Bilanz für 24/25 vorgestellt: 12,3 Prozent weniger als im Vorjahr
Bewerberzahl für Ausbildungsplätze geht zurück
Es scheint, als prallten Welten aufeinander. Dabei sind es nur verschiedene Generationen – Jüngere und Ältere. Mitunter könnte man glauben, sie sprechen nicht die gleiche Sprache. Ihre Vorstellungen vom Leben offenbaren sich als so unterschiedlich wie die Trikotfarben von Sportvereinen. Die neueste Jugendstudie von Shell offenbart, dass die Jugend von heute mehr Angst vor Krieg als vor Arbeitslosigkeit hat. Pandemie, Krieg und Klima sind so wichtig wie das Bedienen ihres Handys.
Früher war es das erste Auto, das ein Gefühl von Freiheit vermittelte. Heute ist es das Netz. Treffen finden nicht selten virtuell statt. Ein Führerschein wird dazu nicht mehr gebraucht. Das Aufeinanderprallen von Jung und Alt gab es schon immer, aber die Eckdaten unserer Umwelt haben sich enorm verändert. Dabei hat die Transformation gerade erst so richtig begonnen. Auch junge Me schen müssen irgendwann lernen, ihr Leben beruflich zu bestreiten. Dass sie einen echten Mehrwert für die Betriebe schaffen können, müssen Unternehmen lernen.
Passende Ausbildung ist wie ein passendes Puzzleteil zu finden
Die Entscheidung für eine passende Ausbildung ist so schwierig wie das passende Puzzleteil in einem riesigen Bild zu entdecken. Den Unternehmern geht es bei der Nachwuchssuche nicht anders. Trotzdem finden jedes Jahr viele Jugendliche ihren Weg in den Beruf und werden zu Fachkräften ausgebildet.
Aber das reicht noch lange nicht. Bis zum Jahr 2035 werden in Herne über 10.000 Fachkräfte in den Ruhestand eintreten. Am 30. September endete das offizielle Berufsberatungsjahr. Gemeinsam mit den lokalen Paktpartnern zum Ausbildungsmarkt und dem Schulleiter des Pestalozzi Gymnasiums zieht die Agentur für Arbeit Bochum für 2024/2025 Bilanz.
95 Jugendliche waren Ende September noch unversorgt
Seit Beginn des Berufsberatungsjahres im Oktober 2024 meldeten sich 1.214 Bewerber für eine Berufsausbildungsstelle bei der Agentur für Arbeit. Das sind 171 Jugendliche (12,3 Prozent) weniger als im Jahr davor. Ende September waren 95 Jugendliche noch unversorgt. Im Vergleich zum Vorjahresmonat gab es damit 16 mehr unversorgte Jugendliche zum Ausbildungsstart als im Vorjahr.
Die Jugendlichen in Herne suchen schwerpunktmäßig noch eine Ausbildung bzw. ein duales Studium als (zur besseren Lesbarkeit verwenden wir nur die männliche Bezeichnung, Anm. d. Red.): Kaufmann (Büromanagement), Kfz-Mechatronikern (PKW-Technik), Medizinischer Fachangestellter, Fachinformatiker (Anwendungsentwicklung), Anlagenmechaniker (Sanitär-/Heizung-Klimatechniker), Fachinformatiker, Verkäufer, Elektroniker, Friseur, Immobilienkaufmann.
Vermittlungen werden fortgesetzt - mindestens bis Ende 2025
Die Vermittlungsaktivitäten werden bis mindestens Ende des Jahres fortgesetzt. Die Erfahrung zeigt, dass sich in den nächsten Wochen weiter junge Menschen, aber auch Betriebe mit offenen Ausbildungsplätzen melden werden. Es lohnt sich also weiterhin, sich mit der Agentur für Arbeit in Verbindung zu setzen, sowohl für die Ausbildungssuchenden als auch für die Betriebe.
Die Unternehmen meldeten bis zur Bilanzauswertung 1.133 Ausbildungs- und duale Studienplätze. Das sind 212 Stellen (23 Prozent) mehr als vor einem Jahr. Rein rechnerisch kommen damit auf 100 Stellen 112 Bewerber. Zum Stichtag dieser Bilanz blieben noch 80 Ausbildungsplätze unbesetzt. Vor allem in folgenden Berufsfeldern gibt es noch freie Plätze: Verkäufer, Kaufmann im Einzelhandel, Medizinischer Fachangestellte, Industriekaufmann, Fachwirt Handel, Zahnmedizinischer Fachangestellter, Fachkraft Lagerlogistik, Straßenbauer.
Dr. Frank Dudda, Oberbürgermeister der Stadt Herne, betont, dass die Stadt viel für junge Menschen zu bieten hat: „Die Zahl der Ausbildungsstellen in Herne ist im Vergleich zum Vorjahr um über 20 Prozent gestiegen – ein deutliches Plus. Unsere Stadt ist und bleibt ein Azubi-Hotspot. Die Unternehmen vor Ort haben erkannt, dass sie mit Blick auf den demografischen Wandel ihren eigenen Nachwuchs ausbilden und langfristig binden müssen. Für Jugendliche haben sich die Chancen auf dem Ausbildungsmarkt verbessert, weil das Angebot größer geworden ist.“
Noch ist ein Start nicht zu spät
Weiter sagt Dudda: „Auffällig ist jedoch, dass die Berufswünsche vieler Jugendlicher nicht zu den vorhandenen Ausbildungsplätzen passen. Dieses Passungsproblem müssen wir weiterhin gezielt angehen. Noch ist es nicht zu spät, eine Ausbildung zu beginnen. 80 Ausbildungsstellen sind derzeit unbesetzt. Mein Appell an die Jugendlichen lautet: Bewerben Sie sich und legen Sie den Grundstein für eine erfolgreiche berufliche Zukunft.“
„Ausbildung sichert Zukunft! Wir müssen es schaffen, deutlich mehr junge Menschen für eine Ausbildung zu begeistern. Daher freue ich mich besonders, dass wir in Herne einen spürbaren Zuwachs an Ausbildungsbetrieben und damit mehr Chancen für junge Menschen verzeichnen können. In den kommenden zehn Jahren werden uns rund ein Viertel aller Herner Arbeitskräfte altersbedingt verlassen – diese Lücke müssen wir füllen. Dafür brauchen wir Entschlossenheit, Kreativität und den Mut, auch neue Wege zu gehen. Die Zeit drängt: Nur wenn wir jetzt gemeinsam anpacken, mit voller Kraft und vielen guten Ideen, sichern wir die Fachkräfte von morgen“, fordert Christopher Meier, Vorsitzender Geschäftsführer der Agentur für Arbeit.
Ausbildung und duales Studium sind gute Alternativen zum Abitur
Für Volker Gößling, Schulleiter Pestalozzi Gymnasium, steht im Mittelpunkt, dass seine Schule Anschlussmöglichkeiten und Orientierung bietet: „Gerne sind wir als Pestalozzi-Gymnasium Gastgeber der Schülermesse zum dualen Studium und auch der Pressekonferenz zur Ausbildungsmarktbilanz Herne, denn uns sind nicht nur die schulischen Werdegänge, sondern auch die Anschlussperspektiven unserer Schülerinnen und Schüler wichtig. Auch wenn das große Ziel des Gymnasiums ist, alle oder zumindest möglichst viele Schülerinnen und Schüler zur allgemeinen Hochschulreife zu führen, sind für uns eine Ausbildung, ein duales Studium und ein Studium allesamt sinnvolle Anschlussperspektiven, unter denen jede einzelne Schülerin und jeder einzelne Schüler passgenau auswählen sollte. Schulveranstaltungen wie die Messe zum dualen Studium sowie eine individuelle Beratung und Begleitung sind angesichts der vielfältigen Möglichkeiten, die es heute gibt, bei dem Findungs- und Auswahlprozess äußerst wichtig.“
Lars Bergmann, Hauptgeschäftsführer Arbeitgeberverbände Ruhr/Westfalen, nimmt Stellung zur aktuellen Entwicklung. Dabei unterstreicht er auch, wie wichtig es ist, dass alle Paktpartner an einem Strang ziehen: „Der Ausbildungsmarkt in Herne zeigt Licht und Schatten. Positiv ist, dass die Betriebe wieder deutlich mehr Ausbildungsplätze anbieten – ein Plus von über 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das ist NRW-weit Platz drei und eine tolle Entwicklung. Gleichzeitig aber ist die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber dramatisch eingebrochen.“
Weiter führt er aus: „Besonders bei jungen Menschen unter 20 Jahren und bei Bewerbern aus beruflichen Schulen ist der Rückgang spürbar. Damit droht eine gefährliche Schieflage: Die Betriebe öffnen ihre Türen, aber es kommen weniger Jugendliche nach. Und wenn nach wie vor 95 junge Menschen unversorgt sind zeigt das: Als Paktpartner für Ausbildung müssen wir gemeinsam erreichen, dass Berufsorientierung bereits ab der Mittelstufe noch stärker verankert wird, die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Betrieben weiterwächst und die gesellschaftliche Wertschätzung der dualen Ausbildung spürbar zunimmt.“
Deutliches Azubiminus bei gewerblich-technischen Berufen
„Wir verzeichnen aktuell ein deutliches Minus bei den gewerblich-technischen Ausbildungsberufen. Die eher verhaltene gesamtwirtschaftliche Lage wirkt sich auch auf die Berufswahl junger Leute aus. Sie scheuen sich, in Betrieben anzuheuern, die aufgrund negativer Entwicklung in den Nachrichten sind“, berichtet Michael Bergmann, Hauptgeschäftsführer Industrie- und Handelskammer Mittleres Ruhrgebiet, und fährt fort: „Auch 2025 setzt sich der allgemeine Trend fort, dass Azubis eher bereit sind, ein Ausbildungsverhältnis zu lösen. Das Angebot an Lehrstellen ist groß und junge Menschen sind weniger bereit, Bedingungen zu akzeptieren, die ihnen nicht passen. Deshalb ist es umso wichtiger, dass die Erwartungshaltung auf beiden Seiten – bei Azubis und Betrieben – geklärt ist. Ein klar strukturiertes Onboarding der jungen Menschen kann hier helfen. Dabei unterstützen wir die Betriebe.“
Stefan Marx, Regionsgeschäftsführer DGB Ruhr-Mark mahnt: „Trotz der guten Entwicklung dürfen wir hier in Herne nicht nachlassen. Unsere Jugendlichen sind unsere Zukunft. Wir müssen sie auf hohem Niveau ausbilden, um ein guter Standort für Ansiedlungen zu bleiben.“
„Ausbildung ist das Fundament für jede erfolgreiche Zukunft – und das Handwerk bietet dafür die besten Chancen. Wer sich fürs Handwerk entscheidet, lernt nicht nur einen Beruf, sondern schafft sich ein ganzes Leben voller Möglichkeiten. Vom Gesellen bis zum Meister, vom Azubi zum Unternehmer: Diese Wege stehen jungen Menschen offen, wenn sie möchten. Unsere Betriebe brauchen motivierten Nachwuchs – und junge Menschen brauchen eine Perspektive mit Sinn, Sicherheit und Stolz. Ausbildung im Handwerk verbindet beides“, sagt Jens Probst, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Ruhr.