Herdenimmunität

Eine Kolumne von Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey

Die entscheidende Kenngröße zur Beurteilung der Wahrscheinlichkeit, ob und wie sich eine virale Infektionskrankheit verbreiten kann, ist die Herdenimmunität.

Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey.
Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey. Foto: Wolfgang Quickels

Sie bezeichnet den Schutz vor einer ansteckenden Krankheit, nachdem ein hoher Prozentsatz einer Population immun wurde – sei es durch Infektion oder durch Impfung – sodass ein erhöhter Schutz auch für die nicht immunen Individuen entsteht. Sie errechnet sich aus der Basisreproduktionszahl R0 und ist für jedes Virus spezifisch. Für SARS-CoV-2 beträgt diese Zahl bekanntlich 3, d. h. ein Infektiöser steckt im Durchschnitt 3 Personen an. Wenn eine Immunität von 70 Prozent der Bevölkerung erreicht ist, sei es infolge einer durchgemachten Infektion oder einer Impfung, erlischt die Krankheit, weil das Virus kaum noch auf infizierbare Personen trifft. Bei Masern muss aufgrund der extrem hohen Basisreproduktionszahl R0 von 15 eine Herdenimmunität von über 95 Prozent erreicht werden, um die Krankheit auszurotten.

70 Prozent der Bevölkerung Deutschlands, das sind 58 Millionen Menschen. Wenn man der Krankheit freien Lauf ließe, würden bei einer Sterberate von 0,37 Prozent (Heinsberg-Studie) 214 600 Menschen an Covid-19 sterben. Das würde mit absoluter Sicherheit passieren, wenn nur über die Infektion mit SARS-CoV2 eine Immunität entstünde und zwar egal, wie lang die Zeit gestreckt werden kann, bis die 70 Prozent erreicht sind. Nur die Entwicklung eines Impfstoffes kann diese Zahl an Todesopfern senken. Diese Rechnung ist immer noch ziemlich optimistisch. Die Sterberate könnte auch doppelt oder sogar dreifach höher liegen. Aufgrund der hohen Dunkelziffer an tatsächlich Infizierten wissen wir das – noch - nicht genau.

Die Verdopplungszeit der Infektionen betrug am 7.0.2020, 10 Tage. Da hatten wir in Deutschland etwa 100.000 nachgewiesen Infizierte. Schätzt man die Zahl der tatsächlich Infizierten 7,5-fach höher ein (man vermutet das 5 – 10-fache), hätte wir an diesem Tag schon bei 750.000 gelegen. Wäre die Ausbreitungsgeschwindigkeit konstant geblieben, hätten wir die 70 Prozent in circa 2 Monaten erreicht. Mit den oben genannten 214.600 Todesfällen hätten wir somit bis Juni zu rechnen und den totalen Zusammenbruch des Gesundheitssystems zu vermelden.

Egal, wie man rechnet und welche Bezugsgrößen man verwendet – zu den derzeitigen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie gibt es nach meiner Einschätzung überhaupt keine Alternative.

Diese Maßnahmen sind:

  • Solange man nicht genau weiß, wer und wie viele infektiös sind, muss die soziale Distanz aufrecht erhalten werden. Nur dadurch kann und muss die effektive Reproduktionszahl auf mindestens 0,5 gesenkt werden, um einen Zustand zu erreichen, bei dem so wenig Neuinfektionen entstehen, dass wieder jede einzelne separiert und nachverfolgt werden kann.
  • Testen, testen und nochmals testen, damit die Infektiösen erkannt und isoliert wer- den können, die inzwischen Immunen wieder in die vollständige und die noch nicht Immunen in die relative Freiheit entlassen werden können.
  • Es müssen mit allen Mitteln die Infektionswege erforscht werden. Ohne, dass man weiß, wie und wo die meisten Ansteckungen stattfinden, ist jede laienhafte Exitstrategie – und Journalisten wie Ökonomen sind in dieser Frage Laien – ein Spiel mit dem Leben tausender Menschen, die keineswegs alle über 70 Jahre alt sind. Ich finde es geradezu anmaßend, wenn Journalisten oder Ökonomen darüber schlau- meiern, wie das geschehen kann. Die Politiker, die in dieser Frage Verantwortung übernehmen müssen, sind wahrlich nicht zu beneiden.

Es wird eine Aufgabe der Wissenschaft sein, so rasch wie möglich die epidemiologischen Prozesse zu erforschen und sie in Beziehung zu den wirtschaftlichen und sozialen Folgen zu setzen.

Letztlich müssen wir uns mit einem möglichst geringen Schaden, gesundheitlich, sozial und wirtschaftlich über die Zeit retten, bis ein Impfstoff zur Verfügung steht. Nur der kann uns eine Herdenimmunität von 70 Prozent liefern, ohne dass dabei Abertausende sterben müssen.

Kreuzfahrtschiffe, Konzerthallen und Fußballstadien werden für den Rest des Jahres – mindestens, wahrscheinlich aber länger - eingemottet werden müssen. Kreuzfahrten und - selbst wenn der eine oder andere „Ultra“ das anders sieht - Fußball sind nicht systemrelevant.

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