Nicht alles ist Gold, was glänzt

Kolumne von Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey

Der Weg aus der Pandemie ...
Der Weg aus der Pandemie ... Illustrator: Jörg Lippmeyer

Wir wissen es inzwischen, aus der Pandemie kommen wir nur raus durch testen, testen testen und impfen, impfen, impfen. Während sich beim Impfen die Qualitätsunterschiede nahe der Haarspalterei bewegen, gibt es beim Testen doch erhebliche Diskrepanzen. Schnelligkeit oder Genauigkeit, Antigen-Test oder PCR-Test, Selbsttest oder Test durch Profis, Nasen-Rachenabstrich, den einfachen Nasenabstrich, aber auch Speichelschwämmchen und Rachenspüllösungen: Welche der verschiedenen Corona-Testverfahren sind wofür geeignet, welche Stärken, welche Schwächen haben sie. Und vor allem stellt sich die Frage der notwendigen Häufigkeit.

Wir wissen inzwischen, nach einer Infektion dauert es etwa fünf Tage bis das Virus im Rachenraum nachweisbar ist. Deshalb bestand einige Zeit die im Prinzip völlig richtige Regel, alle Urlaubsrückkehrer zunächst 5 Tage in Quarantäne zu schicken und erst dann zu testen. Leider ließ sich das in der Praxis nicht umsetzen, weshalb man auf Tests an den Flughäfen setzte. Aber so ein Test ist eben nur eine Momentaufnahme, egal, welche Art von Test verwendet wird. Wer am Flughafen noch negativ war, kann 2 Tage später schon ein Superspreader sein und damit seine Großeltern ums Leben bringen. Viele waren im letzten Herbst verantwortungsbewusst, viel zu viele aber auch nicht. Daran sind summa summarum 50.000 Menschen gestorben und das medizinische Personal auf den Intensivstationen ist in die Knie gegangen. Die Zahl derer, die an den Spätfolgen der Infektion leiden, dürfte um ein vielfaches höher liegen. Man wird sie wohl erst in einigen Jahren in den Krankenkassenstatistiken finden.

Die alles entscheidende Frage bei jeder Art von Test ist: Bin ich infektiös und - unmittelbar damit verbunden - bin ich infiziert. Es geht also um die Empfindlichkeit des Tests, die Sensitivität. Die sagt uns, wie hoch die Menge ausgeschiedener Viren sein muss, damit der Test anschlägt. Ist die Sensitivität hoch, kann der Test eine Infektion gegebenfalls in einem Stadium erkennen, in dem die Menge ausgeschiedener Viren noch nicht ausreicht, um andere anzustecken. Dabei ist allerdings nicht geklärt, ob der Betreffende noch nicht oder nicht mehr infektiös ist. Für die Ausbreitung der Pandemie ist jedoch entscheidend, wer das Virus weitergeben kann, wer ansteckend ist.

In der täglichen Praxis sind deshalb drei Dinge entscheidend

  • erstens die Zuverlässigkeit eines Tests
  • zweitens die Schnelligkeit bis das Ergebnis vorliegt
  • drittens für welche Zeit gibt er mir Sicherheit

Bei allen Testmethoden sind zwei weitere Faktoren entscheidend

  • die Probennahme
  • die Testqualität

Bezüglich der Sensitivität ist der PCR-Test unschlagbar. Wenn sich auch nur geringste Mengen Virusmaterial im Nasen-Rachen-Raum befinden, wird das durch diesen Test nachgewiesen. Diese Tests werden zudem ausnahmslos von geschultem Fachpersonal durchgeführt. Deshalb ist die technische Fehlerquote minimal. Leider dauert die Auswertung in der Regel mindestens einen Tag, weil das nur in speziellen Laboren möglich ist. Das kann aber bei der Entwicklung einer Infektion schon zu lange sein. Sicher ist man also nur, wenn nach fünftägiger Quarantäne ein erster und nach sieben Tagen ein zweiter Test durchgeführt wird. Ich bin mir sicher, die Zahl derer, die sich vor Weihnachten oder vor Ostern oder irgendwann an diese Regel gehalten haben, tendiert gegen Null.

Das Spike-Protein der Virushülle

Seit einiger Zeit sind Schnelltests auf dem Markt, die als sogenannte Antigen-Tests auf das Spike-Protein der Virushülle reagieren. Deren Sensitivität ist deutlich geringer. Sie sollen nur die Infektiosität, nicht aber die Infektion zwingend erkennen. Vorweg gesagt, da gibt es gewaltige Unterschiede. Das fängt schon bei der Probengewinnung an: Wird ein Nasen-Rachenabstrich von geschultem Fachpersonal durchgeführt, kann man das als Goldstandard bezeichnen. Die gehen nach einem festgelegten, standardisierten Verfahren vor, bei dem zumindest das Probenmaterial repräsentativ sein dürfte. Dagegen hat man bei den Selbsttests für Laien so gut wie keinen Einfluss auf die Probennahme. Erfolgt der Nasenabstrich in der Schule unter Anleitung einer hoffentlich kompetenten Lehrkraft, gibt das schon ein gewisses Maß an Sicherheit. Jeden einzelnen Schüler können die aber auch nicht kontrollieren. Wird der Abstrich im privaten Rahmen gewonnen, ist die Hoffnung, dass der Anwender den Test richtig durchführt, eher vage.

Vor allem aber besteht bei den auf dem Markt befindlichen Tests ein erhebliches Qualitätsproblem. Zwar müssen die Firmen für eine Zulassung der Tests bestimmte Mindeststandards erfüllen. So dürfen sie nur auf das Spike-Protein von SARS-CoV 2 reagieren. Das nennt man Spezifität. Aber bei der Sensitivität, der Empfindlichkeit, sind diese Mindeststandards oft sehr niedrig angesetzt. Da kann der Laie nicht beurteilen, ob die Tests von Lidl, Aldi oder aus der Apotheke gut, mittel oder schlecht sind. Bei den gängigen Selbsttests wird die Probe auch nur aus der vorderen Nasenhöhle entnommen. In einem frühen, aber schon infektiösen Stadium ist das Virus aber nur im Rachenraum. Schon deshalb ist der professionelle Nasen-Rachenabstrich deutlich sicherer. Ein falsch positiver Test schafft kein Infektionsrisiko, ein falsch negativer kann aber zur Katastrophe führen.

Was können Sie also tun, wenn Sie die Großeltern besuchen wollen? Geht es um annähernd 100 prozentige Sicherheit bleibt nur der PCR-Test am Ende einer mindestens fünftägigen Quarantäne. Solange Sie dann nur bei den Großeltern im Haushalt sind, können Sie sicher sein. Wollen Sie einen Spontanbesuch machen, lassen Sie sich in einem professionellen Testzentrum, in der Apotheke oder beim Arzt testen. Denken Sie jedoch daran, es besteht nur eine relative Sicherheit und die auch nur für die nächsten 5-6 Stunden. Die Offerte einer Sicherheit für die nächsten 48 Stunden taugt nicht einmal als Witz sondern ist einfach nur fahrlässig.

Über die gegenwärtig von den Gesundheitsministern verbreiteten und in den Medien kursierenden Teststrategien, die ja angeblich die dritte Welle der Infektion brechen sollen, kann man eigentlich nur den Kopf schütteln. Sicher, wenig und schlecht testen ist geringfügig besser als gar nicht testen. Ein Unternehmer aber, der glaubt, mit einem einmaligen Selbsttest pro Woche könne er seinen Betrieb coronafrei halten, lebt im Wolkenkuckucksheim. Wie halloherne berichtete üben die Arbeitgeberverbände Ruhr/Westfalen scharfe Kritik und meinen sogar, die Initiative von Minister Hubertus Heil, die Unternehmen zu einem wöchentlichen Testangebot zu verpflichten, sei ein Verstoß gegen das Übermaßverbot. Ist das zynische Ignoranz oder einfach nur völlige Ahnungslosigkeit? Egal, mich macht es fassungslos. Selbst die zwei Gruppentestungen in der Schule sind kaum mehr als Augenwischerei.

Gesammelte Proben zum PCR-Test

Pfiffig ist man übrigens in der Schweiz an einigen Schulen vorgegangen. Dort hat man Proben von jeweils 10 Kindern gesammelt und daraus einen PCR-Test durchgeführt. Ist dieser Test negativ, weiß man, keines der Kinder ist infiziert. Nur bei einem positiven Resultat müssen die übrig gebliebenen Einzelproben erneut untersucht werden. Ein derartiges Poolen spart Zeit und Kosten und wäre auch in Betrieben durchführbar.

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