Making of Dreigroschenoper

Der Herner Fotograf Jörg Brüggemann in Berlin

Der Herner „Ostkreuz“-Fotograf blickt in seinem „Making of“-Bildband hinter die Kulissen dieser als Sensation empfundenen Inszenierung Barrie Koskys am Berliner Ensemble. Probenfotos sind bewusst in Schwarz-Weiß gehalten.
Der Herner „Ostkreuz“-Fotograf blickt in seinem „Making of“-Bildband hinter die Kulissen dieser als Sensation empfundenen Inszenierung Barrie Koskys am Berliner Ensemble. Probenfotos sind bewusst in Schwarz-Weiß gehalten. Foto: Jörg Brüggemann

„Ich habe versucht, möglichst nicht aufzufallen“ hat der 1979 in Herne geborene Jörg Brüggemann, der zu den renommiertesten Fotografen der Berliner Agentur Ostkreuz gehört, der „Berliner Zeitung“ verraten: „Eigentlich sogar mehr, ich wollte wirklich unsichtbar sein.“ Vierzehn Monate hat er den Probenprozess zu Barrie Koskys Neuinszenierung der „Dreigroschenoper“ am Berliner Ensemble begleitet, die nun zum krönenden Abschluss der Ruhrfestspiele viermal auf dem Grünen Hügel Recklinghausens gastiert.

Jörg Brüggemann.
Jörg Brüggemann. Foto: Privat

In London betreiben Jonathan (Tilo Nest) und Celia Peachum (Constanze Becker) ein Geschäft, dessen Clou darin besteht, gesunde Menschen als Krüppel erscheinen zu lassen: Das bringt beim Betteln auf der Straße mehr, weil es die Herzen der zunehmend verstockten Menschen rührt. Peachums Rivale ist der Weiberheld Macheath (Nico Holonics), genannt Mackie Messer. Als der seine Tochter Polly (Cynthia Micas) verführt und diese – sogar mit dem Segen des hier weiblichen Polizeichefs „Tiger“ Brown (Kathrin Wehlisch) – auch noch ehelicht, gibt es für Peachum kein Halten mehr: Macheath muss der Justiz ans Messer geliefert werden. Schon wird der Galgen gezimmert...

Eine neue „Dreigroschenoper“ für Berlin am historischen Ort, an dem Erich Engel am 31. August 1928 das Berliner Theater am Schiffbauerdamm eröffnete: Nach mehreren pandemiebedingten Verschiebungen konnte am 13. August 2021 am Berliner Ensemble eine Neuproduktion von Bertolt Brechts und Kurt Weills weltweit erfolgreichstem Musikdrama nach John Gays „Beggar's Opera“ unter der Regie von Barrie Kosky und der musikalischen Leitung von Adam Benzwi endlich heftig umjubelte Premiere feiern.

Das Cover des 'Making of-Bildband' der Dreigroschenoper.
Das Cover des 'Making of-Bildband' der Dreigroschenoper. Foto: Privat

Barrie Kosky, der zu den gefragtesten Opernregisseuren der Gegenwart weltweit gehört und in dieser Spielzeit 2021/22 an „seinem Haus“, der Komischen Oper an der Behrenstraße in Berlin, mit „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ ein weiteres musikalisches Werk des kongenialen Duos Bertolt Brecht und Kurt Weill herausgebracht hat, schwelgt bei dieser Großstadtballade über Glückssuchende in einer nüchternen Welt, in der alles – inklusive Gefühle, Gedanken und letztlich auch die Kunst – zu einer Ware wird, nicht nostalgisch in den im Übrigen gar nicht so Goldenen Zwanziger Jahren der Entstehungszeit. Sondern ist mehr oder minder erfolgreich bemüht, der Geschichte eine zeitgemäße Wendung zu geben.

Kosky, seinem tollen Ensemble, noch zu nennen Bettina Hoppe als Spelunken-Jenny und Josefin Platt als „Mond über Soho“, und nicht zuletzt den fantastischen Musikern vorn im schmalen Graben unter der Leitung von Adam Benzwi (James Scannell, Doris Decker, Vít Polák, Otwin Zipp, Stephan Genze und Ralf Templin) gelingt das Kunststück, von sozialer Kälte zu erzählen, ohne die Figuren herzlos erscheinen zu lassen. Ihr Verlangen nach Sicherheit, Nähe und Verbindlichkeit wird vor allem dadurch sichtbar, weil es sich nicht erfüllt – und durch die unvergessliche Musik von Kurt Weill.

Der Herner „Ostkreuz“-Fotograf blickt in seinem „Making of“-Bildband hinter die Kulissen dieser als Sensation empfundenen Inszenierung Barrie Koskys am Berliner Ensemble. Probenfotos sind bewusst in Schwarz-Weiß gehalten.
Der Herner „Ostkreuz“-Fotograf blickt in seinem „Making of“-Bildband hinter die Kulissen dieser als Sensation empfundenen Inszenierung Barrie Koskys am Berliner Ensemble. Foto: Jörg Brüggemann

Die dreistündige, von Rebecca Ringst (Bühne) und Dinah Ehm (Kostüme) ausgestattete Inszenierung, jüngst geadelt durch die „New York Times“ als eines der besten Theaterproduktionen der nun zu Ende gehenden Spielzeit in Europa, gastiert im Rahmen der Ruhrfestspiele viermal im Großen Haus: Am 8. und 9. Juni 2022 jeweils um 20 Uhr, am 11. Juni, 2022 um 18 Uhr sowie am 12. Juni um 15 Uhr. Alle Vorstellungen sind naturgemäß ausverkauft, ob es zurückgegebene Restkarten gibt, kann unter Tel. 02361 – 92180 erfragt bzw. vor Ort an der Abendkasse erfragt werden.

In den 1950er Jahren veröffentlichte Bertolt Brecht seine bekannten Modellbücher. Dieser Tradition folgend, entstand zusammen mit Spector Books Leipzig der Bildband „Die Dreigroschenoper. Making of“ über Barrie Koskys Inszenierung der „Dreigroschenoper“ am Berliner Ensemble. Jörg Brüggemann, der bei Peter Bialobrzeski an der Hochschule für Künste Bremen studierte, 2003 für ein Auslandssemester nach Buenos Aires ging, 2009 der Agentur Ostkreuz beitrat und seitdem u.a. für internationale Magazine wie „Rolling Stone“, „Zeit“ oder „Neon“ arbeitet, hat dafür zwischen Mai 2020 und August 2021 den gesamten Probenprozess der Inszenierung des Intendanten der Komischen Oper Berlin am Schiffbauerdamm von der ersten Bauprobe bis zur Premiere begleitet. Die entstandenen Bilder geben zusammen mit kurzen Interviews der Mitwirkenden von Marion Brasch und Juri Sternburg einen Einblick in die Arbeit vor, hinter und auf der Bühne. Dabei zeigt Brüggemann, dass dem von ihm bewusst in Schwarz-Weiß dokumentierten Probenprozess die gleiche Bedeutung zukommt wie der Aufführung. Das Buch ist im Berliner Ensemble zum Sonderpreis von 25 Euro erhältlich sowie in allen Buchhandlungen für 28 Euro (ISBN: 9783959054669).

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