Impflexikon 8 - 4

Genbasierte Impfstoffe – mRNA-Impfstoffe - Risiken und Nebenwirkungen

Geschwindigkeit ist keine Hexerei.
Geschwindigkeit ist keine Hexerei. Illustrator: Jörg Lippmeyer

Manch einer ist derzeit verunsichert über die wirklich atemberaubende Geschwindigkeit der Entwicklung der Corona-Impfstoffe. Es lässt sich jedoch erklären, dass diese Geschwindigkeit nicht zu Lasten der Sicherheit geht und die Vakzinen nicht unsicherer sind als bisherige Impfungen.

Sars-CoV-2 gehört bekanntlich zu den Coronaviren. Dieser Virentyp wird bereits seit Jahrzehnten erforscht, besonders seit dem Auftreten von SARS (2002) und Mers (2012). Von diesen Coronaviren war schon bekannt, dass das namensgebende Spike-Protein eine zentrale Rolle für Immunreaktionen spielt. Die Forscher wussten also, wo sie ansetzen mussten, um nach einem Impfstoff zu suchen.

Vereinzelte mRNA-Impfstoffe wurden bereits erfolgreich Menschen verabreicht. Das Tübinger Unternehmen CureVac etwa hatte zuvor bereits einen mRNA-basierten Tollwut-Impfstoff an Menschen getestet. Zwar hatte es bislang noch nie eine Impfung mit mRNA zur Zulassung geschafft, aber die Grundlagen dafür wurden schon vor mehr als zwei Jahrzehnten geschaffen. Auch in der Krebstherapie soll die Methode einmal zum Einsatz kommen. Es existiert also viel Vorwissen. Deshalb halten Forscher die mRNA-Impfstoffe auch für einen sicheren Weg, um den Körper auf eine Infektion vorzubereiten.

Die meisten Erreger verursachen keine weltweite Pandemie. Der wirtschaftliche Druck ist also normalerweise viel geringer. Impfstoffentwicklung heißt deshalb Warten, vor allem, Warten auf Geld. Es ist zynisch, aber es ist Fakt: Wenn Tausende Menschen in der dritten Welt an Ebola, SARS oder MERS sterben, ist das für die Weltwirtschaft ziemlich unerheblich. Wenn ein wirtschaftlicher Anreiz fehlt, ist die Bereitschaft von Investoren, Risikokapital bereitzustellen, überschaubar. Das ist im Fall von Covid-19 ganz anders: Es erschließt weltweit eine nie dagewesene Nachfrage nach Impfstoffen. Die Adresse von Biontech – „Mainz, An der Goldgrube 12“ – ist dabei eine leicht ironische Fußnote. Ohne Covid-19 hätte sich selbst ein Weltkonzern wie „Pfizer“ kaum in das Projekt eingeklinkt. Geforscht werden kann also nur, wenn gerade Geld da ist. Forschungen brauchen Hunderte Millionen von Euro für die Finanzierung der Studien. Forscher müssen sehr überzeugende Anträge schreiben, besonders hinsichtlich einer Gewinnerwartung, sonst gibt es Absagen. Ein Risikoinvestment ist eben keine caritative Aktion.

Selbst wenn ein Impfstoff fertig ist, meist auch schon produziert wird, muss er noch an Probanden getestet werden. Das ging bei Covid-19 deshalb schnell, weil wegen der pandemischen Entwicklung die Rekrutierung von 40.000 Testpersonen kein Problem war, einfach deshalb, weil sie verfügbar waren. Zudem ist das Infektionsgeschehen so aktiv, das das Impfresultat innerhalb kurzer Zeit erfasst werden kann. Das dauert bei den meisten klinischen Studien in der Phase III wesentlich länger und es sind auch weniger Menschen beteiligt.

Schließlich nehmen sich Behörden in der finalen Phase viele Monate Zeit, um die Studiendaten zu prüfen und die klinischen Studien zu genehmigen. Unter dem enormen Druck der Pandemie wurden Studienphasen, die normalerweise getrennt voneinander ablaufen, zusammengelegt und die behördliche Prüfung begann bereits vor dem Abschluss der finalen Studien. Dennoch braucht es die Zeit, die es benötigt. Ich glaube, die EMA (European Medicines Agency - Europäische Arzneimittel-Agentur) tat gut daran, die Prüfung ordentlich zu Ende zu bringen. Notfallzulassungen haben immer ein gewisses „Geschmäckle“.

Weil schließlich die Produktion der Impfstoffe bereits hochgefahren wurde, als die Studien erfolgversprechende Resultate erbrachten, kann mit dem Impfen gleich nach der Zulassung der Vakzine begonnen werden.

Impfreaktionen sind zu erwarten, Genveränderungen nicht

Auch bei den genbasierten Impfstoffen sind Impfreaktionen normal. Sie sind das Signal, das sich das Immunsystem aktiviert. Die typischen Symptome wie Rötungen und Schmerzen an der Einstichstelle, Kopfschmerzen, leichtes Fieber oder ein vorübergehendes Unwohlsein sind normale Folgen einer Impfung.

Abgesehen von den üblichen Impfreaktionen wurde aus den laufenden Studien noch nicht über schwere Nebenwirkungen berichtet. Entwickelt ein Teilnehmer oder eine Teilnehmerin schwere Symptome während einer Studie, wird diese normalerweise unterbrochen und der Vorfall untersucht. Auch während der Impfstoffsuche für Covid-19 ist das schon passiert – allerdings nicht in den Studien von mRNA-Impfstoffen.

Grundsätzlich kann niemand garantieren, dass nicht sehr vereinzelt Menschen durch die Impfung krank werden. Das war auch bei allen Impfstoffen in der Vergangenheit nicht anders. Es gibt extrem seltene Nebeneffekte, die oft erst bekannt werden, wenn der Impfstoff bereits in der Bevölkerung angewendet wird. Deshalb werden bei den Impfungen gegen Covid-19 umfangreiche Überwachungsprogramme aufgelegt.

Ein Problem früherer Impfstoffe war die Verwendung von Adjuvanzien. Das sind Stoffe, die die Wirkung eines Impfstoffes unterstützen, indem sie das Immunsystem sozusagen ankurbeln, damit es überhaupt auf die eigentliche Impfung aufmerksam wird und eine Immunantwort bildet. Die genbasierten Impfstoffe (Vektorviren- und mRNA-Impfstoffe) benötigen kein Adjuvans.

Ein Effekt, der zur Zeit für Hysterie in den Social Media sorgt, wird definitiv nicht eintreten: Der genetische Code, den die sowohl mRNA-Impfstoffe wie Vektorviren enthalten, lässt sich nicht in die DNA von Impflingen einbauen, wie vor allem von militanten Impfgegnern behauptet wird. Sie vergleichen die mRNA-Impfung mit der gentechnischen Veränderung von Pflanzen. Das ist völliger Blödsinn und funktioniert nach einem gänzlich anderen Prinzip. Alles, worauf es bei der Impfung ankommt, geschieht zwar in der Zelle, aber hat mit dem Zellkern nichts zu tun - nur dort befindet sich jedoch das menschliche Genom in Form von DNA.

Um RNA in DNA umwandeln und dann ins Erbgut integrieren zu können, würde ein spezielles Enzym mit dem Namen „Reverse Transkriptase (RT)“ benötigt. Dieses Enzym kommt nur in so genannten Retroviren wie HIV-Viren, den Erregern von AIDS, vor. Diese Viren haben ein Genom aus RNA. Mit Hilfe der „Reverse Transkriptase (RT)“ können sie ihr Genom in DNA umschreiben. Die RT erfüllt damit eine entscheidende Funktion bei der Vermehrung des HIV-Virus.

Vektorviren benötigen keine Reverse Transkriptase für ihre Vermehrung und verfügen deshalb nicht darüber, ein reiner mRNA-Impfstoff sowieso nicht. In menschlichen Zellen ist dieses Enzym ebenfalls nicht vorhanden. Es herrschen bei den genbasierten Impfungen Umstände, die eine Integration von mRNA in die DNA, die ja isoliert im Zellkern liegt, ausschließen. Es ist so unmöglich, wie mit einem U-Boot zum Mond zu fliegen.

DNA-Impfstoffe sind eine andere Art von genbasierten Impfstoffen, die aktuell gegen Covid-19 erforscht werden. Sie enthalten ein DNA-Molekül, das erst in den Zellkern geschleust werden muss, um dort abgelesen zu werden. Danach durchläuft es einen ähnlichen Prozess wie die mRNA. Ein zufälliger Einbau in das Erbgut der menschlichen Zelle wurde tatsächlich als „potenzielles Sicherheitsrisiko“ gewertet. Doch auch bei DNA-Impfstoffen ist nicht davon auszugehen, dass sich menschliche und Impfstoff-DNA miteinander verbinden. Umfangreiche Studien haben bislang diese Bedenken zerstreut. DNA-Impfstoffe sind allerdings noch weit von der Marktreife entfernt.

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