Der Deich ist gebrochen…

...die Welle rollt unaufhaltsam.

Weit mehr als 100.000 Corona-Tote gab es Mitte November 2021 zu beklagen.
Weit mehr als 100.000 Corona-Tote gab es Mitte November 2021 zu beklagen. Illustrator: Jörg Lippmeyer

Hier kommt eine weitere Kolumne von Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey:

Wissenschaftler schätzen die Zahl der Menschen, die weder durch Impfung noch durch eine überstandene Infektion eine Immunität gegen Covid-19 aufbauen konnten, auf ca. 20 Millionen. 9 Millionen Kinder, für die noch keine Freigabe einer Impfung durch die STIKO vorliegt, können nichts dafür. Der Rest sind Erwachsene, die immer noch nicht begriffen haben, was die Uhr geschlagen hat.

20 Millionen, das ist zudem eine eher konservative Zahl. Denn bei den früh Infizierten und früh Geimpften nimmt die Immunität schon wieder bedenklich ab. Vor allem aber die Ungeimpften treiben die Pandemie an.

Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey.
Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey. Foto: Carola Quickels

Alle, wirklich alle, die nicht geimpft sind, Erwachsene und Kinder, wird das Delta-Virus im Verlaufe dieses Winters finden. Keiner kann sich verstecken. Ja, am Ende wird jeder immun sein, sei es durch Impfung oder Infektion. Von denen, die auf eine symptomlose Infektion pokern, werden am Ende etliche tot oder behindert sein. Wer das nach inzwischen 100.000 Todesfällen und noch viel mehr Langzeit-Geschädigten nicht zur Kenntnis nehmen will, muss die Folgen tragen.

Gut, einzelne mögen oder müssen (die sich nicht impfen lassen können) es schaffen, sich in Sicherheit zu bringen. Sie müssen Kontakte streng meiden, immer eine Maske tragen, das Haus nicht verlassen, dann könnte es klappen.

Die Delta-Welle wird mit rasender Geschwindigkeit bis circa Ende Februar – Anfang März 2022 alle 20 Millionen verschlungen haben, die sich nicht durch Impfung entziehen konnten oder wollten. Die werden sich in erster Linie infizieren und, weit geringer, die früh geimpften Alten, die noch nicht geboostert wurden. Die sind dann auf natürliche Weise geboostert. Nicht alle werden das überleben.

So wird im Verlauf des Winters die Zahl der Immunen zunehmen und die der nicht oder nicht ausreichend Immunen abnehmen. Am Ende, also im Februar oder Anfang März, klingt dann ein restliches moderates Infektions- und Erkrankungsgeschehen unter der bis dahin zu fast 100 Prozent immunisierten Bevölkerung aus. So ist das, das ist das Wesen einer derartigen Pandemie, daran ist nicht zu rütteln.

Wenn sich also die 20 Millionen Nichtgeimpften infizieren und sich auch von den circa 60 Millionen Geimpften etwa 20 Prozent anstecken, das sind ca. 12 Millionen, müssen wir bis zum Ende des Winters in Deutschland mit gut 30 Millionen Infektionen rechnen. Da das Infektionsgeschehen sich infolge der Impfungen deutlich in die jüngere Bevölkerung verlagert hat, ist auch die Sterblichkeit geringer. Bei einer Sterblichkeit von dann vielleicht noch ca. 0,2 Prozent werden aber immer noch ca. 60.000 Menschen diesen Winter an Covid-19 sterben.

Hinter den Toten „verstecken“ sich die Intensivpatienten, die mit mehr oder weniger langwierigen Folgeschäden überleben. Insgesamt ist nach Schätzung optimistischer Experten mit etwa 3.000 Schwerstkranken pro Monat zu rechnen. Diese Zahl könnte das Gesundheitssystem gerade noch verkraften. Das setzt aber voraus, dass die derzeitige Situation, in der 85 Prozent der ungeimpften Infizierten unter 60 sind, stabil bleibt.

Die weniger optimistischen Schätzungen befürchten eine allmähliche (wobei der Begriff „allmählich“ bei der Delta-Variante schon verniedlichend ist) Verlagerung des Infektionsgeschehens in die ungeimpfte ältere Bevölkerung. Klettert das Durchschnittsalter auf 70, nimmt das Infektionsgeschehen schwindelerregende Dimensionen an, dann haben wir 30.000 Schwerstkranke pro Monat.

Zudem werden bei dieser Rechnung nur die 13 Prozent der über 60-Jährigen, die noch nicht geimpft sind, berücksichtigt. Ungeimpfte sind zwar das hauptsächliche Kanonenfutter in diesem Prozess. Unberücksichtigt sind aber noch die Durchbruchsinfektionen. Aus dieser großen Gruppe der Geimpften – inzwischen fast 60 Millionen - werden circa 3.000 Intensivpatienten monatlich dazukommen. Zusammen ergibt das also 6.000 Schwerstkranke pro Monat - aber eben nur, wenn der Altersdurchschnitt der Infizierten nicht steigt.

Das alles wird geschehen, obwohl wir wirklich fantastische Impfungen haben. Die mRNA-Impfung ist genial. Die Struktur der mRNA ist nämlich relativ simpel. Deshalb kann mRNA sehr schnell entwickelt, produziert und ggf. auf neue Mutationen angepasst werden. Ein 80-prozentiger Schutz ist auch, verglichen mit anderen Impfungen – z.B. FSME, Gelbfieber, Ebola – ein sensationell guter Wert. Dadurch wird das Infektionsgeschehen massiv gebremst. Es reicht aber nicht, um das Virus komplett zu besiegen, selbst wenn 100 Prozent der Bevölkerung geimpft wäre.

3.000 Schwerkranke pro Monat - bei vollständiger Durchimpfung - wären für das Gesundheitssystem händelbar. Das Problem bleiben somit die 20 Millionen Ungeimpfter. Selbst bei der defensiven Betrachtung wird die Lage für die Krankenhäuser kritisch.

Auch wenn die Durchimpfung bzw. die „Durchboosterung“ in der gegenwärtigen Situation alternativlos ist, halte ich die derzeitige politische Diskussion über eine Impfpflicht eher für den Ausdruck von Panik über die Erkenntnis der politischen Ratlosigkeit. Die politische Führungsszenerie scheint langsam zu begreifen, dass sie die letzten Monate – mal wieder - im epidemiologischen Wolkenkuckucksheim verbracht hat. Denn, wer heute geimpft würde, bekäme kurz vor Weihnachten die 2. Impfung und würde nicht vor Anfang Januar den vollen Impfschutz erreichen. Also selbst, wenn die Impfpflicht morgen in Kraft träte, käme sie viel zu spät, um die 4. Welle aufzuhalten. Möglicherweise könnte sie soviele zum Boostern im Sommer 2022 bewegen, dass die 5. Welle der Pandemie im nächsten Winter erträglich bleibt und weniger Menschen dahin rafft. Vielleicht hätte es etwas gebracht, hätte man mit einer harten 2G-Regel im August nicht nur gedroht, sondern sie tatsächlich durchgesetzt – und zwar aus klaren epidemiologischen Zwängen. Das als Schikanemaßnahme gegen die Impfschlamper zu diskreditieren, war ein kapitaler Fehler.

Da auch Geimpfte infiziert sein können und somit das Virus weitergeben können, wird man bei realistischer Betrachtung in den nächsten Wochen um einen erneuten Lockdown, mindestens aber eine knallharte 2G-plus Regel (d.h. Geimpfte oder Genesene mit negativem Test) kaum herumkommen, will man das Gesundheitssystem nicht kollabieren lassen. Mit halbherzigen „Wellenbrechereien“ ist da nichts mehr zu gewinnen. Weihnachtszaubereien wie in Crange dürften damit rasch unter die magische Grenze der Unwirtschaftlichkeit fallen.

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