Mädchen in ihrer Selbstwahrnehmung stärken

'Schattenlicht e.V.' bietet Präventionsangebot für Mädchen ab 14-Jahre

Die Mädchen basteln eine Schatzkiste während des Präventionsprojektes.
Die Mädchen basteln eine Schatzkiste während des Präventionsprojektes. Foto: Beratungsstelle Schattenlicht

Eigene Grenzen benennen und klar abstecken, das ist etwas, was besonders vielen jungen Mädchen schwerfällt. Deshalb setzt sich die Beratungs- und Kontaktstelle für Frauen und Mädchen - Schattenlicht e.V. unter anderem für die Stärkung des Selbstbewusstseins und die Schärfung der eigenen Wahrnehmungen junger Mädchen ein. Mitarbeiterin Annelie Ringmann-Gogolla hat dafür das Präventionsangebot - Sei du selbst. Alle anderen gibt es schon - entwickelt.

„Das Projekt entstand, da meine Kolleginnen bemerkten, dass immer mehr junge Mädchen unsere Beratungsstelle aufsuchten, da auch sie schon massive Gewalt in ihren Beziehungen erlebten“, erzählte die Diplom-Sozialwissenschaftlerin Annelie Ringmann-Gogolla.

Mädchen-Empowerment

Um dem entgegenzuwirken, habe Ringmann-Gogolla dann das Präventionsangebot entwickelt, das sich an Mädchen ab 14 Jahren richtet: „Konkret geht es um Empowerment. Wir wollen Mädchen informieren sowie stärken und nicht erst ansetzen, wenn „das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist." Alle weiterführenden Schulformen können das Projekt in Anspruch nehmen. An vier verschiedenen Terminen à 90 Minuten besucht Ringmann-Gogolla die Mädchengruppen und erarbeitet mit ihnen das Projekt.

„Etwas, was ich von den Mädchen sehr häufig höre, ist: 'Cool, dass es ohne Jungs stattfindet'," so die Diplom-Sozialwissenschaftlerin. „Und ich merke, dass die Mädchen sich in diesem geschützten Raum viel besser öffnen."

Das erste Modul des Angebots umfasst die eigenen Gefühle. Die Mädchen lernen hier, ihre eigenen Gefühle zu deuten und auf ihr Bauchgefühl zu vertrauen. Im zweiten Modul wird darüber gesprochen, was eine gute Beziehung ausmachen und was nicht. „Ich erkläre den Mädchen rechtliche Grundlagen, spreche mit ihnen aber auch über Warnsignale wie übertriebene Eifersucht des Partners oder auch über eine Kontrollsucht des Partners", berichtete die Mitarbeiterin von Schattenlicht.

Im Weiteren lernen sie, anhand einer Beziehungs-Geschichte ihre Grenzen abzustecken. „Ich lese den jungen Mädchen eine fiktive Geschichte mit Beziehungssituationen vor, sie entscheiden dann mithilfe eines Kartensystems, wann ihre persönliche Grenze überschritten ist. Ziehen sie die Rote Karte, heißt das: Bis hier her und nicht weiter", so Ringmann-Gogolla.

Eigene Grenzen setzen

Annelie Gogolla.
Annelie Gogolla. Foto: Privat

Danach entwickele sich meist eigenständig eine Diskussion unter den Mädchen. „Hierbei ist es erstaunlich, wie unterschiedlich sie ihre Grenzen festmachen. Es gibt Mädchen, die finden Dinge wie zum Beispiel übertriebe Eifersucht oder das Hinterher-Spionieren zunächst nicht schlimm und deuten es als Liebesbeweis. Während des Projektes beginnen sie ihre Wahrnehmung zu hinterfragen", so die Diplom-Sozialwissenschaftlerin.

Das dritte Modul umfasst Ressourcenarbeit. Dieses Modul behandelt die eigene Wahrnehmung und die der Anderen. „Es geht auch darum, aus der Opfer-Haltung herauszukommen. Die Teilnehmerinnen sollen ihre eigene Haltung hinterfragen. Rede ich mir immer ein, etwas nicht zu können, wird es irgendwann auch so sein. Oftmals ändert eine positivere Grundeinstellung schon Vieles", so Ringmann-Gogolla.

Die Mädchen sollen lernen, sich den Platz zu nehmen, der ihnen zu steht

Außerdem bekommen die Mädchen auch eine Liste mit ihren positiven Eigenschaften. Hierbei können sie positive Eigenschaften über sich selbst aufschreiben, aber auch aufschreiben, was sie aneinander schätzen. „Dabei kommen ganz tolle Sachen raus. Es gab ein Mädchen, über das geschrieben wurde, dass sie sehr selbstbewusst sei. Ihre eigene Wahrnehmung war aber eine ganz andere, sie fühlte sich eher unsicher. Das zeigte wieder, dass die Eigen- und Fremdwahrnehmung sich oft deutlich unterscheiden. Es geht bei der ganzen Sache nur um Wertschätzung", so die Entwicklerin des Angebots.

Im letzten Teil des Projekts geht es um das Thema Körpersprache. Aufgrund der Corona-Pandemie musste Annelie Ringmann-Gogolla ihr Vorgehen abändern, da es aus vielen praktischen Gruppenübungen bestand. Nun werde sich eben auf Gestik, Mimik und Haltung konzentriert. „Die Mädchen sollen lernen, sich den Platz zu nehmen, der ihnen zu steht", so Ringmann-Gogolla. Deshalb ist es wichtig, dass sie dies auch mit ihrer Körpersprache ausdrücken können. Außerdem lernen sie dabei, körperlich Grenzen aufzuzeigen.

Am Ende der Reihe erhalten die Mädchen eine Kiste, die sie vorher selbst gestalten konnten. Diese Schatzkiste enthält neben den Projekt-Materialien auch die Liste mit ihren positiven Eigenschaften. „Ich würde mich freuen, wenn die Mädchen ihre Schatzkiste für besondere Erinnerungen nutzen und sie ihnen bei der Stärkung ihres Selbstbewusstseins hilft", so die Mitarbeiterin von Schattenlicht.

Ebenso bietet Annelie Ringmann-Gogolla dieses Angebot auch für geflüchtete Mädchen an, leider habe wegen der Corona-Krise bisher noch kein Termin stattfinden können. Der Verein Schattenlicht sei, wie viele andere Vereine und Organisationen auch, von der Corona-Krise betroffen, deshalb sind die Mitarbeiterinnen über jede Spende dankbar.

Annelie Ringmann-Gogolla hofft mit ihrem Projekt ein Bewusstsein für die Stärkung von Mädchen zu schaffen: „Ich bin wirklich froh, dass sich in Sachen Mädchen-Empowerment etwas tut, und auch in der Gesellschaft ein Bewusstsein für Gewalt gegen Frauen und Mädchen geschaffen wird. Man spürt, dass vieles in Bewegung gebracht wird, aber wir müssen dran bleiben." -Hier gibt es Infos zum Verein.

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