Halloween, Corona, Reformation

Eine Kolumne von Hans-Jürgen Jaworski

Udo Petrick für die Luther-Ausstellung in der Christuskirche im Jubiläumsjahr 2017
Udo Petrick für die Luther-Ausstellung in der Christuskirche im Jubiläumsjahr 2017 Grafiker: Udo Petrick

31.Oktober: Halloween, aber auch Reformationstag, was jedoch immer weniger Zeitgenossen wissen, obwohl es den schon rund 500 Jahre gibt. Halloween dagegen geistert erst seit maximal 30 Jahren bei uns herum. Dafür allerdings mit deutlichen Zeichen und Dekors an Klamotten und Häusern, dazu mit lauten Feten bis in den Morgen des stillen Allerheiligensonntags. Aber in diesem Jahr macht - wie bei vielem anderen - Corona einen dicken Strich durch die Rechnung.

Dennoch glaube ich - und das könnte ein gewisser Trost für alle Halloween-Fans sein- dass Corona und Halloween gut zusammenpassen.

Halloween

Ein Kennzeichen von Halloween sind Totenköpfe und Skelette auf Kleidungsstücken, habe ich vor einigen Tagen noch in den Prospekten unserer bekannten Discounter gesehen. Es ist zwar eigenartig, fast geschmacklos, sich damit zu schmücken, weil doch niemand früh sterben möchte. Wir haben zwar ein Skelett, möchten es aber nicht schon bald ausschließlich sein. Wer es dennoch möchte: Corona kann gegebenenfalls dafür sorgen. Man muss nur alle Abstands-und Hygiene-Regeln außer acht lassen und mit vielen Menschen feiern, sinnigerweise im Skelett-Outfit. Am besten Corona grundsätzlich leugnen: alles nur Einbildung oder Erfindung von geheimen mächtigen Strippenziehern.

Zu solchem Denken würde dann auch das zweite Kennzeichen von Halloween äußerst gut passen: der hohle Kürbiskopf.

Corona

Halloween.
Halloween. Foto: Wolfgang Quickels

Was etliche Zeitgenossen an Theorien über Corona loslassen und wie sie sich deshalb verhalten, kann nur einem hohlen Kopf entspringen. Und wie an unzähligen anderen Stellen unserer Gesellschaft macht diese Krise nur deutlich, was vor ihr vermutlich schon gegeben war: dass leider manche ihren Kopf nur dafür haben, damit sie das Stroh nicht in den Händen halten müssen. Nein, nein…das ist wohl zu hart ausgedrückt. Manchmal gibt es auch Erleuchtungen, jedenfalls so etwas wie….im Kürbiskopf leuchtet es manchmal. Oder ist das doch nur ein Strohfeuer…..

Wie dem auch sei: Halloween und Corona passen doch irgendwie thematisch zusammen.

Warum feiern wir denn überhaupt in unseren Breitengraden dieses „Fest“? Es ist ja in keiner Weise bei uns kulturell verankert. Ich glaube mehr oder weniger deshalb, weil Leute beschlossen haben, bei uns damit Geld zu verdienen. Und wir stellen uns dieser Idee zur Verfügung. Jährlich wird mit dem Halloween-Zeug ein Umsatz von 50-100 Millionen Euro gemacht, wahrscheinlich in manchem Jahr noch mehr. Nur nicht in diesem. Wie gesagt: ein dicker Strich durch die Rechnung.

Seinen Ursprung hat Halloween wohl im katholischen Irland. Es ist der Abend (engl. eve) vor Allerheiligen, also der All Hallows`Eve. Wahrscheinlich gibt es auch noch keltische Wurzeln. Ganz genau weiß man es nicht. Auf alle Fälle brachten irische Auswanderer in den Zeiten der großen irischen Hungersnöte Halloween in die USA. Dort zog es im Laufe der Zeit immer größere Kreise und kam in den 90er Jahren, marktmäßig aufgepäppelt, nach Europa und damit zu uns, wo es immer mehr das Reformationsfest aus vielen Köpfen verdrängte oder ein in denselbigen vorhandenes Vakuum einnahm. Und irgendwie hat der Reformationstag nicht nur, aber auch unter der Last der unzähligen Kürbisköpfe gelitten.

Reformation

Kunst und Reformation sind Thema eines Vortrags in der VHS.
Kunst und Reformation. Foto: VHS

Ich würde am liebsten den Reformationstag verlegen( was natürlich nicht geht), weil er absolut gar nichts mit Halloween zu tun hat, er ist das krasse Gegenteil. Reformation hatte es nicht mit Hohlköpfen, sondern mit vollen Köpfen und auch vollen Herzen zu tun. Es fing an mit eigenständigem Denken und Gewissen, mit Zivilcourage und Standfestigkeit, mit „Glaube, Liebe, Hoffnung.“ Am Ende hat nichts unsere Kultur so beeinflusst wie die Reformation, eben nicht nur die Kirche, auch die Kunst, die Musik, unsere Sprache, unser Schulwesen, vielleicht auch die Politik.

Menschen, denen es verwehrt war, lesen und schreiben zu lernen, bekamen immer mehr Zugang zur Bildung, lernten, zu diskutieren und ihre eigene Meinung zu vertreten. Der katholische Theologieprofessor Johannes Cochläus, einer der schärfsten Kritiker Martin Luthers, wurde unfreiwillig Zeuge dieser neuen Selbständigkeit und Freiheit des Denkens, auch wenn er in seinem Eifer die tatsächlichen Verhältnisse der Reformation ein wenig überschätzt haben dürfte: „Selbst Schuster und Weiber und alle Unwissende, die nur etwas Deutsch lesen gelernt haben, lesen das lutherische Neue Testament begierigst, lernen es durch mehrfaches Lesen auswendig und tragen es in der Tasche bei sich, dadurch konnten sie sich in wenig Monaten so viel auf ihre Wissenschaft einbilden, dass sie nicht nur mit katholischen Laien, sondern mit Priestern und Mönchen, ja sogar mit Magistern und Doktoren der Theologie sich nicht scheuen, über Glauben und Evangelium zu disputieren“. …Und das zog Kreise.

sola scriptura, sola fides, sola gratia

Die Basis dieser neuen Bewegung, die so anfing und an die wir an jedem 31.Oktober denken, lässt sich in drei reformatorische Begriffe zusammenfassen: sola scriptura, sola fides, sola gratia.

1. sola scriptura -allein die Schrift: Mit anderen Worten, ich lasse mir kein X für ein U vormachen, kann selber lesen und denken, die Maßstäbe meines Glaubens und Lebens hängen nicht von dem ab, was „Fürstentümer und Gewalten“ anordnen, sondern allein von der Schrift, die das Wort des Lebens ist. Und auch die Kirche als Glaubensgemeinschaft und Institution ist hoffentlich eine sich beständig reformierende, mit dieser Schrift als Impuls und Leitfaden.

2. sola fides - allein der Glaube: Ich vertraue dem mein Leben an, von dem ich herkomme und zu dem ich wieder hingehe. Ich weiß, worauf ich mich im Leben und Sterben verlasse und wozu ich Gast auf dieser Erde bin. Glaube ist ja nicht einfach nur das Fürwahrhalten etlicher Glaubenssätze, sondern die Gewißheit, daß ich getragen und gehalten bin, auch wenn ich selbst nichts mehr halten kann.

3. sola gratia - allein die Gnade: Und das alles ist also nicht mein Werk. Nicht durch meine geistige oder seelische Kraft, nicht durch mein Geld kann ich mir den Himmel, das Glück und mein Seelenheil erarbeiten oder erkaufen. Es ist immer ein Geschenk, so wie das Leben überhaupt. Und ich glaube, daß das heute wieder ganz neu bedacht werden sollte: Das Entscheidende im Leben ist nicht mit Geld und Gut zu erkaufen, es ist immer Gnade.

Das ist der große Unterschied: bei Halloween geht es darum, daß die Toten nicht totzukriegen sind; am Reformationstag darum, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, weil einer ihm Paroli geboten hat.

Deshalb der vierte reformatorische Begriff: solus (allein) Christus!

Also, für mich steht fest, was ich feier - und darüber muss ich noch nicht einmal nachdenken.

Quelle: