Eulen nach Athen

Kolumne von Dr. Gerd Dunkhase

Greifvogeltag auf der Halde.
Diese Eule saß in Herten - bis Athen wären es 2.675,4 Kilometer. Foto: Carola Quickels

Die älteren Mitbürger aus Herne und Wanne-Eickel erinnern sich vielleicht: auf dem heutigen Herner Stadtgebiet gab es bis in die späten 60-er Jahre 7 (sieben) Krankenhäuser mit der seinerzeit üblichen Vollversorgung, bestehend aus Chirurgie, Innerer Medizin und Gynäkologie, ergänzt durch vereinzelte Belegstationen wie Urologie, HNO oder Neurologie. Geblieben sind davon das Marienhospital, das St. Anna-Hospital und das EvK-Herne. Das St. Josefs in Börnig ist heute kein Krankenhaus mehr, das St. Josefs in Eickel hat Jahrzehnte als Rheumaklinik überlebt, das EvK-Eickel ist weitgehend als Lungenfachklinik umgebaut und das Marien-Hospital Eickel ist schon seit mehr als 30 Jahren eine reine psychiatrische Klinik. Dadurch haben wir in Herne eine beeindruckende Versorgung mit klinischer Spitzenmedizin bekommen, wie sie nur wenige Regionen in Deutschland vorweisen können. Ähnlich wie in Herne haben Veränderungen der Krankenhauslandschaft im gesamten Ruhrgebiet und wohl auch im restlichen Deutschland stattgefunden.

Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey.
Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey. Foto: Wolfgang Quickels

Nun hat die Bertelsmann-Stiftung eine bemerkenswerte Studie veröffentlicht. Die Quintessenz: Von derzeit 1.400 Krankenhäusern würden circa 580 ausreichen und das bei besserer medizinischer Versorgungsqualität. Was die Studie nun mit wissenschaftlicher Kompetenz belegt, weiß seit 30 Jahren und mehr fast jeder Arzt und auch jeder halbwegs informierte Krankenkassen-Manager. Vor allem aber zeigt diese Studie, in welch bizarre Irre unser Gesundheitswesen abgedriftet ist. Für Insider ist das der kältest mögliche Kaffee – nur die Politik verweigert sich dieser Erkenntnis. Für sie war das Gesundheitswesen seit jeher das Feld, wo sie ihre oft aberwitzige Klientel- und Gefälligkeitspolitik betreiben konnte und ein Konsumklima geschaffen hat, das jedes Maß überschreitet. Diese groteske Überversorgung zurückzuführen wäre für jeden Gesundheitsminister, jede Regierung geradezu ein Himmelfahrtskommando. Und es wäre – anders als zum Beispiel in Dänemark, wo das Gesundheitswesen schon immer weit weniger konsumdominiert war – ein gigantisches Projekt.

In Dänemark gab es bis vor etwa 20 Jahren noch 80 Kliniken. Das entspricht dort 1 Klinik auf etwa 75.000 Menschen. Die hat man auf 32 Kliniken der Maximalversorgung reduziert, also pro 187.000 Personen 1 Klinik. Dafür hat man die Transportkapazitäten insbesondere für Akutpatienten optimiert (Hubschrauber etc.). Die geschlossenen Kliniken hat man in Ambulatorien für fachärztliche Medizin mit sehr weitreichenden Möglichkeiten umgewandelt. Erreicht hat man damit nicht nur eine verbesserte Versorgung mit ambulanter fachärztlicher Medizin sondern vor allem eine dramatische Verbesserung der stationären Medizin. So konnte man die Akut-Sterblichkeit infolge Herz-Kreislauf-Erkrankungen um 50 Prozent reduzieren.

Für die Behandlung von akuten Herzinfarkten ist ein Herzkatheterlabor mit der Möglichkeit der Erweiterung von verengten Coronargefäßen unumgänglich. Eine derartige Behandlungsmöglichkeit ist in Deutschland aber nur in etwa 35 Prozent der Akut-Krankenhäuser vorhanden. Da wird also ein Patient mit einem Herzinfarkt in ein nahes, aber keineswegs optimal ausgestattetes Krankenhaus eingeliefert. Das dauert dann vielleicht nicht 45 Minuten, sondern nur 15 Minuten. Dort wird er untersucht – EKG, Labor, etc. - , dann steht die Diagnose fest: Herzinfarkt. Bis dahin sind mindestens 30 Minuten vergangen. Es ergibt sich die Indikation zum Herzkatheter. Also erfolgt die Verlegung in die nächstgelegene geeignete Klinik, Organisation der Maßnahme und Transport – mindestens 60 Minuten. Bis zu Einleitung akut erforderlicher Eingriffe wurden also rund 1 ¾ Stunden verschenkt. Schon daraus ergibt sich, weshalb man einen Herzinfarkt besser in Dänemark erleiden sollte.

Ins Krankenhaus gehört man, wenn absolute High-Tech-Medizin mit entsprechend geschulten und erfahrenen Teams notwendig ist und wenn die Erkrankung die permanente, unmittelbare Nähe hochqualifizierter Ärzte erfordert. Alles andere ist Sache der ambulanten Strukturen, insbesondere des Facharztsystems. Traditionell wildern aber die Kliniken, die unterhalb der Maximalversorgung angesiedelt sind, in großem Stile im ambulanzfähigen Markt der fachärztlichen Medizin. Sie tun das zu Kosten, die eine gleichwertige ambulante Maßnahme in einer Praxis um das 10-fache oder mehr übersteigen.

Es findet in Deutschland also eine fast irrsinnig zu nennende Verschwendung von Mitteln letztendlich zu Lasten der Patienten statt. Fast alle Probleme, die wir derzeit haben – Pflegenotstand, Ärztemangel, Übertherapie mit Endoprothetik, Herzkathetern, überflüssigen Wirbelsäulenoperationen und Ähnlichem – wären lösbar.

Nur, das erfordert von der Politik Eigenschaften, die sie nicht hat: Mut, Überzeugungskraft und Handlungsbereitschaft. Lieber verliert man sich in Klientel- und Gefälligkeitspolitik – Meinungsumfragen ersetzen jedoch keine wissenschaftliche Analyse. Das ist der besondere Charme der Bertelsmann-Studie. Jetzt hat die Politik es schwarz auf weiß, was sie seit mehr als 40 Jahren vergammelt hat.

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