Jeder ist Bundestrainer - oder Gesundheitsexperte

Darf es etwas mehr sein?
Darf es etwas mehr sein? Grafik: Jörg Lippmeyer

Man lernt doch niemals aus. Mir war bislang unbekannt, dass man im Geographiestudium wesentliche Kompetenzen zur Beurteilung der Qualität der Krankenhaus-Versorgung erwirbt. Da hat der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) eine Stellungnahme ihres leitenden Geographen Dr. Rudolf Grothues zur Bertelsmann-Studie Zukunftsfähige Krankenhausversorgung bei halloherne publiziert, vielleicht ja sogar als Antwort auf meinen Artikel Eulen nach Athen. Der Artikel des Rudolf Grothues ist allerdings nicht von nennenswertem Sachverstand bezüglich einer Krankenhausversorgung, die dem gesetzlichen Credo - notwendig, ausreichend, wirtschaftlich, zweckmäßig – entspräche, geprägt. Er ist eher eine Zusammenfassung etlicher, überwiegend kirchturmpolitisch geprägter Bedenken. Dabei verwechselt er Erreichbarkeit mit medizinischer Kompetenz.

Dass der LWL Stellung gegen die Studie bezieht, verwunderte mich zunächst. Der LWL ist nur Träger von psychiatrischen Kliniken und als solcher von der Bertelsmann-Studie kaum tangiert. Rudolf Grothues ist aber nicht nur Geograph beim LWL, sondern auch stellvertretender Bürgermeister von Beckum. Als solcher könnte ihn durchaus die Sorge umtreiben, dass sein lokales St. Elisabeth-Krankenhaus nicht zu den 580 verbleibenden Kliniken gehören könnte, falls die Erkenntnisse aus der Bertelsmann-Studie umgesetzt würden. Insoweit stellt sich mir durchaus die Frage, inwieweit Herr Grothues den LWL instrumentalisieren darf, um seine lokalpolitischen Interessen zu verfolgen. Aber das geht mich nichts an, sondern nur den LWL.

Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey.
Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey. Foto: Wolfgang Quickels

Von Grothues zitierte Kritiker werfen der Studie vor, in erster Linie rein ökonomische Kriterien angelegt zu haben. Ich habe die Studie von der ersten bis zur letzten Zeile gelesen. Der Tenor der Studie ist eindeutig die Qualität der medizinischen Versorgung. Nun ist es eine Eigenart unseres Gesundheitswesens, fast ausschließlich durch Zwangsbeiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung und Steuern finanziert zu werden. Ich schätze mal als juristisch unbedarfter Mediziner, dass es der Verfassung nicht widerspricht, aus den zwangsweise erhobenen Mitteln das Maximale und Optimale herauszuholen. Dazu gehören nicht zwingend kleine Provinzkrankenhäuser mit eingeschränktem Leistungspotential.

Dann wird der derzeitige Präsident der Bundesärztekammer zitiert, der seinerseits einen grundgesetzlichen Auftrag der Daseinsvorsorge und Gleichheit der Lebensverhältnisse bemüht, um jegliche Veränderung der Krankenhauslandschaft abzulehnen. Ich denke auch, dass die ländliche Bevölkerung die gleiche Chance auf Überleben im Falle einer individuellen gesundheitlichen Katastrophe haben sollte, wie die Bürger in der Nähe einer Hochleistungsklinik. Das aber kann man nur mit einem hochgerüsteten Krankentransportsystem erreichen, nicht aber mit einem Krankenhaus der Mittelklasse in der Diaspora. Die Annahme, dass rasche Erreichbarkeit besser sei als medizinische Leistungsfähigkeit, ist typisch für medizinische Laien, zu denen ich Herrn Grothues insbesondere nach seinem Presseartikel rechnen würde.

Unserem Gesundheitsminister Spahn (Zitat: „Krankenhäuser vor Ort sind für viele Bürger ein Stück Heimat") will ich ja gerne glauben, dass Heimatpflege wichtig sei. Ob aber die Mittel der gesetzlichen Krankenversicherungen für Heimatpflege verwendet werden dürfen, wage ich dann doch zu bezweifeln. Aber er kommt ja aus dem münsterländischen Ahaus. Das dortige Krankenhaus könnte bei dem notwendigen Kahlschlag ebenfalls leicht auf die Abschussliste geraten.

Das Verlangen von Herrn Grothues, jedes mittelklassige Krankenhaus mit High-End-Technik in allen Bereichen hochzurüsten, zeigt in besonderem Maße seine gesundheitswissenschaftliche Ahnungslosigkeit. Das würde allenfalls, angesichts der Honorierung von Kliniken für Interventionen, zu einer Steigerung unnötiger Eingriffe führen, nicht aber zu mehr Fachkompetenz und Erfahrung durch hohe Zahlen wie in Großzentren.

Unbestreitbar ist hingegen und wird von der Bertelsmann-Studie auch wahrgenommen, dass die Umsetzung der formulierten Ziele mit einer dramatischen Neuordnung der ambulanten Medizin, insbesondere der Facharztversorgung, einhergehen muss. Vorschläge hierzu bleibt die Studie leider schuldig.

Es war zu erwarten, dass interessengeleitete Volksvertreter und Kirchturmpolitiker, zu denen ich auch Herrn Grothues zähle, vehement gegen die Studie mit allerlei Schwurbel-Argumenten zu Felde ziehen würden. An der wissenschaftlichen Expertise der Studie ändert das nichts.

Das Festhalten an vielen kleinen Tante-Emma-Krankenhäusern und -Praxen ist mit Sicherheit nicht die Lösung der Probleme in unserem Gesundheitswesen.

Autor: