
Deutscher Beitrag für den Auslands-Oscar
Kino-Tipp: 'In die Sonne schauen'
Ein abgeschiedener Vierseitenhof in der Altmark im Norden Sachsen-Anhalts. Die Wände atmen seit über einem Jahrhundert das Leben der Menschen, die hier wohnen, ihren Geschmack, ihr Sein in der Zeit. Einst, zu Zeiten Almas (die neunjährige TV-erfahrene Hanna Heckt in ihrer erster Kino-Hauptrolle), lebten hier mehrere Generationen mit gut sechzig Personen unter einem Dach, das Gesinde eingeschlossen.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schaut sich die kleine Alma, die nach ihrer verstorbenen Schwester benannt worden ist und sich ihr deshalb sehr verbunden fühlt, vieles bei der Großmutter Frieda (Liane Düsterhöft) ab. Als diese stirbt, wird ihr der Mund zugenäht, damit kein Ungeziefer in den Leichnam hineinkriechen kann. Apropos: Das Sterben gehört ebenso zum Leben wie die Geburt, weshalb einmal im Jahr auf der Anrichte im Kerzenlicht die Fotos der verstorbenen Familienmitglieder aufgestellt werden. Um diese in das gegenwärtige Leben einzubinden, wird ein üppiges Totenmahl mit Musik und Tanz abgehalten.
Beim Arbeitsunfall wehruntüchtig gemacht
Auch für Erika (die vielfach preisgekrönte 24-jährige, in Jena geborene Lea Drinda, Enkelin der Defa-Legende Horst Drinda, ist demnächst in der Hauptrolle der Disney-Serie „City of Bllod“ zu sehen) gibt es in den 1940er Jahren Szenen, die sie ebensowenig vergessen wird wie der Kinozuschauer: Sie muss mitansehen, wie Fritz (Filip Schnack) mit einem angeblichen Arbeitsunfall wehruntüchtig gemacht wird, um nicht für Hitler in den Krieg ziehen zu müssen.
Die Magd Trudi (Luzia Oppermann), die bei Amtsantritt ganz selbstverständlich sterilisiert worden ist, damit sie nicht schwanger werden kann und so als Arbeitskraft ausfällt, kümmert sich um den von Phantomschmerzen Heimgesuchten. Selbst zu dieser Zeit war es noch üblich, dass nicht erbberechtigte Töchter wie Lia (Greta Krämer) an Nachbarn als Magd verschachert wurden. Auch sie wird später einem „Arbeitsunfall“ zum Opfer fallen – und Erika sich in einer gefährlichen Faszination für ihren versehrten Onkel (nun Martin Rother) verlieren.
Todessehnsucht und Lebensgier
Angelika (Lena Urzendowsky) hat in den 1980er Jahren – nicht nur als Brillenträgerin – Probleme mit ihrem Körper. Wenn sie im Fluss badet, spürt sie die abschätzigen Blicke der Jungen wie die begehrlichen der älteren Männer. Manchmal sehnt sie sich nach dem Tod, dann wieder bricht sich unbändige Lebensgier Bahn. Indem sie sich als selbstbewusste junge Frau produziert, indem sie für ihre Mutter bei einem merkwürdigen Wettbewerb einspringt, der wie das Wattenscheider Gänsereiten aussieht, bei dem aber Fahrräder und ein Aal die Hauptrolle spielen.

Mit Nelly (die zehnjährige Zoë Baier ist demnächst auch als Ida in „22 Bahnen“ im Kino zu sehen) ist die epische Geschichte schließlich in der Jetztzeit angekommen, in der auch in der Altmark die Folgen der Wiedervereinigung spürbar sind. Nelly wird von intensiven Träumen und der unbewussten Last der Vergangenheit heimgesucht. Als sich ein tragisches Ereignis auf dem nur noch von wenigen Menschen bewohnten Hof wiederholt, geraten die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart ins Wanken…
Haptisches Erzählen
Mit dem ungemein atmosphärischen, aber etwa im Vergleich zur elfteiligen „Heimat“-Reihe von Edgar Reitz noch düsteren, noch archaisch-brutaleren Generationen-Drama „In die Sonne schauen“ hat die 41-jährige Berlinerin und frischgebackene Mutter Mascha Schilinski ein epochales zweieinhalbstündigen Meisterwerk geschaffen, das die vier Zeitebenen der Protagonistinnen auf furiose, nicht immer leicht nachvollziehbare Weise miteinander verschränkt.
Der ganz aus der Perspektive der vier Mädchen und jungen Frauen erzählte Film ist geradezu körperlich erfahrbar, die Regisseurin spricht von „haptischem Erzählen“, und lässt beim Zuschauer das Gefühl entstehen, dass die Erlebnisse ihrer Vorfahren einen unmittelbaren Einfluss auf das Leben und Erleben der Nachfolgenden haben.
Jury-Preis in Cannes
Der 149-minütige Film ist auch mit Laien vom 18. Juli bis 5. September 2023 in Sachsen-Anhalt gedreht, am 14. Mai 2025 im Wettbewerb der Int. Filmfestspiele Cannes uraufgeführt und mit dem Preis der Jury ausgezeichnet worden. 2023 hatte es auf der 73. Berlinale bereits für Louise Peter den Thomas Strittmatter-Drehbuchpreis gegeben. Die Deutsche Erstaufführung war am 1. Juli 2025 beim Filmfest München.
Rechtzeitig zum Kinostart am Donnerstag, 28. August 2025 wurde „In die Sonne schauen“ als deutscher Beitrag für den Auslands-Oscar nominiert. Bei uns zu sehen im Casablanca Bochum, in der Schauburg Gelsenkirchen, im Eulenspiegel Essen sowie im Atelier Düsseldorf.
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- Donnerstag, 28. August 2025