Mainstream- und Klischee-Wissenschaft

Privat Krankenversicherter oder Kassenpatient - das ist die Frage.
Privat Krankenversicherter oder Kassenpatient - das ist die Frage. Illustrator: Jörg Lippmeyer

„Der durchschnittliche GKV-Versicherte zahlt jedes Jahr mehr als nötig, damit sich Gutverdiener, Beamte und Selbstständige dem Solidarausgleich entziehen können“, kritisiert Stefan Etgeton, „Gesundheitsexperte“ der Bertelsmann Stiftung. Deren neue Studie sorgt für Aufregung: Wenn alle privat Krankenversicherten von den gesetzlichen Kassen geschluckt würden, könnten Millionen Beitragszahler profitieren. Angeblich könnten sie dadurch zwischen 2 und 4 Euro pro Monat einsparen!

Die wörtliche Übersetzung des englischen Wortes Mainstream bedeutet Hauptströmung. In der Meinungsforschung steht das Wort für die Ansichten einer breiten Masse. Inhaltlich nahe verwandt ist der Begriff des Klischees, also eines vorgeprägten Denkschemas, das einfach ungeprüft übernommen wird. Journalisten verwahren sich üblicherweise empört dagegen, sich vom „Mainstream“ bei ihrer Arbeit leiten zu lassen. Dennoch verwenden sie massen- und regelhaft Klischees, die in den Mainstream Eingang gefunden haben. Fast täglich kann ich in der Zeitung, in den meisten Magazinsendungen im Fernsehen, oft auch in den Nachrichten und fast jeder Unterhaltungssendung die ungeprüfte Verwendung von Klischees entdecken. Und nicht nur die Medien verwenden regelmäßig Klischees, manchmal ist sogar die die Wissenschaft nicht frei davon.

Ein Klischee, von dem die Bertelsmann-Stiftung und mit ihr die Parteien des linken politischen Spektrums (SPD, Grüne und Linkspartei) geradezu beseelt zu sein scheinen, ist die Annahme, dem gemeinen Kassenpatienten ginge es schlechter, weil (stark – klischeehaft – vereinfacht) Privatpatienten ihnen die Termine beim Facharzt wegschnappen. Das ist völliger Mumpitz: Wenn mehr (Kassen-)Patienten, als die, die pro Quartal bezahlt werden, Termine nachfragen, gibt es einen Stau und die Wartezeiten verlängern sich. Auch Fachärzte wollen nicht „für lau“ arbeiten. Privat-Patienten sind nicht budgetiert, also gibt es bei ihnen weniger Wartezeiten.

Ein weiteres Klischee ist die Annahme, privat Versicherte bekämen bessere und teurere Medikamente und Behandlungen. Das gipfelt dann in den immer wiederkehrenden Szenarien in der Unterhaltungsfilm-Branche, dass arme Kassenpatienten nicht zu einer teuren Operation, die nur in den USA durchgeführt werden kann, reisen könnten. Das ist ein geradezu hanebüchener Schwachsinn: Das System der gesetzlichen Krankenversicherung gewährleistet in Deutschland eine der weltweit besten medizinischen Versorgungen. Die Meinung, in den USA stünden Behandlungen zur Verfügung, die es in Deutschland nicht gäbe, ist völlig absurd.

Ein Klischee hat es ganz besonders in sich, weil es auf den ersten Blick nicht als solches erkennbar ist, nämlich die Annahme, Privatpatienten seien im Durchschnitt gesünder als Kassenpatienten. Tatsache ist, dass Privatversicherte bis zu einem Alter von 60 Jahren seltener zum Arzt gehen als gleichaltrige Kassenpatienten. Daraus aber zu schließen, dass diese Bevölkerungsgruppe auch einen im medizinischen Sinne besseren Gesundheitszustand hätte, ist ein höchst zweifelhaftes Klischee.

Dieses Klischee basiert einfach nur auf den statistischen Zahlen der Krankenkassen (gesetzlich und privat), die die nackte Zahl der Arztbesuche messen. Die wirklichen Gründe für den Arztbesuch werden nicht hinterfragt. Es geht ungeprüft davon aus, dass jedem Arztbesuch ein tatsächlicher Krankheitsfall zugrunde läge. Wer das allerdings glaubt, hat sich noch nie am Montag, vor oder nach Ferienbeginn oder auch in Zeiten von Tarifstreitigkeiten in einer Hausarztpraxis aufgehalten. „Dann nehme ich mir einen Krankenschein“ ist schon zu einem fast geflügelten Wort in unserem Sprachschatz geworden. Auf dem so genannten „Krankenschein“ steht natürlich irgendeine ICD-kodierte Diagnose, nicht schlicht Faulheit oder Arbeitskampf. Das Rundum-Sorglos-Paket ohne irgendeine Individualverantwortung ist eine besondere Eigenart des deutschen gesetzlichen Krankenversicherungssystems. Da kann geräubert, abgezockt und nach Lust und Laune konsumiert werden, ohne dass irgendjemand sich dafür verantworten müsste. Man hat dieses vielfach betrügerische Verhalten als völlig normal akzeptiert. Studien mit wissenschaftlichem Anspruch versenken das dann in vermeintlichen Krankheitsstatistiken, die nur die Diagnosen auf den Krankmeldungen, nicht aber die wirklichen Gründe für den Arztbesuch abbilden können.

Privatversicherte haben dagegen zumindest das Problem, ihre Rechnung bei der Versicherung einreichen zu müssen. Das ist schon mal umständlich und verhindert, wegen jedem „Pillepalle“ zum Arzt zu rennen. Darüber hinaus erlaubt die berufliche Realität vor allem der selbstständigen Privatversicherten eben nicht diese sorglosen Arztbesuche und „Krankschreibungen“. Es ist sehr schwierig festzustellen, ob die durchschnittlichen Lebensverhältnisse von privat Versicherten weniger gesundheitsschädlich sind als die der Kassenpatienten. Ganz sicher aber zeigen privat Versicherte unterschiedliche Verhaltensmuster in der Inanspruchnahme der Gesundheitseinrichtungen, die sie dann „gesünder“ erscheinen lassen.

Wenn die Bertelsmänner all diese Faktoren berücksichtigen würden, wären sie vermutlich deutlich kleinlauter bei der Forderung nach Abschaffung der privaten Krankenversicherung. Ich fürchte, die Einsparungen bei den Beitragskosten der Kassenpatienten würden sich auf Null oder schlechter reduzieren.

Dabei bestreite ich keineswegs die Nachteile des privaten Krankenversicherungssystems. Ich persönlich könnte sogar viel Geld sparen, ohne dass ich eine qualitative Einschränkung meiner medizinischen Versorgung zu befürchten hätte.

Die aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung hat jedoch so viele – mainstream- und klischeebedingte - Lücken, dass sie für eine realitätsnahe Beurteilung der Einsparungsmöglichkeiten bei den Kassenbeiträgen unbrauchbar ist.

Angesichts dessen ist die Aussage von Herrn Etgeton nichts anderes als politische Agitation mit pseudowissenschaftlichem Anstrich.

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