Überlegungen zum Hallenbad Eickel

Leserbrief

Ausstellungseröffnung
Der Schriftzug des alten Hallenbads hängt nun über dem Eingang zum KreativQuartier Wanne. Foto: Stefan Kuhn

Der Wanne-Eickeler Horst Schröder setzt sich für den Erhalt und die Restaurierung des alten Hallenbads in Eickel ein, da er sonst die Gefahr sieht, dass immer weniger Herner Kinder die Möglichkeit haben, das Schwimmen zu erlernen. Mit seinen Mondritter ermöglichte er vielen Herner Kindern das Schwimmabzeichen 'Seepferdchen' (halloherne berichtete). Ende Mai 2021 bekam Schröder einen Brief von Susanne Adami, die darin ihre ganz eigenen Gedanken zu dem Thema - Hallenbad, Wasserflächen, Schwimmmöglichkeiten - zum Ausdruck brachte. Mit der Erlaubnis der Verfasserin leitete Schröder den Brief an uns weiter, mit der Bitte um Veröffentlichung:

„Sehr geehrter Herr Horst Schröder, die Nachricht, dass die Stadt Herne den Bad-Abriss plant (halloherne berichtete), um dort Wohnungen zu bauen, hat mir sehr zu Denken gegeben und mich dazu veranlasst, Auskünfte einzuholen. Nach dem Artikel „Stadt baut zwei neue Becken“ vom 14.5.2021 in der WAZ wird es höchste Zeit, Ihnen zu schreiben.

Schwimmen

Vor mehr als 30 Jahren erteilte ich als Lehrerin an der HS Jürgens-Hof im 5. Jahrgang Schwimmunterricht. Die Schüler nahmen damals hochmotiviert am Schwimmunterricht teil. Die meisten Kinder konnten nicht schwimmen. Deshalb war der Schwimmunterricht in der 5. Klasse für diese Kinder eher ein Einstieg. Regelmäßiges Weiterüben wäre für sie erforderlich gewesen, um sicher schwimmen zu können. Dazu fehlte in vielen Fällen die Möglichkeit, da das nächste Schwimmbad für die Kinder zu weit war. Damals waren viele türkischstämmige Kinder in den Klassen. Das mag mit ein Grund dafür gewesen sein, dass vor mehr als 30 Jahren so viele Kinder einer 5. Klasse nicht schwimmen konnten. Im Mai 2021, hörte ich im Radio (WDR 5), dass immer weniger Kinder schwimmen können. Mit dieser Aussage waren alle Kinder gemeint, nicht nur die Kinder mit Migrationshintergrund. Wie das folgende Zitat aus dem Internet zeigt, gibt es diese Tendenz schon länger: „Die Deutsche Lebensrettungs-Gesellschaft (DLRG) schlägt jetzt Alarm: Immer weniger Kinder können schwimmen. Von den 10-Jährigen kann sich mehr als die Hälfte nicht sicher im Wasser bewegen.“ (ZDFtivi 6.6.2019). Es besteht die Gefahr, dass die Möglichkeit für Kinder, im Laufe der Schulzeit Schwimmen zu lernen, in Herne weiter schwindet; da der Lebenszyklus bei allen Schul-Bädern in Herne überschritten ist.

Zum Stadtteil Wanne-Süd 1

Das Hallenbad liegt in Wanne-Süd 1. Hier ist die Besiedlungsdichte besonders hoch. Im Schnitt lebten am 31.12.2019 in Herne 3.034 Menschen auf einem Quadratkilometer (Quelle:Internet). Rund um die Straße Am Solbad ist die Besiedlungsdichte mehr als doppelt so hoch und westlich der Hauptstraße mehr als dreimal so hoch (Klimaananlyse der Stadt Herne, 2018, S. 129). In Wanne-Süd 2, dem Nachbarstadtteil auf der östlichen Seite, leben sehr viele Jugendliche. Wanne-Süd 2 ist einer der 15 Monitoringräume Hernes mit dem höchsten Jugendquotienten. (Integriertes, kleinräumiges Monitoring für die Stadt Herne, 2019, S. 46, 25.5.2012).

In diesem Stadtteil ist die Armutsbetroffenheit und -gefährdung laut Monitoringbericht stark überdurchschnittlich hoch. Im Einzelnen: Die Mindestsicherungsquote beträgt 29 Prozent und mehr, die Arbeitslosenrate 13 Prozent und mehr und der Anteil der Alleinerziehenden 6,3 Prozent und mehr. Alle drei Quoten sind stark überdurchschnittlich hoch (Monitoringbericht, S.17 - S.21). Auch der Bezug von Leistungen nach SGB II bei Kindern und Jugendlichen unter 15 Jahren ist in diesem Stadtgebiet mit 51,8 Prozent und mehr stark überdurchschnittlich hoch (Monitoringbericht, S. 38).

Hier haben etwa die Hälfte der Menschen (46,6-52,8 Prozent) haben einen Migrationshintergrund. Dies ist im Vergleich zum Durchschnitt in Herne von 34,3 Prozent stark überdurchschnittlich hoch. Auch die Fluktuation der Wohnbevölkerung in diesem Viertel ist mit 251,9 und mehr Menschen stark überdurchschnittlich hoch, die Wahlbeteiligung unterdurchschnittlich. „Hohe Ausprägungen in diesen Werten“, so heißt es im Integrierten, kleinräumigen Monitoring für die Stadt Herne auf S. 26, „weisen auf erhöhte Integrationserfordernisse hin.“ (Monitoringbericht ..., S. 22 – 26.).

Es fehlt offenbar so etwas wie Identifikation, Verbundenheit mit dem Ort, an dem die Menschen leben. Eine „vom kommunalen Bildungsbüro mit Unterstützung der Ruhr-Universität hier durchgeführte Befragung“ von Kindern und Jugendlichen „zu Umwelt, Wohlbefinden und Entwicklung “ hat bei mehr als der Hälfte ein leicht überdurchschnittlich niedriges Wohlbefinden ermittelt (Monitoringbericht, S. 44f. Zu den kompletten Ergebnissen der Studie vgl. ZEFIR, 2018.)

Es wäre gut, zu wissen, was die Jugendlichen zu bemängeln haben und wollen. Leider habe ich im Moment nicht die Zeit, die Studie zu lesen. Wie problematisch die Situation in diesem Stadtgebiet ist, zeigt auch der Zeitungsartikel, der im letzten Monat (15.4.21) in der WAZ zu lesen war 'In Herne seien zu viele Kinder übergewichtig und ernährten sich falsch'. Weiteres Problem: Die starke Zunahme der psychischen Erkrankungen bei Kindern.

Hallenbad Solbad, Teil eines Lösungsweges

Neben Anlaufpunkten für Gespräche und Beratungen könnten auch mehr Möglichkeiten, sich zu begegnen, Sport zu treiben und mehr Bewegung helfen; Bewegung, auch das Schwimmen, kann mit dazu beitragen, mehr Gefühl für den eigenen Körper zu entwickeln. Sport hilft bei Depression, fördert soziales Lernen ebenso wie auch schulisches Lernen. Dazu braucht es Möglichkeiten für die Bürger, sich im Wohnumfeld zu begegnen und zu bewegen, Möglichkeiten, die fußläufig oder auch mit dem Fahrrad gut zu erreichen sind: Spielplatz, Sportplatz, Park oder eben auch ein Schwimmbad. Ein Schwimmbad für alle Altersgruppen, für Übergewichtige, Rückenkranke etc., ein Schwimmbad nicht nur als Ort des Spiels und der Ertüchtigung, sondern auch als Treffpunkt und als Ort der Rehabilitation, Regeneration.

Die nächsten Möglichkeiten vom Hallenbad aus gesehen, Schwimmen zu gehen, sind zu Fuß - (Wananas, 3 km), (Südpool, 5,4 km), (Schwimmbad Wellenfreibad Südfeldmark, 6 km), (Lago Herne, 7,4 km) - zu weit entfernt. Sie erreicht man mit dem Fahrrad, Bus oder Auto fahren, wenn man denn ein Auto hat. Mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln beträgt die Fahrtzeit für eine Strecke knapp 30 Minuten bis zu einer guten Stunde. Ziemlich zeitaufwendig, meine ich, und es entstehen Fahrtkosten. Dazu kommen dann noch die Kosten für den Eintritt von 5 Euro für ein Kind für 2 Stunden im Wananas. (Angabe im Internet im April 2021.) Der Abriss vom Hallenbad Solbad würde die Möglichkeit, Schwimmen zu gehen, nicht nur für die Kinder aus dem Umfeld des Bades, sondern für alle Altersgruppen erschweren! Besonders betroffen wären meines Erachtens die Kinder, Alleinerziehende, Schwerbehinderte und Senioren, weil für diese Gruppen die gute Erreichbarkeit eine wichtige Rolle spielt. Auch die Kosten für den Besuch eines der oben aufgeführten Bäder würden für viele Bewohner des Stadtviertels Wanne-Süd 1 angesichts der oben beschriebenen finanziellen Lage ein Problem sein.

Wenn man bei den Sportmöglichkeiten, hier bei dem Hallenbad spart, entstehen Kosten für Jung und Alt an anderer Stelle, wie zum Beispiel im Gesundheitsbereich. Es entstehen auch soziale Probleme vor allem für Kinder und Jugendliche, die die Stadt, die Gemeinschaft ein ganzes Menschenleben lang mit trägt. Hallenbad Solbad und Bau von Wohnungen möglich? Man sollte nicht nur in Alternativen denken: Entweder Hallenbad oder Wohnungsbau.

In Kopenhagen gibt es seit 2017 eine Müllverbrennungsanlage, die gleichzeitig Park und Skipiste ist. (AMANGER RESSOURCE CENTER, in: Friedrich von Borries, Benjamin Kasten, Stadt der Zukunft, S.157ff.) Ich denke am Hallenbad Eickel kann man vielleicht ein bis zwei Stockwerke drauf setzen. An das Hallenbad schließt sich nach Westen hin schon ein Wohnhaus im gleichen Baustil an. Die Fläche um das Gebäude herum wird man eher nicht weiter bebauen, da dort alte Bäume stehen, die sicher dort bleiben sollten. Was da möglich ist, müsste sich mal ein Architekt anschauen. Und es müsste auch eingehend geprüft werden, ob, angesichts der hohen Besiedlungsdichte und der dem entsprechend dichten, überwiegend mehrstöckigen Bebauung bei wenigen Ein- u. Zweifamilienhäusern, ein in die Höhe bauen - auch im Hinblick auf die Klimafolgen - sinnvoll wäre. Die Flächenbewertung aus klimaökologischer Sicht ist auf der Nordseite der Straße Am Solbad ungünstig bis sehr ungünstig (Klimaanalyse ..., S. 140.) Die Anfälligkeit gegenüber Hitzebelastung in dem Stadtteil ist erhöht. Das Gebiet liegt schon jetzt im Bereich einer Wärmeinsel (Klimaanalyse.., S. 123). Möglicherweise könnte es zu (Luft-)Austauschproblemen kommen, da keine unmittelbare Anbindung an den bioklimatischen Ausgleichsraum im Süd – Westen besteht; denn westlich der Hauptstraße liegt zwischen dem bioklimatischen Ausgleichsraum im Süd -Westen und der Straße Am Solbad ein sehr dicht besiedeltes Gebiet.

Kostenberechnung für neue Schwimmmöglichkeiten

Zu der Berechnung der für Schwimmmöglichkeiten zu investierenden Kosten gehört auch die Berechnung und Berücksichtigung der Kosten für den Rückbau bzw. Abbruch des bestehenden, wenn auch sanierungsbedürftigen Gebäudes, das ja im Prinzip nur an anderer Stelle und in anderer Form wieder aufgebaut wird, wie in diesem Fall in Form der Erweiterung des Herner Südpools um zwei Lehrschwimmbecken. Das Hallenbad bietet sicher mehr, als die zwei Lehrschwimmbecken. Wenn man die Kosten für beide Projekte vergleichen will, muss man m.E. berechnen:

  • – die Kosten für die Sanierung des Hallenbades Solbad, einschließlich einer gesonderten Kostenaufstellung für zwei Lehrschwimmbecken oder Entsprechendem auf der einen Seite
  • – die Kosten für die zwei neuen Lehrschwimmbecken zuzüglich der Kosten für den Rückbau bzw. Abriss des Hallenbades Solbad auf der anderen Seite.

So könnte man den Preis für den Bau bzw. die Sanierung der zwei Lehrschwimmbecken oder Entsprechendem miteinander in etwa vergleichen.

Mit dem Abriss des Hallenbades würde ein Gebäude verschwinden, was neben anderen alten Gebäuden das Viertel so einzigartig, besonders macht. Der Stadtteil würde so ein Stück weit auch seiner Geschichte beraubt. Mir stellt sich die Frage: Müssen in diesem Stadtteil unbedingt weitere Wohnungen gebaut werden? Zur Alternative, Abriss und Bau von Wohnungen, möchte ich neben dem oben aufgeführten Bedarf an Freizeit- und Sportmöglichkeiten auch noch folgendes zu Bedenken geben: Im Montoringbericht ist auf S. 56 der Karte 34 zu entnehmen, dass der Wohnungsleerstand im Umfeld des Hallenbades , mit 7,8 Prozent und mehr stark überdurchschnittlich hoch ist.

Resümee

Wäre ein Schwimmbad mit vielen Möglichkeiten im Hinblick auf das Sichbewegen und Fortbewegen im Wasser und darüber hinaus zum Treffen und Verweilen an einem Kiosk zum Beispiel vorne am Eingang oder auf einer begrünten Dachterrasse nicht viel sinnvoller angesichts der Probleme in Wanne-Süd 1? Könnte ein solches Modell nicht auch deshalb schon mit zur Problemlösung beitragen, weil hier langfristig sichere Arbeitsplätze geschaffen werden könnten für Bademeister, Krankengymnasten (Kurse, Wassergymnastik), Reinigungskräfte, und darüber hinaus auch Arbeitsplätze in der Gastronomie. Könnten in einem sanierten Hallenbad nicht auch neue Ausbildungsplätze entstehen?

Und da es sich um ein städtisches Bad handelt, könnte in diesem Fall nicht festgelegt werden, dass die Arbeits- und Ausbildungsplätze nur von Menschen besetzt werden, die in Herne, möglichst im Umfeld des Bades leben? Das Hallenbad könnte (wieder) ein Magnet sein nicht nur für Vereine, sondern auch für die Bevölkerung der umliegenden Stadtteile, weil die Teilnahme an Wassergymnastik- Kursen und Ähnlichem zum Beispiel für Senioren aus Eickel und darüber hinaus attraktiv ist und von der Entfernung her erreichbar. Die Menschen, die in Wanne-Süd und Umgebung leben, müssten gefragt werden, was sie wollen. Ist das schon geschehen?

Online-Petition

Es lohnt sich meines Erachtens auch, die Möglichkeiten der öffentlichen Förderung noch mal eingehend zu prüfen und Ablehnungen auch öffentlich zu machen. Ich möchte Ihre Petition (halloherne berichtete) auf jeden Fall auch unterschreiben. Bitte senden Sie mir eine Durchschrift mit Unterschriftenliste zu. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass es noch viele andere Menschen gibt, die unterschreiben würden, u.a. Schulkollegen, die Sport bzw. Schwimmunterricht erteilen und vermutlich schon lange mit dem Mangel an Lehrschwimmbecken und Bewegungsproblemen bei einer großen Anzahl von Schülern konfrontiert sind.

Vielen Dank und freundliche Grüße Susanne Adami."

Quelle: