zeit ist es, der künstlerisch festgehalten werden soll. Diese Ambivalenz unserer gegenwärtigen Gesellschaft verträgt eine genauere Betrachtung, Augenpaare, welche ihren Blick zwischen die Menschen richten und die Ereignisse der Zwischenzeit ungeschönt aufnehmen.“ Die 1963 in Herne geborene Brigitte Szelag, Qualitätsmanagerin bei Vodafone, ist seit 1982 künstlerisch tätig. Nach diversen Schaffensphasen wie Titelbildern und Movie-Stills, widmet sie sich aktuell „Pix-Pics“. In ihren Pixel-Pictures verfremdet sie alte Spielfilmszenen mit farbigen Pixel-Störungen und schafft so eine einzigartige Verschmelzung von schwarz-weißer Filmkultur und knallig-bunten TV-Übertragungsfehlern. Wobei man ganz genau hinsehen sollte, um die sehr kleinen, feinen Tuschestriche in ihren Großformaten zu entdecken. Solchermaßen ganz neu zu entdecken sind James Stewart in „Ist das Leben nicht schön“, Charlie Chaplin in „Goldrausch“, Raymond Massey und Cray Grant in „Arsen und Spitzenhäubchen“, Audrey Hepburn in „Sabrina“ sowie Gregory Peck in „Ein Herz und eine Krone“. Die 1997 in Herne geborene Johanna Maria Falchi bezeichnet sich zwar als Autodidaktin, hat aber Kunst und Germanistik studiert und kennt sich mit klassischer Ölmalerei nicht nur in der Theorie, sondern ganz offensichtlich auch in der Praxis aus: „Wo ein Abgrund ist, blicke ich hinein, und ich blicke tief, bis mein Motiv mich findet. Die Gemälde thematisieren die Schwierigkeiten unserer Zeit und kosten die Grenzen der Schönheit aus. Das Hinsehen ist das höchste Gut. Denn in der Auffassung, dass alles Unästhetische und Unbequeme wenigstens betrachtenswert ist, verbirgt sich eines: die demutsvolle Verbeugung vor der Natur und dem Sein selbst.“ Ihre sechs in der Sodinger HKB-Galerie gezeigten surreal anmutenden Arbeiten, in wahrhaft altmeisterlicher Technik in Öl gemalt, tragen Titel wie „Dem Abglanz einen Thron“ und „Du siehst mich, doch hast nie gesehen“ und lassen auch Inspirationen durch die heute sehr beliebten Fantasy-Gestalten erkennen. Auch die 1989 in Herne geborene Psychotherapeutin Kira Selicke hat sich mit der Bewältigung von Krisen, Katastrophen und Kriegen auseinandergesetzt, vor allem in ihrem großformatigen Ölgemälde „Fulltime Bullshitter Meditation Act“, das mich an den gerade erst am 11. Juni 2026 in London gestorbenen britischen Künstler David Hockney erinnert. Künstlerisch sozialisiert in der Jugendkunstschule Wanne-Eickel hat sie während ihres Studiums an der Bochumer Ruhr-Universität weitere Anregungen von Ortrud Kabus am Musischen Zentrum erhalten. Kira Selicke ist im Kunstpunkt auch mit den beiden kleineren Acryl-Gemälden „Breathe“ und „Shutters“ vertreten, die eigene Emotionen im Nachhall der Corona-Zeit thematisieren. Sie hat zudem an der Essener Hochschule der bildenden Künste studiert und nennt als weitere Inspirationsquellen zwei sehr sensible queere US-amerikanische Künstler, den Maler, Zeichner und Bildhauer Louis Fratino sowie die gerade in Berlin ausstellende Malerin Celeste Rapone. „Wir haben keine andere Zeit als diese“: Der Schwerpunkt der 1965 in Recklinghausen geborenen Annett Breitfeld, die sich Mascha Kalekos Wahrheit zu eigen macht, liegt in der Tusche- und Kohlemalerei, aber auch in der Acryl- und Ölmalerei. Dabei versucht sie die verborgenen Seelen der Natur, der Dinge und der Menschen sichtbar zu machen. In ihrem Ölgemälde „Fokus I“ blickt ihr Enkel mit dem Fernglas nach vorn – und damit direkt auf den Betrachter. Daneben eine Mischtechnik (Aquarell mit Graphit) mit dem sprechenden Titel „Barmherzigkeit“. Gleich vorn am Eingang links ihre großformatige Arbeit „Der Weg“. Das zeitlos aktuelle Bild, Tusche auf Leinwand, ist inspiriert vom in Budapest geborenen und in Berlin zum Journalisten ausgebildeten US-amerikanischen Fotografen Robert Capa, der durch seine Aufnahmen vom Spanischen Bürgerkrieg Mitte der 1930er Jahre weltweit bekannt wurde. Er gehörte 1947 zu den Gründern der Fotoagentur Magnum. Wer zur Ausstellungseröffnung am Samstag, 27. Juni 2026, um 16 Uhr in den Kunstpunkt, Mont-Cenis-Straße 296, kommt, wird ein neues Raumgefühl der HKB-Galerie erleben. Die Begrüßung übernimmt der Künstlerbund-Vorsitzende Hassan Jelveh, für den musikalischen Rahmen sorgt Leonard Falchi-Piltz auf der französischen Schäferpfeife. Die Ausstellung „Neue Einblicke: ZwischenZeit“ kann nach der Vernissage bis zum 2. August 2026 zu folgenden Öffnungszeiten besichtigt werden: Mittwoch und Sonntag jeweils von 15 bis 18 Uhr.