"Wer heilt, hat recht"

Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey.
Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey. Foto: Wolfgang Quickels

Mit diesem Spruch bügelte meine Oma alle meine Argumente ab, wenn sie mich mal wieder über die Heilslehren des Voodoo-Zauberers ihres Vertrauens belehrte. Meine Oma wohnte im Land des heiligen Tamme Hanken. Das ist der, der die mangelhafte Spermien-Qualität eines Bullen behandelte, indem er kräftig an den Hinterbeinen zog. In dieser Region lässt man auch heute noch gerne die Richtigkeit eines Röntgenbefundes vom Heilpraktiker mittels Augendiagnostik überprüfen.

Besonders die Sorge um ihren Stuhlgang trieb meine Oma um. Das Mittel, das ihr Heilpraktiker ihr verordnet hatte, hieß „Crancampo“. Mit veränderter Betonung und leicht modifizierter Schreibweise konnte man daraus auch „krank am Po“ machen. Das kam der Wirkung wohl auch relativ nahe, denn es handelte sich im Wesentlichen um getrocknete Sennesblätter. Derartige Abführmittel bezeichnet man heute als sogenannte Drastika, weil eine längerfristige Einnahme üble Nebenwirkungen haben kann. Von „sanfter Medizin“ kann man dabei jedenfalls nicht ausgehen, auch eine Stärkung des Immunsystems ist wenig wahrscheinlich. Bliebe da noch die „Entgiftung“, die stärkste Waffe der Stuhlgang-Propagandisten.

Von „ganzheitlicher“ Medizin zu sprechen, wäre sicher auch ziemlich ambitioniert, auch wenn der tägliche Stuhlgang für das seelische Gleichgewicht meiner Oma eine nicht zu unterschätzende Bedeutung hatte. Diese Drastika sind übrigens auch heute noch frei verkäuflich, wenn auch nicht zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen. Meine Oma war auch fest davon überzeugt, dass das Mittel ihren Gallefluß befördere, das habe der große Heiler festgestellt, indem er ihr mit Hilfe einer Lupe und einer Taschenlampe tief in die Augen geschaut habe. Diese sogenannte Iris-Diagnostik ist in den letzten Jahrzehnten vielfach überprüft worden. In keiner seriösen Studie konnte eine relevante diagnostische Aussagekraft bestätigt werden.

In meiner frühen Assistenzarztzeit hatte ich mal auf meiner Station eine ältere Dame, über die sich ihre Zimmergenossinnen heftig beschwerten, weil sie des Nachts so laut schnarchte, was von den Nachtschwestern nachdrücklich bestätigt wurde. Sie hingegen behauptete, sie habe seit Wochen keine Sekunde mehr geschlafen, obwohl an ihr schon alles, was die Apotheke hergab, ausprobiert wurde. Weil ich sie nicht von einem Schlafmittel abhängig machen wollte, kam ich gemeinsam mit meinen Kollegen auf die Idee, es mit einem Placebo, also einem Mittel ohne Wirkstoff zu versuchen. Wir dachten uns zu diesem Zweck eine hanebüchene Story aus: Es gäbe da ein Mittel aus dem brasilianischen Urwald, das bei uns nicht zugelassen sei, nur über dunkle Kanäle beschafft werden könne und privat bezahlt werden müsse. Nachdem wir sie ein paar Tage auf die Folter gespannt hatten, händigten wir ihr vor ihrer Entlassung hochkonspirativ ein Tütchen mit 30 Kapseln eines weißen Pulvers aus. Davon solle sie jeden 2. Tag pünktlich um 18 Uhr eine Kapsel mit einem Glas Eiswasser einnehmen. In den Kapseln war natürlich nichts außer ein bisschen Traubenzucker. Schon nach 1 Woche teilte sie mir in einem geflüsterten Telefonat mit, dass das Medikament geradezu Wunder bewirke. Seit Jahren habe sie endlich einmal wieder tief durchschlafen können. Über mehr als zehn Jahre holte sie unter strengster Diskretion alle zwei Monate ihr Wundermittel und zahlte dafür 10 DM in die Spendenkasse (was sie natürlich nicht wusste). Nach der These meiner Oma hätte ich also bewiesen, dass Traubenzucker ein hochwirksames Schlafmittel ist, das auch noch bei hartnäckigen Fällen hilft.

Damit befinde ich mich in trauter Gemeinsamkeit mit all jenen Jüngern der Blütentherapie nach Bach, Homöopathie, Kinesiologie, der Schüssler-Salze oder was es dergleichen sonst noch auf dem Gebiete der heilenden Unterhaltung gibt. Ein wesentlicher Unterschied besteht allerdings: Ich bin mir der pharmakologischen Wirkungslosigkeit von Traubenzucker bewusst. Das, was der alten Dame geholfen hat, war die Story und ein bisschen Hokuspokus, man könnte es auch Schwindel nennen. Es war also ein klassischer Placebo-Effekt. Dennoch habe ich sie wahrscheinlich vor einer Schlafmittel-Abhängigkeit bewahrt und ihrer Krankenkasse einige Kosten erspart.

Es bleibt allerdings ein Probleme: Der Placeboeffekt ist weder prognostizierbar noch kalkulierbar und auch nicht zu dosieren. Er kann eintreten oder auch nicht. Sogar das Gegenteil, der Nocebo-Effekt, also eine negative Wirkung von „Nichts“ ist möglich.

Eine Frage zu Schluss: Darf eine gesetzliche Krankenversicherung, die über Zwangsabgaben finanziert wird, Mittel bezahlen, die nachweislich keine pharmakologische Wirkung haben? Dann könnte man auch die Forderung aufstellen, Medizinstudenten in heilsamer Schauspielerei auszubilden und eine entsprechende Session in den Katalog der kassenärztlich abrechenbaren Leistungen aufzunehmen. Mit seriöser Wissenschaft hat die These „Wer heilt, hat recht“ genauso wenig zu tun wie meine Oma.