Kein Trödeln auf der Zielgeraden

Kolumne von Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey

'Butter bei die Fische' fordern auch die cool cats.
'Butter bei die Fische' fordern auch die cool cats. Foto: Jörg Lippmeyer

Im Frühjahr 2020 wollten wir noch möglichst viele Leben retten. Ende November schien es, als wolle man einzig Weihnachten und Silvester retten. Spätestens um den 10. Dezember begriff man, nach den Feiertagen mit der großen Freiheit fliegt uns das Infektionsgeschehen mit den Silvesterböllern um die Ohren.

Vielleicht aus insgeheimer Angst vor der zunehmenden Gewalttätigkeit der hiesigen Corona-Leugner besonders in den AfD-Hotspots beschloss man in Deutschland nur ein Scheibchen Kontakteinschränkung hier, noch ein Geschäftchen dichtmachen da, Salamitaktik in der Dauerschleife. Der Lockdown „light“ hat die zweite Corona-Welle nicht gebrochen, er hat nur wertvolle Zeit gekostet. Kaum etwas ist im Kampf gegen das Virus aber so wichtig wie Zeit zu gewinnen. Diese Zeit wird seit Monaten im föderalen Klein-Klein vertrödelt.

Erst als die Infektionswelle uns zu überfluten drohte, tat man einen Stich „Butter bei die Fische“ und verordnete einen immer noch lockeren Lockdown, aber jetzt auf einmal hektisch und sofort. Vielleicht konnte man so bis zum Jahresende 2020 rund 5.000 Menschenleben, die im 2. Januar-Drittel gestorben wären, retten, vielleicht. Zwischen dem 10. Dezember und Silvester starben trotzdem noch 13.000 Menschen als Folge der „November-Fudelei“.

Die föderalen Granden schienen zu glauben, man könne den Bürgern dieses Landes wirksame Maßnahmen gegen dass Virus erst zumuten, wenn diese bereits von der realen Entwicklung überrollt werden. In der Tat braucht ein großer Teil der Menschen offenbar die Eskalation der Katastrophe, um das zu tun, was die Katastrophe verhindert hätte.

In Großbritannien grassiert seit mehr als einem Monat die neue Corona-Mutante mit einer deutlich höheren Basisreproduktionszahl. Das bedeutet, ohne Maßnahmen gegen die Ausbreitung steckt ein Infizierter nicht mehr nur drei sondern fünf weitere Personen an. Am 3. Januar meldete das Land 57.000 neue Corona-Infektionen binnen 24 Stunden. Die Dunkelziffer dürfte riesig sein. Wer glaubt, diese neue Variante hätte an der holländischen, belgischen oder französischen Grenze Halt gemacht, ist ein Phantast.

Über die Verbreitung der Corona-Mutation B.1.1.7 bei uns im Land wissen wir so gut wie gar nichts. Von einzelnen Fällen ist die Rede. Wenn man die Entwicklung in Südengland und London betrachtet, ist das fast naiv. Hierzulande werden keine flächendeckenden Genomsequenzierungen durchgeführt. Dafür fehlen in Deutschland passende Strukturen. Die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen während der Feiertagssession von Weihnachten bis Neujahr ist wegen der bekannten Meldeverzögerung an Sonn- und Feiertagen sowie der drastisch reduzierten Testungen in dieser Zeit weit von der Realität entfernt. Die Zahl der Toten über den Jahreswechsel geht auf Infektionen vor dem 10. Dezember zurück, hilft uns also auch nicht weiter. Lediglich die steigende Belegung der Intensivstationen gibt einen Hinweis auf das Infektionsgeschehen um den Jahreswechsel. Hinsichtlich des aktuellen Infektionsgeschehens stochern wir also im Nebel. Die Situation ist aktuell hochgradig bedrohlich.

Zum Jahresende 2020 tummelten sich Menschenmassen dicht gedrängt in eigentlich geschlossenen Skigebieten und Politiker wie Friedrich Merz schwadronierten über realitätsferne Forderungen wie Schulöffnungen. Während die sonst reaktionsträgen Briten nach der Entdeckung der neuen Corona-Mutation bereits den Ausnahmezustand verhängt hatten, wartete die Bundesrepublik immer noch auf den nächsten Krisengipfel.

Eigentlich müsste man es doch mittlerweile gelernt haben: Je länger man dem Virus erlaubt, sich auszubreiten, desto härter muss der Lockdown sein und desto länger dauert es, bis das Infektionsgeschehen wieder beherrschbar wird. Natürlich wird in dieser Zeit der Unmut und die Frustration vieler Menschen nicht geringer. Das ist verständlich und menschlich. Aber Zögern und Zaudern macht auch niemanden glücklich und verlängert die Zeit des Leidens.

Die Regierenden sind deshalb in der Pflicht, den Regierten die Maßnahmen verständlich zu machen. Das ist bisher in dieser durch Trödelei selbstverschuldeten und jetzt erbarmungslosen, ja wütenden zweiten Welle der Pandemie oft nur unvollkommen geschehen. Wie sonst konnten sich Gastronomen und Theater als Bestrafte fühlen, wo sie doch so ausgefeilte Hygiene-Konzepte entwickelt hatten? Man hatte ihnen nicht vermittelt, dass es darum ging, das „Gewusel“ zu reduzieren und somit die Zahl möglicher Kontakte. Je weniger Zielorte, seien es Gaststätten, Kinos, Theater, Baumärkte oder Einkaufszentren, desto weniger Kontakte gibt es und desto geringer ist die Infektionswahrscheinlichkeit. Hätte man spätestens im Oktober auf die Wissenschaft gehört, die notwendigen Maßnahmen gut erklärt und entschlossen gehandelt, wären wir jetzt in einer weitaus besseren Lage, hätten viele Tode verhindert und viel Geld gespart.

Appelle an die Eigenverantwortung der Bürger sind keine Lösung, sie funktionieren nicht. Das zeigt das Chaos auf den Skipisten in der Schweiz, in Schweden und auch bei uns. Unsere Politiker brauchen den Mut, das Richtige und das Notwendige rasch und entschlossen zu tun. Sonst haben wir die katastrophalen Zahlen der Schweiz und Schwedens bald eingeholt. Angst vor den „CovIdioten“ ist in der gegenwärtigen Lage der schlechteste aller Ratgeber.

Wir sind auf der Zielgeraden. Auch wenn der Beginn der Impfungen in ganz Europa ruckelt, es dauert nicht mehr lange, halten wir durch und geben auf den letzten Metern nochmal alles. Noch dürfen wir die Hoffnung auf eine Impfung nicht zur einzigen Handlungsmaxime machen. Dafür sind die vielleicht 6 Monate, die es noch dauert, zu lang.

Der Physiker Dirk Brockmann, Professor am Institut für Biologie der Humboldt-Universität und am Robert Koch-Institut sagt: „Die Infektionszahlen können gerade nur unterschätzt werden, nicht überschätzt“.

Deshalb zum Schluss eine kleine Rechnung: Am 9.1.2021 meldet das RKI 1.085 Corona-Tote. Die haben sich vor circa vier Wochen angesteckt. Bei einer Letalität von 0,37 Prozent (Heinsberg-Studie) hätten dann am 12.12.2020 fast 250.000 Infektionen stattgefunden. Erfasst wurden weniger als 22.000. Bis Ende März 2021 würden sich fast 25.000.000 (fünfundzwanzig Millionen) Menschen anstecken und 90.000 (neunzig Tausend) sterben. Der Kollaps des Gesundheitssystems wäre unausweichlich.

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