Prager Fenstersturz zum Jubiläum

Die Sache Makropulos im MiR

Petra Schmidt und Mario Brell im: Prager Fenstersturz im MiR.
Petra Schmidt und Mario Brell im: Prager Fenstersturz im MiR. Foto: Monika und Karl Forster

Gelsenkirchen. Forever young: Zum sechzigjährigen Bestehen des Musiktheaters im Revier hat sich Intendant Michael Schulz einmal mehr getraut, dem neugierigen wie begeisterungsfähigen Gelsenkirchener Publikum etwas zuzutrauen. Die Sache Makropulos von Leos Janacek in tschechischer Sprache mit deutschen Übertiteln – und einer Ausnahme, davon wird noch zu sprechen sein. Der 1926 im Nationaltheater Brünn uraufgeführte Dreiakter, Janaceks achte und damit vorletzte Oper, spielt zwar im Prag der Zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, die Vorgeschichte aber reicht weit zurück in die Regierungszeit des böhmischen Königs Rudolf II., des letzten in Prag residierenden Habsburger Kaisers.

Einige Jahre vor seinem Tod 1612 hat er bei seinem aus Kreta stammenden Leibarzt Hieronymos Makropulos einen Zaubertrank in Auftrag gegeben, der das Leben um dreihundert Jahre verlängern soll. Als dessen Tochter Elina, das Versuchskaninchen, ins Koma fällt, lässt der Kaiser das Experiment abbrechen. Doch Elina kommt nach einer Woche wieder zu sich, schnappt sich das Rezept ihres Vaters und verschwindet spurlos. Um nach 337 Jahren, in denen sie unter ihren Initialen E. M. in immer wieder neue Rollen geschlüpft ist, als gefeierte Operndiva Emilia Marty (grandios Zerrissene: Petra Schmidt) nach Prag zurückzukehren.

Joachim G. Maaß und Petra Schmidt im: Prager Fenstersturz im MiR.
Joachim G. Maaß und Petra Schmidt im: Prager Fenstersturz im MiR. Foto: Monika und Karl Forster

12:55 Uhr ist angezeigt, als der bucklige Sekretär Vitek (der aus Virginia stammende, an der Dresdener Semperoper wie an der Komischen Oper Berlin umjubelte Tenor Timothy Olivier als Gast) mit verzweifelter Gestik über zwei Etagen an raumhohen Aktenschränken (Bühne: Dieter Richter) vorbei wuselt wie ein Hamster im Rad: die „Causa Gregor-Prus“ wird nun seit fast einhundert Jahren verhandelt. Und keine Lösung im Sinne des eben jetzt erwarteten Mandanten Albert Gregor (Martin Homrich) in Sicht. Dabei geht es um Millionen: ein böhmisches Gut samt ertragreichem Bergwerk, das aktuell vom Prozessgegner Jaroslav Prus (Urban Malmberg) verwaltet wird.

Zu Viteks großer Überraschung betritt auch Emilia Marty die Kanzlei des Rechtsanwaltes Dr. Kolenaty (artistische Meisterleistung bei der Bewältigung der tschechischen Zungenbrecher-Silben: Joachim G. Maaß) und berichtet von einem Testament, dass Gregor zu seinem Recht verhelfen wird. Sie selbst ist nur an der „Sache Makropulos“ interessiert, einem angehängten Dokument in griechischer Sprache mit der Formel für den Zaubertrank, dass sie einst ihrem Geliebten, Baron Josef Prus, überließ. Dabei ist sich die sogleich nicht nur von allen Männern, sondern auch von Viteks Tochter Krista (Lina Hoffmann) umschwärmte Emilia gar nicht sicher, ob weitere dreihundert Lebensjahre wirklich erstrebenswert sind: Reizvolle, weil unerwartete Abenteuer kann sie nicht wirklich mehr erwarten.

Schon gar nicht mit vergangenen, inzwischen alt und grau gewordenen Liebhabern wie dem neu für sie entflammten 80-jährigen Graf Hauk-Schendorf (Mario Brell darf auf Deutsch singen in der Fassung Max Brods). Den hat die Kostümbildnerin Nicola Reichert als alten bunten Vogel mit Knickerbockerhosen, rotkarierten Schottenmuster-Strümpfen und grüner Hirschhornknopf-Jacke ausstaffiert. Und so endet die im Großen Haus am Kennedyplatz ohne Pause gespielte und nach einhundert hochspannenden, vom Publikum zu Recht mit Ovationen gefeierte Krimioper mit einem Verweis auf das vielleicht folgenreichste Ereignis der böhmischen Historie, das in die Zeit der Habsburger Vorgeschichte zurückweist und wesentlich mit zum Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges beigetragen hat…

Forever young: Mit dem 83-jährigen Tenor Mario Brell, dessen Karriere in Gelsenkirchen, wo er gut 24 Jahre dem Ensemble angehörte, als umschwärmter Operetten-Held begann, bevor er im Charakter- und vor allem im Wagner-Fach große Erfolge sammelte, später auch an der Deutschen Oper am Rhein, in Wiesbaden, Karlsruhe, Basel und Zürich, und dem 70-jährigen Regisseur Dietrich Hilsdorf sind zwei Urgesteine ans MiR zurückgekehrt. Letzterer hat vor fast 40 Jahren mit Tschaikowskys „Eugen Onegin“ seine Karriere als international gefragter Opernregisseur in Gelsenkirchen begonnen. Die Sache Makropulos, Premiere war am 7. Dezember 2019, ist seine 17. Inszenierung am Kennedyplatz. Nimmt man seine Da-Ponte/Mozart-Trilogie aus den 1990er Jahren als Maßstab, so scheint Hilsdorf ruhiger, in jedem Fall gelassener geworden zu sein.

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Samstag, 04. Januar 2020, um 19:30 Uhr MIR - Musiktheater im Revier , Kennedyplatz 1 , 45881 Gelsenkirchen Karten für Aufführungen: Samstag, 4. Januar, 19:30 Uhr; Sonntag, 12. Januar, 18 Uhr; Freitag, 24. Januar, 19:30 Uhr; Sonntag, 9. Februar, 18 Uhr; gibt es online hier: musiktheater-im-revier.de oder hier: Tel 0209 – 40 97 200.

Aber der Schein trügt: an drastischen Szenen wie einer Vergewaltigung auf dem Kanzlei-Schreibtisch fehlt es auch jetzt ebenso wenig wie an außergewöhnlichen Regieeinfällen. Der 1. Akt spielt in einem kafkaesk anmutenden Kanzlei-Raum, ausstattungsmäßig angesiedelt in den 1920er Jahren wie das Zimmer im Hotel Empire (kleine Anspielung auf Alfred Hitchcocks Thriller „Vertigo“) im 3. Akt. Eine leere, mit einem rot-weißen Baustellenband vom Graben getrennte Bühne im Mittelteil unterstreicht dagegen die Zeitlosigkeit der Oper nach der gleichnamigen Komödie des bedeutenden tschechischen SciFi-Schriftstellers Karel Capek (R.U.R.).

Die schroffe, bisweilen gar stakkatoartige Konsonantenfolge der tschechischen Sprache ist eine enorme Herausforderung für alle Beteiligten, noch zu nennen Khanyiso Gwenxane als Jaroslavs Sohn Janek Prus, Rina Hirayama als Kammerzofe sowie, in der Backstage-Szene des 2. Aktes, Gerard Farreras als Bühnentechniker und Karla Bytnarova als Requisiteurin. Das seit seiner 1894 in Brünn uraufgeführten Oper „Anfang eines Romans“ von Leos Janacek etablierte Tschechische auf den Bühnen der Welt erfordert eine expressive Klangsprache mit kurzen Dialogen wie im Schauspiel statt ariosem Opern-Wohllaut. Für den musikalischen Leiter Helmut Baumann offenkundig eine große Freude, ja eine Herzensangelegenheit: „Die Sache Makropolis“ ist bereits die fünfte Janacek-Oper des Generalmusikdirektors der Neuen Philharmonie Westfalen, dessen Vertrag rechtzeitig zum MiR-Jubiläum für weitere fünf Jahre verlängert wurde.

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