Zu früh gefreut

Eine Kolumne von Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey

Die Segel Cool Cats vor der nächsten Welle?
Die Segel Cool Cats vor der nächsten Welle? Illustrator: Jörg Lippmeyer

Es ist nicht sehr lange her, da wähnte sich Israel als weltweites Musterland für den Umgang mit der Pandemie. Auch die Staaten des Westbalkans schienen mit ihren Maßnahmen erfolgreich zu sein und frohlockten. Da auch bei uns derzeit ein relativ moderates Infektionsgeschehen stattfindet, „sticht viele der Hafer“.

Politiker, insbesondere des wirtschaftsnahen Lagers, ermuntern, wieder zur Normalität zurückzukehren, Bier oder Kaffee trinken zu gehen und Spaß zu haben. Schon diskutiert man allenthalben, die Maskenpflicht im Handel abzuschaffen, wieder Zuschauer in die Fußballstadien zu lassen und in den Schulen nach den Sommerferien einen uneingeschränkten Unterricht durchzuführen.

Aber Gemach: Gerade Israel und der Balkan haben gezeigt, was passieren kann, wenn man die falschen Entscheidungen zur falschen Zeit trifft.

Bereits Anfang Mai öffnete Israel die Schulen mit Unterricht in voll besetzten Klassenzimmern. Kurz darauf wurden mehr als hundert Lehrer und Schüler positiv getestet, aber da war es bereits zu spät. Man konnte die Ursache für unzählige Infektionen nicht mehr nachverfolgen, das Virus war bereits zu weit verbreitet. Die zunächst abgeflachte Kurve der Infektionen zeigt seit Mitte Juni erneut steil nach oben, das Infektionsgeschehen ist außer Kontrolle geraten, das Krisenmanagement chaotisch. In Europa sind mittlerweile Montenegro, Serbien und sogar Luxemburg wieder Corona-Risikogebiet.

Wer dorthin reist, muss nach der Rückkehr in Deutschland damit rechnen, in Quarantäne zu müssen. In Serbien wurde wegen der neuen Infektionswelle ein erneuter Lockdown angekündigt, woraufhin sich uneinsichtige Demonstranten Straßenschlachten mit der Polizei lieferten. Der Rat der EU-Staaten verkündet, dass Bürger aus Serbien und Montenegro aufgrund der steigenden Infektionszahlen ab sofort nicht mehr in die EU einreisen dürfen. Erst Anfang Juli war der Reisestopp gelockert worden. Selbst in der Schweiz wurde eine zweite Welle ausgelöst, als Diskotheken offenbar zu früh öffnen durften.

Während also einige Länder, von denen man zunächst glauben wollte, sie könnten die Pandemie managen, sich letztlich doch durch politische Inkompetenz und fehlende gesellschaftliche Verantwortung erneut in den Schlamassel geritten haben, schwillt die erste Welle in weiten Teilen der Welt weiter an. Die USA haben die Marke von vier Millionen, Brasilien von drei Millionen Infizierten längst durchbrochen. In fast ganz Mittel- und Südamerika, weiten Teilen Afrikas und Südostasiens steigt die Kurve der Infizierten und mit ihr der Toten weiter steil an. Auch in Schweden liegt die relative Zahl der Neuinfektionen, bezogen auf die Gesamtbevölkerung, fast zehn mal höher als in Deutschland.

Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey.
Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey. Foto: Wolfgang Quickels

Zwei Ursachen der infektiologischen Misswirtschaft stechen dabei besonders hervor: Zum einen sind es politische Partikularinteressen. Zur Pflege der Chancen bei Wahlen knickt man dann auch schon mal vor dem verantwortungslosen Mob ein. So verkündete in Serbien Staatspräsident Aleksandar Vučić schon vollmundig den Sieg über Corona, natürlich mit dem Hintergedanken, mit diesem Schwung bei den Parlaments- und Kommunalwahlen zu gewinnen. Ähnlich treibt es in Israel Benjamin Netanjahu. Zum anderen sind es wirtschaftliche Interessen, die die Verantwortung für das Allgemeinwohl aushebeln. Die USA und Brasilien sind sicher die Paradebeispiele dieser verantwortungs-, ja gewissenlosen Politik. Aber auch in zahlreichen anderen Ländern kann man es nicht lassen, mit dem „Virusfeuer“ zu spielen.

Dabei müssten sie es doch längst gemerkt haben: Die Regierungen der Länder, die verantwortungsbewusst mit der Pandemie umgegangen sind und ihre Bevölkerung mitgenommen haben, können im derzeitigen weltweiten Vergleich auch die besten wirtschaftlichen Ergebnisse präsentieren.

Auch in Deutschland ist ein zunehmender Schlendrian zu verzeichnen. Nicht nur einzelne Ausreißer mit Massenkrawallen wie in Stuttgart und Frankfurt kennzeichnen die aktuelle Lage. Auch die biedere Normalbevölkerung zeigt eine zunehmende Erosion des Verantwortungsbewusstseins. Eine Freundin meiner Frau berichtete jüngst eine bemerkenswerte Geschichte: sie besuchte unlängst mit ihrem betagten Ehemann einen Gottesdienst.

Zu diesem waren 20 Teilnehmer zugelassen. Eine Anmeldung erfolgte über das Internet. Als sie an der Kirche ankamen, lag an der Tür eine weitere Liste aus. Mehr als 30 Spontanbesucher waren bereits eingetragen. Im Gottesdienst forderte der Pfarrer die Gläubigen auf, die Maske abzunehmen, weil er nicht zu maskierten Menschen sprechen wollte! Eine derartige verantwortungslose Ignoranz von verbindlichen Vorgaben halte ich für dreist und sie macht mich fassungslos. Diese Haltung wirft ein Schlaglicht darauf, wie die Ernsthaftigkeit in der Einschätzung des Risikos der Pandemie in weiten Teilen der Bevölkerung gelitten hat.

Das Virus ist nun einmal noch nicht ausgerottet. Und solange dies nicht der Fall ist, müssen sich die Menschen so verhalten, dass keine Infektionsketten entstehen. Nur dann kann man hoffen, dass die von vielen Experten befürchteten weiteren Wellen ausbleiben. Ich bin sehr besorgt, dass wir uns deutlich zu früh freuen.

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