Struwwelpeter feiert Geburtstag im Schloss

Boschmann-Lesung in der Ludwig Galerie Oberhausen

Georg Barber: Konrad und Schneider (2009).
Georg Barber: Konrad und Schneider (2009). Foto: Atak

„Sieh einmal hier steht er, Pfui! der Struwwelpeter!“: Sind wir nicht alle mit diesem Satz, der die Erzählung vom Struwwelpeter einleitet, groß geworden? Sie feiert in diesem Jahr 175. Geburtstag, denn im Jahr 1844 hat der Arzt Dr. Heinrich Hoffmann nicht nur die Geschichte vom Jungen, der sich weder die Haare kämmen noch seine Nägel schneiden lässt, erfunden, sondern sich für seinen Sohn auch zahlreiche weitere Figuren in diesem Stil ausgedacht – wie den Suppenkaspar, den Hans Guck-in-die-Luft und den Zappel-Philipp.

Werner Boschmann und Zepp Oberpichler.
Boschmann liest und Oberpichler singt. Foto: Verlag Henselowsky-Boschmann

Noch bis zum 12. Januar 2020 widmet die Ludwig Galerie Schloss Oberhausen dem Hoffmannschen Struwwelpeter und all' seinen Nachfolgern bis in unsere Tage eine großartige, weil unter anderem mit Biedermeier-Möbeln auch das Zeitkolorit einbeziehende Ausstellung mit einem Rahmenprogramm. So liest der Autor und Verleger Werner Boschmann am Mittwoch, 6. November 2019, um 19 Uhr aus Der revierdeutsche Struwwelpeter und wird dabei von Zepp Oberpichler (Gitarre und Gesang) musikalisch begleitet. Die umfangreiche Sammlung des Ehepaars Walter und Nadine Sauer bildet den Grundstock der Oberhausener Ausstellung.

Der Buchkünstler und Kinderbuchsammler Hans Witte hält am Samstag, 14. Dezember 2019, um 15 Uhr den Vortrag Böse Kinder – Die Wahrheit über Struwwelpeter, Max und Moritz und Konsorten. Und wer sich mit der Kuratorin Linda Schmitz persönlich durch „ihre“ Ausstellung mit 236 Bildern, 92 Objekten und mehr als einhundert Büchern führen lassen möchte, hat dazu jeweils sonntags um 15 Uhr Gelegenheit am 17. November und 15. Dezember 2019 sowie am 12. Januar 2020. Zudem wird am 13. Dezember 2019 um 15.30 Uhr mit Struwwel eine spezielle Kinder-Ausstellung eröffnet.

Hans Witte: Der typographische Struwwelpeter.
Hans Witte: Der typographische Struwwelpeter. Foto: Edition Enstein

Warum ist der Struwwelpeter weltberühmt, obwohl es nicht nur unter dem Stichwort der schwarzen Pädagogik oft Kritik hagelte und zahlreiche Kinder nach der Gute-Nacht-Geschichte Angst um ihre Daumen hatten? Zum einen erzählt erstmals ein Bilderbuch überhaupt Geschichten gezielt für Kinder. Zum anderen nutzt Hoffmann, so Linda Schmitz, eine neue reduzierte und karikierende Bildsprache, die sich von den biedermeierlichen Sehgewohnheiten stark abhebt. Mit seinem erzählenden Bilderbuch erschafft er ein Werk, das seine Leser bis heute fasziniert und zugleich erschaudern lässt. Der „Struwwelpeter“ inspiriert seit nunmehr 175 Jahren Künstler unterschiedlichster Genres zu eigenen Varianten.

Während in Hoffmanns Klassiker von den schwarzen Buben der große Nikolas die fremdenfeindlichen Buben zur Strafe in ein großes Tintenfass taucht, thematisiert Luise Bofinger den in dieser Geschichte dargestellten Rassismus 2013 eindringlich und mit unmissverständlicher Botschaft. Mangaka David Füleki hingegen verhilft dem Struwwelpeter und „der ganzen Bande“ gleich zu mehreren Auftritten in zwei unterschiedlichen Comics: einmal als Remake der originalen Geschichte, einmal mit völlig neu erdachter Handlung. Reduziert und rein typografisch greift dagegen Hans Witte den Text von Heinrich Hoffmann auf und spricht damit nicht nur die bibliophilen Betrachter an. Mit pointiertem Humor setzt Anke Kuhl in ihrem Buch „Lola rast“ gleich mehrere Kinder in Szene, die an alltäglichen Gefahren scheitern und verzweifeln, aber auch daran wachsen können: Malte erstickt im vollgerümpelten Spielzeugzimmer, Konstantin geht verloren und Lisa-ohne-Zahn hat zu viele Süßigkeiten genascht! Der Struwwelpeter und seine Kumpanen – sie alle leben weiter bis heute.

Beinahe zeitgleich mit der Eröffnung der Oberhausener Ausstellung hat das berühmteste Kinderbuch aller Zeiten in der rekonstruierten Altstadt von Frankfurt am Main ein neues Zuhause gefunden. Nachdem das „Heinrich Hoffmann Museum“ vier Jahrzehnte lang in sehr beengten Verhältnissen einer Westend-Villa untergebracht war, sind die Exponate nun in den großzügigen Räumlichkeiten zweier nebeneinander liegender Häuser, gelegen am Hühnermarkt zwischen Kaiserdom und Römerberg, ausgestellt. Deren Fassaden sind den im Zweiten Weltkrieg zerstörten Gebäuden nachempfunden, in einem wohnte Cornelia Goethe, eine Tante Johann Wolfgang von Goethes. Auf 600qm und damit verdoppelter Ausstellungsfläche wird der „ganze“ Hoffmann präsentiert, denn der „Struwwelpeter“-Schöpfer war in erster Linie ein Arzt, der die Behandlung von psychisch Kranken revolutionierte, aber nebenbei auch Autor von Liebeslyrik und politischen Satiren, der exzellent zeichnete und sogar das Würfelspiel einer Weltreise entwarf.

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Mittwoch, 06. November 2019, um 19 Uhr Ludwig Galerie Schloss Oberhausen , Konrad-Adenauer-Allee 46 , 46049 Oberhausen Ausstellungsende: Sonntag, 12. Januar 2020. Öffnungszeiten: Di-So 11-18 Uhr (geschlossen am 24., 25. und 31. Dezember 2019, 1. Januar 2020). Eintritt: 8 (ermäßigt 4) Euro, Führungen: sonn- und feiertags 11.30 Uhr. Katalog: 29,80 Euro. Für Kinder ist ein Audio-Guide mit allen Struwwelpeter-Geschichten erhältlich.

Weitere Termine:

  • Freitag, 13. Dezember 2019, um 15:30 Uhr
  • Samstag, 14. Dezember 2019, um 15 Uhr
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