Zur weiteren Aufstallpflicht

Leserbrief

Geflügel hinter Gittern.
Geflügel hinter Gittern. Foto: Martina Nissalk

Zu dem Erlass zur weiteren Verlängerung der Aufstalllpflicht für Geflügel in Herne von Freitag (3.2.2017) schreibt Geflügelzüchterin Melanie Marfeld-Nolte aus Baukau: "Die Rasse Geflügelzucht hat hier im Ruhrgebiet eine lange Kultur. Damals, aus der Not heraus geboren, als die Menschen nach dem Krieg nichts zu essen hatten, entwickelte sich daraus langsam eine Hochkultur mit anderen Zielen: Neben ethisch korrekt 'produziertem' Fleisch und gesunden Eiern von glücklichen Hühnern, gelten die Bemühungen heute auch der Erhaltung alten Kulturgutes, alter Rassen, und damit genetischer Ressourcen.

Auch auf unserem Grundstück gibt es schon in der vierten Generation Geflügel. Sechs mal waren wir deutscher Meister, mit einer vom Aussterben bedrohten Rasse, den großen Deutschen Lachshühnern. Der Bürgermeister hat uns dazu gratuliert und seinem Stolz Ausdruck verlieren, uns zu Bürgern seiner Stadt zählen zu dürfen. Doch die jetzige Haltung der Tiere hat mit unserer Vorstellung von glücklichen Hühnern nichts mehr gemein und auch mit artgerechter Haltung, Tierschutz und Tierwohl hat das nichts mehr zu tun. Was wir momentan praktizieren ist staatlich verordnete Tierquälerei. Kurzum: die Tiere leiden!

Geflügel hinter Gittern.
Geflügel hinter Gittern. Foto: Melanie Marfeld-Nolte

Die derzeitige Situation ist für die Geflügelzüchter- und halter hier im Ruhrgebiet mehr als unbefriedigend. Den Geflügelhaltern wird von den Behörden erklärt, sie hätten ihre Tiere vor einem gefährlichen Virus zu schützen, dass von den Wildvögeln übertragen wird. Nach wie vor kursiert hartnäckig diese Ansicht, dass die Wildvögel die Ursache allen Übels sind. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Natürlich handelt es sich bei der Vogelgrippe um ein gefährliches Virus, das über den Kot von kranken Tieren übertragen wird und die Tiere töten kann. Aber noch sind die Verbreitungswege nicht belegt, da auch vom FLI (Friedrich-Löffler-Institut) nur einseitig in Bezug auf die Wildvögel geforscht wird. Ganz im Gegenteil: diese einseitige Theorie wird vom Friedrich Löffler Institut auch noch forciert. Die Verbreitungswege längs der Handelsrouten (Transport von Eiern, Küken, Fleisch, Kadavern und Kot), die mit den Ausbrüchen in der Natur und in den Beständen der Massentierhaltung zum Teil identisch verlaufen, werden weitestgehend vernachlässigt. Hier sollte der Fokus einmal objektiviert und das Augenmerk auf die Massentierhaltungen gerichtet werden, die als Brutstätte der multiresistenten Keime gelten.

Die entscheidende Frage jedoch ist: Schützt die Stallpflicht unsere Tiere wirklich? Das kann ich mit einem klaren NEIN beantworten. Den Züchtern soll ein Pseudo-Schutz eingeredet werden, die Bevölkerung soll beruhigt werden, ob der Ratlosigkeit der Behörden und Instituitonen. Die Tiere leiden in den beengten Verhältnissen der reinen Stallhaltung. Die Tiere, die Freilauf, Licht, Sonne und frische Luft gewohnt sind, werden in den beengten Ställen krank, das Immunsystem wird durch diese Art von Haltung geschwächt, und die Tiere werden jetzt erst recht krank.

Geflügel hinter Gittern.
Geflügel hinter Gittern. Foto: Melanie Marfeld-Nolte

Dazu macht sich Langeweile breit, und die Tiere entwickeln Verhaltensstörungen wie Federpicken, Eierfressen oder Kannibalismus. Bis zum Tod der Tiere ist alles möglich. Glücklich sind diejenigen unter den Züchtern und Haltern, die ihren Tieren noch eine kleine Voliere zur Verfügung stellen können, den meisten ist das jedoch schon allein aus baurechtlichen Gründen nicht möglich. In der Folge der hohen Auflagen geben viele Züchter ihre Zuchten auf. So gehen wertvolle genetische Ressourcen verloren. Und auch bei den Hobbyhaltern ist es nicht anders. Aber ist es nicht genau das, was die großen Konzerne eigentlich möchten? Sie sehen in den Selbstversorgern eine unliebsame Konkurrenz. Ist die Vogelgrippe nicht eine gute Gelegenheit, diese Konkurrenz auszuschalten?

Der Zentralverband der Geflügelwirtschaft hat die Forderung aufgestellt, die Stallhaltung zur Regelhaltungsform aller Geflügelhalter, auch der Hobbyzüchter, zu machen und das Bundesministerium hat diese Forderung in Zusammenhang mit dem FLI umgesetzt, da die Fleischindustrie eine große Lobby hat. 'Billigfleisch und Bundesliga' sind die neuen 'Brot und Spiele'! Die Rassegeflügelzüchter und -halter fühlen sich verraten und verkauft.

Nachdem das Landesministerium am Freitag (3.2.2017) eine Lockerung der Stallpflicht angekündigt hatte, und das im Internet und über WDR 2 mitgeteilt wurde, wurde dieses nach nur 3 Tagen nun zurück genommen und die Tiere sitzen wieder im Stall oder besser gesagt immer noch. Die Entscheidung zur Aufhebung der Stallpflicht hat das Ministerium den einzelnen Kreisen überlassen und so laufen in Essen die Hühner frei, während sie in Herne weiterhin nur durch Gitter in die Freiheit schauen können und das auf vorläufig unbefristete Zeit. Zu diesem Thema richtete die 'Aktionsgemeinschaft VogelFrei Cimbria' ein Symposium mit dem Thema 'H5N8 - Veterinäre, gefangen zwischen Wissenschaft und Politik' in Herne aus, das am Samstag, 11. März, von 10 -18 Uhr in den Räumlichkeiten des Klosters Hl. Familie, Rottbruchstrasse 9, stattfindet. Als Gastredner freuen wir uns unter anderem über Univ.-Prof. Dr. med. S. Bhakdi (Infektiologe), Univ.-Prof. Dr. rer. nat. K. Reiß (Biochemikerin, Zellbiologin), Michael Freiherr von Lüttwitz (Biologe, Ehrenvorsitzender des VHGW, Chefredakteur). Der Kostenbeitrag beträgt 10 Euro inkl. Essen Anmeldungen bitte per E-mail an s.corban@rgzv-cimbria.de mit dem Stichwort 'Symposium Herne'."

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