Nach Wien - Islamische Gemeinde

Stellungnahme

Nach der erneuten Terrorattacke, diesmal im 1. Wiener Bezirk am Montag (2.11.2020), in einer belebten Zentrums-Straße, in der sich auch die Wiener Hauptsynagoge befindet, starben insgesamt 6 Menschen. Nach Angaben von Innenminister Nehammer war der Täter ein 20-jähriger Mann, der einen österreichischen und nordmazedonischen Pass besaß. Sein Name wurde mit Kujtim F. angegeben. Dazu nimmt die Islamische Gemeinde Röhlinghausen wie folgt Stellung:

„Nach Wien - Wir sind so sprachlos und wütend zu gleich. Unser Mitgefühl gilt den Angehörigen der Opfer und den Verletzten, denen wir eine schnelle Genesung wünschen. Nach den Anschlägen von Nizza schrieb uns ein Facebook-User: Sie werden noch viel zu schreiben haben, denn die islamistischen Taten werden nicht aufhören. Recht hat er bekommen. Denn erneut hat ein terroristischer Anschlag uns tief erschüttert. Ob es religiös bedingt ist oder nicht, Extremisten versuchen einen Kampf der Kulturen anzuzetteln. Österreichs Kanzler Kurz hat Recht, wenn er sagt: Es muss uns stets bewusst sein, dass dies keine Auseinandersetzung zwischen Christen und Muslimen oder zwischen Österreichern und Migranten ist. Es sei vielmehr ein Kampf zwischen den vielen Menschen, die an den Frieden glaubten und jenen wenigen, die sich den Krieg wünschten. Religion und Herkunft dürften nie Hass begründen. Wer jetzt nachgibt hat verloren. Und wir werden nicht nachgeben.

Der Anschlag in Wien oder Kabul hat nochmals gezeigt: Für die Terroristen ist es egal, wer warum stirbt. Terrorismus will Unsicherheit schaffen, Unheil stiften und Andersdenkende gegeneinander ausspielen. Alle Richtungen des Extremismus, insbesondere der Islamismus benötigt eine starke Islamfeindlichkeit, um überleben und Nachwuchs rekrutieren zu können. Und das islamfeindliche Lager benötigt genau das, eine angebliche Islamisierung, mit der sie Angst schüren und Unheil stiften kann.

Was können wir tun?

Muslime müssen raus aus der Opferrolle. Es muss seitens der Muslime erkannt werden, dass nur mit Akzeptanz der Grundwerte, abgeleitet aus unserer Verfassung und mit gesellschaftlicher Mitwirkung und Engagement, die hiesige Gesellschaft uns kennenlernen und akzeptieren wird. Das muss offen gezeigt und gelebt werden.

Die Karikaturen des Propheten oder ähnliche Darstellungen dürfen nicht als ein neuer Kreuzzug der westlichen Kultur gegen den Islam gewertet werden. Kritik an Religion darf nicht als Angriff oder Beleidigung wahrgenommen werden. Der Idealfall, dass alle Menschen Religionen mit Respekt begegnen, wird nicht eintreten. Kritik, ja sogar Respektlosigkeit gehört ausgehalten. Wie der Philosoph Jürgen Wiebicke einmal gesagt hat: In einer Demokratie hat niemand das Recht, von den ätzenden Meinungen anderer verschont zu bleiben.

Muslime können nicht tatenlos zusehen, wie die Deutungshoheit des Islam in die Hände der Terroristen, Extremisten oder angeblicher Islam-Experten abrutscht. Wir können nicht akzeptieren, was im Namen unserer Religion von Extremisten gesagt, geschrieben oder ausgeübt wird. Wir können auch nicht tatenlos zusehen, wie einige geistig Kranke unsere Religion instrumentalisieren und missbrauchen.

Gleichzeitig müssen wir aufpassen, nicht alle Muslime in Sippenhaft zu nehmen. Die Terroristen versuchen das friedliche Zusammenleben der Religionen und andersdenkende auszulöschen. Wir dürfen nicht in die Falle tappen. Die Mehrheitsgesellschaft und die Politiker sind jetzt in der Pflicht, zu zeigen, dass sie zwischen Islamismus und Islam unterscheiden können. Wie Lamya Kaddor es formuliert hat: Der Islamismus gehört dämonisiert, der Islam und muslimisches Leben aber als Normalität dargestellt. Das ist eine sehr große Herausforderung für unseren Rechtsstaat, für Politik und Medien."

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