Neu im Kino: Zwischen uns die Mauer

Anna (r., Lea Freund) und Philipp (l., Tim Bülow).
Anna (r., Lea Freund) und Philipp (l., Tim Bülow). Foto: Kevin Lee Film / Michael Trammer

Zwischen uns die Mauer ist nach dem autobiografischen, gleichnamigen Roman von Katja Hildebrand, erschienen 2006 im Stuttgarter Thienemann-Verlag, entstanden. 1984 verliebte sich die Autorin auf einer Gruppenreise nach Ostberlin in den zwei Jahre älteren Markus – mit dem sie nach der Wende 1989 erneut zusammenkam und den sie 1995 heiratete. Die Filmvorlage ist ein Buch über die Macht der Worte mit unmittelbaren Bezügen zu William Shakespeares Romeo und Julia. Wobei die nur mit Briefen überwindbare Mauer nicht zwei Familien trennte, sondern ein Volk.

Der mehrfach preisgekrönte Jugendfilm-Regisseur Norbert Lechner (Tom und Hack, Toni Goldwascher) erzählt mit Zwischen uns die Mauer, am 4. September 2019 auf dem Fünf-Seen-Filmfestival Seefeld uraufgeführt, binnen 110 packender Minuten die wahre Geschichte einer jungen Liebe im geteilten Deutschland. Als Coming-Of-Age-Geschichte, als romantische Lovestory – und zugleich als eine aufregende Zeitreise in die jüngere deutsche Geschichte.

Wie Katja Hildebrandt in ihrem autobiographischen Roman geht es in Lechners Leinwand-Adaption um den zeitgeschichtlichen Hintergrund des Kalten Krieges, der dreißig Jahre nach dem Fall der Mauer wieder ins Bewusstsein nicht nur des jungen Nach-Wende-Kinopublikums gerückt wird: Der mit Lea Freund (Die Nachtschwestern) und Tim Bülow (Unter dem Sand) mit zwei erstklassigen Nachwuchsdarsteller besetzte Film lässt Geschichte lebendig werden – auch durch Bella Halbens Bildgestaltung und den authentischen Retro-Look des Szenenbildners Hucky Hornberger.

Nach der NRW-Premiere am 1. Oktober 2019 mit Regisseur Norbert Lechner (19 Uhr im Düsseldorfer Bambi, Klosterstraße 78) läuft Zwischen uns die Mauer am 3. Oktober 2019 bundesweit an, hierzulande u.a. im Sweet Sixteen Dortmund und in der Galerie Cinema Essen, geplant ab 10. Oktober 2019 auch im Casablanca Bochum.

Zum Inhalt:

1986. Im Interzonenzug von Westdeutschland nach West-Berlin herrscht ein Kasernenhofton, als die Grenztruppen der Nationalen Volksarmee (NVA) die Pässe der Passagiere prüfen. Die 17-jährige Anna Wagner (Lea Freund) aus Holzminden nimmt an einem kirchlich organisierten Austausch mit einer Jugendgruppe in der Hauptstadt der DDR teil. Wobei das Wort Austausch eigentlich einen Gegenbesuch der Berliner in Ostwestfalen impliziert, aber das ist angesichts des sozialistischen Schutzwalls natürlich unmöglich. Nachdem die Jugendlichen die Mauer aus West-Berliner Perspektive betrachtet haben, geht es über den Bahnhof Friedrichstraße in den Osten.

Vorbei an höchst bescheidenen Auslagen in den Einzelhandelsgeschäften steht ein Besuch bei Pfarrer Andreas Rieger (Götz Schubert) an, der die Gruppe mit Kuchen und Tee bewirtet. Als Pfarrersohn Philipp (Tim Bülow) ins Zimmer kommt, fällt Anna beinahe ihr Kuchenstück aus der Hand: Liebe auf den ersten Blick. Abends beim Abschied am Tränenpalast, der gläsernen Ausreisehalle des Bahnhofs Friedrichstraße für West-Besucher, gibt es eine erste vorsichtige Umarmung. Und Philipp erklärt ihr den Namen des heute unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes: „Wir weinen, weil wir nicht reindürfen und ihr weint, weil ihr uns wieder verlassen müsst.“

Das Tagesvisum für Besucher aus dem Westen gilt nur bis 24 Uhr. Nach vielen romantischen Stunden, fließen tatsächlich Tränen an der Weidendammer Brücke. Anna kehrt verwandelt nach Holzminden zurück, was ihren Eltern Johanna (Franziska Weisz) und Thomas (Fritz Karl) nicht verborgen bleibt. Sie ahnen, dass in Berlin einiges passiert ist, zumal nun häufiger sehnsüchtig erwartete Briefe mit DDR-Marken eintrudeln. Anna versucht mehrfach vergeblich, Philipp telefonisch zu erreichen, und will wieder nach Berlin fahren. Was ihren Eltern gar nicht recht ist, und auch seinen nicht. Der Pfarrer und seine Gattin Martha (Henriette Heinze) wissen, dass sie von der Staatssicherheit überwacht werden und fürchten berufliche Nachteile für Philipp, wenn diese deutsch-deutsche Liebe herauskommt.

Ob er schon oft an Flucht gedacht habe, will Anna von Philipp wissen: „ Ja, weil ich auch mal Croissants in einem Straßencafe essen will oder Michelangelo sehen will. Aber auch nein, weil ich nicht scharf darauf bin, erschossen zu werden oder im Knast zu landen.“ Dennoch schmiedet er Fluchtpläne, fotografiert heimlich die Mauer und den Todesstreifen durch die Dachluke eines Hauses. März 1987. Ihre Eltern wollen Anna nicht nach Berlin fahren lassen, sie setzt sich durch. Die Verliebten sind allerdings längst ins Visier der Stasi geraten.

Ina (Kriemhild Hamann), die heimlich zum kirchlichen Freundeskreis Philipps gehört, soll als NVA-Offizierstochter Funktionärin bei der Freien Deutschen Jugend (FDJ) werden. Sie weigert sich – und kommt bei einem Fluchtversuch um. Die 17-Jährige ist im Todesstreifen verblutet, ihr Fall schafft es im Westen auf die Titelseiten. Philipp wird als Mitwisser verhaftet und kurzzeitig ins Gefängnis gesteckt. Im April 1987, an ihrem 18. Geburtstag bekundet Anna, kurz vor dem Abi nach Prag reisen zu wollen: neuer Fluchtplan für Philipp. Da sie volljährig ist, können ihre besorgten Eltern nichts dagegen unternehmen. Doch Anna wartet vergeblich in einem Prager Cafe: Philipp ist von der NVA aus dem Zug geholt worden.

Der Kontakt ist nun völlig abgebrochen – und auf der feucht-fröhlichen Abiturfeier erneuert Anna ihr Verhältnis zum alten Verehrer Lorenz (Leon Blaschke). 1989. Anna lebt mit Lorenz zusammen. Plötzlich laufen im Fernsehen Bilder von der Maueröffnung. Anna kann es kaum glauben. Sollte der alte Traum noch wahr werden? Fünf Monate später steht Philipp vor ihrer Tür – und Lorenz weiß, was die Stunde geschlagen hat.

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