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Die Schauspielerin Elizabeth Berry (Natalie Portman) soll Gracie Atherton-Yoo (Julianne Moore) verkörpern und nimmt für geraume Zeit am Familienleben teil.

Melodram mit Julianne Moore und Natalie Portman

'May December' – nach einer wahren Geschichte

Update, Donnerstag (4.7.2024)

Läuft weiterhin in der Schauburg Dortmund, in der Galerie Cinema Essen und im Bambi Düsseldorf.

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Der ursprüngliche Text

In den 1980er Jahren war die Affäre ein gefundenes Fressen für die Boulevardpresse: Im Lagerraum einer Zoohandlung wurde die verheiratete 36-jährige Gracie Atherton (Julianne Moore) beim Sex mit dem dort jobbenden 13-jährigen Schüler Joe Yoo (Charles Melton) erwischt und zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Seit dem Skandal sind 20 Jahre vergangen und die Familie Atherton-Yoo führt ein scheinbar perfektes Vorstadtleben in Savannah, Georgia – in einer Villa mit großem Garten, drei fast erwachsenen Kindern und zwei Hunden.

Die beiden jüngeren, Charlie (Gabriel Chung) und Mary (Elisabeth Yu), stehen kurz vor dem Highschool-Abschluss. Ihre große (Halb-) Schwester Honor (Piper Curda) aus der ersten Ehe Gracies will zur Feier heimkommen. Das häusliche Glück wird gestört, als der einst beliebte TV-Star Elizabeth Barry (Natalie Portman) hinzukommt, um vor Ort für ihren neuen Film über die seit langem trotz des enormen Altersunterschieds glücklich verheirateten Gracie und Joe zu recherchieren – und um endlich wieder einmal in einer großen Hauptrolle zu glänzen.

Zunächst professionelle Distanz

„Seien Sie gütig“ bittet Gracies Freundin Rhonda (Andrea Frankle) den Gast beim Barbecue am ersten Abend. Mit zunächst professioneller Distanz schleicht sich Elizabeth in den kommenden Tagen in das Alltagsleben der Familie ein, beobachtet ihre Rollenvorlage beim gemeinsamen Ikebana-Kursus im Gemeindezentrum und trifft sich mit Gracies „Ex“ Tom (D.W. Moffett), der auf die Vorfälle heute eher verwundert als verärgert zurückblickt.

Familien-Idyll mit den Geschwistern Charlie (Gabriel Chung) und Mary Atherton-Yoo (Elizabeth Yu), Gracie Atherton-Yoo (Julianne Moore) und Joe Yoo (Charles Melton).

In Elizabeths Recherchegespräch mit Gracies damaligem Anwalt platzt deren ältester Sohn aus erster Ehe, Georgie (Cory Michael Smith). Der Absolvent der renommierten New Yorker Juilliard School jobbt als Sänger in einem Café. Er besuchte damals mit Joe die Highschool und hat die Ereignisse bis heute nicht verkraftet. Elizabeth nimmt atmosphärische Störungen in der Ehe wahr: Die zunehmend depressive Gracie, die als leidenschaftliche Konditorin nur bei mitleidigen Freunde Abnehmer für ihre Kuchen findet, hat für Joes Hobby, die Aufzucht in den USA immer seltener gewordener Monarchfalter, wenig übrig. Und Joe hasst es, dass alle Leute ihn als Opfer betrachten.

Am Vorabend der Zeugnisverleihung geht die Familie gemeinsam mit ihrem Gast in ein Restaurant, um das Ereignis zu feiern. Weil auch Tom mit Familie dort erscheint und Honor, die dem Filmprojekt kritisch gegenübersteht, gegen ihre Mutter stichelt, endet der Abend wenig entspannt. Joe bringt Elizabeth nach Hause, um ihr den einzigen Liebesbrief von Gracie zu geben, den er damals heimlich aufbewahren konnte. Die Spannung des Abends entlädt sich in einem One Night Stand. Mit Folgen: Joe stellt nach 24 Jahren erstmals sein Leben als Familienvater mit flügge gewordenen Kindern an der Seite von Gracie infrage…

In seinem neunten Spielfilm liefert Regisseur Todd Haynes mit „May December“ ein bittersüßes Melodram in einer höchst europäisch anmutenden Tiefgründigkeit. Die beiden fulminant aufspielenden Oscar-Preisträgerinnen Natalie Portman und Julianne Moore verkörpern in dem vielfach gespiegelten Film-Drama zwei gebrochene Figuren der Öffentlichkeit, die um Wahrheit ringen: die Dargestellte um ihre Lebenslügen, die Darstellende um Authentizität.

Viele Fragen bleiben offen

Todd Haynes lässt viele Fragen offen, darunter auch die – erklärende – Behauptung Georgies, seine Mutter Gracie sei als Kind von ihren beiden älteren Brüdern vergewaltigt worden. Das tragikomische Gefühlsdreieck komplettiert Newcomer Charles Melton, der es an der Seite der beiden Stars Moore und Portman allerdings nicht leicht hat.

Die Redewendung „May December“ bezeichnet im Englischen allgemein eine Beziehung zwischen jemandem, der jünger ist, und einem sehr viel älteren Partner. Der Film basiert lose auf dem Fall der 34-jährigen verheirateten Lehrerin Mary Kay LeTourneau aus Seattle. Die Mutter von vier Kindern verführte im Sommer 1996 ihren damals 12-jährigen Schüler Vili Fualaau. Bereits schwanger von Vili wurde sie zu drei Monaten Haft verurteilt. Nachdem sie gegen die Bewährungsauflage, Kontaktverbot zu dem Minderjährigen, verstieß, verurteilte sie das Gericht erneut, diesmal zu mehr als sieben Jahren Gefängnis. Ihr Mann Steve Le Tourneau trennte sich von seiner Frau. Nach ihrer Haftentlassung heirateten Mary Kay und Vili 2005 und lebten mit ihren mittlerweile zwei Töchtern als Familie.

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Die 113-minütige Netflix-Koproduktion, die zahlreiche Anspielungen auf Haynes große Vorbilder Ingmar Bergman und Joseph Losey aufweist, ist am 23. Mai 2023 im Wettbewerb der Filmfestspiele Cannes uraufgeführt worden und startet erst ein Jahr später, am 30. Mai 2024, in Deutschland. In unserer Region zu sehen u.a. im Casablanca Bochum, in der Schauburg Gelsenkirchen, im Roxy Dortmund, im Eulenspiegel Essen sowie in allen Multiplexen.

Donnerstag, 30. Mai 2024 | Quelle: Pitt Herrmann