Freaks – Du bist eine von uns

SciFi-Streifen mit Wotan Wilke Möhring

Die „Freaks“ auf einen Blick: Marek (Wotan Wilke Möhring), Dr. Stern (Nina Kunzendorf), Wendy (Cornelia Gröschel), Elmar (Tim Oliver Schultz) und Gerhart (Ralf Herforth).
Die „Freaks“ auf einen Blick: Marek (Wotan Wilke Möhring), Dr. Stern (Nina Kunzendorf), Wendy (Cornelia Gröschel), Elmar (Tim Oliver Schultz) und Gerhart (Ralf Herforth). Foto: ZDF/ David Dollmann

In dem arg spekulativen Science-Fiction-Streifen „Freaks – Du bist eine von uns“ ist der Herner Schauspieler Wotan Wilke Möhring in einer außergewöhnlichen Rolle zu sehen: Als unverwundbarer Superheld Marek im abgerissenen Outfit eines Obdachlosen, der sich am Ende nach gut neunzig Minuten für die sich als Weltretterin aufschwingende Protagonistin opfert. Die erste Zusammenarbeit zwischen dem ZDF mit dem Streamingdienst Netflix kommt nun als Free-TV-Premiere im „Zweiten“ heraus – versteckt zu nachmitternächtlicher Stunde.

Ein völlig verängstigtes Kind hockt weinend auf dem Boden der offenbar gerade erst von Lehrern und Schülern auf schnellstem Wege verlassenen Turnhalle, der Schulhof sieht aus wie nach einem Bombenattentat. Die Gebäudefassade weist in Höhe des Direktorenzimmers im ersten Stock ein Loch auf. Kurze Zeit zuvor war die als aufsässig geltende Wendy (Charlotte Banholzer) zusammen mit ihrer Mutter (Gesine Cukrowsky) zum Schuldirektor (Stefan Mehren) zitiert worden. Nun ist Letzterer tot und mit Dr. Stern (Nina Kunzendorf) kümmert sich eine Psychotherapeutin um das verstörte Mädchen, dass sich das soeben Erlebte nicht erklären kann.

Die Superhelden Elmar (Tim Oliver Schultz, l.), Wendy (Cornelia Gröschel, M.) und Marek (Wotan Wilke Möhring, r.) wollen Gerechtigkeit.
Die Superhelden Elmar (Tim Oliver Schultz, l.), Wendy (Cornelia Gröschel, M.) und Marek (Wotan Wilke Möhring, r.) wollen Gerechtigkeit. Foto: ZDF/ David Dollmann

Zeitsprung. Wendy Schulze (Cornelia Gröschel) schluckt noch vor dem Aufstehen ihre blauen Pillen. Sie hat es eilig, jobbt in einer aufgelassenen Barnimer Tankstelle vor den Toren Berlins im hochtrabend Diner genannten Imbiss „Kotelett Himmel“ und will es mit ihrer kratzbürstigen Chefin Angela (Gisa Flake) nicht verderben, welche ihr die längst versprochene und nach drei Jahren fällige Beförderung in eine höhere Gehaltsstufe bisher verweigert. Ihr Mann Lars (Frederic Linkemann) dagegen, der als Security-Mann arbeitet, hat noch Zeit, ihren gemeinsamen Sohn Karl (Finnlay Berger) zur Schule zu bringen.

Die schüchterne Wendy ist vom Leben gebeutelt. Der Pool im Garten ist so trocken wie die Haushaltskasse leer, der Räumungsaufforderung folgt die Zwangsvollstreckung durch die Bank, wenn der Hauskredit weiterhin nicht bedient wird. Wendy ist eher zurückhaltend, wenn es Ärger gibt etwa mit mobbenden Kindern, die Karl die Schuhe wegnehmen oder gegenüber einer notorischen, das Behinderten-Schild geflissentlich übersehenden Falschparkerin (Eva Löbau). Weshalb sie dem abgerissenen Obdachlosen Marek (Wotan Wilke Möhring) nur heimlich für den Müll bestimmte Speisereste der Frittenbude zusteckt.

Auf dem Heimweg trifft sie Marek auf einer Straßenbrücke wieder. Der seine Worte „Du bist eine von uns“ wiederholt, als er Wendy auffordert, künftig auf die Einnahme der blauen Pillen zu verzichten, und ergänzt: „… du weißt es nur noch nicht.“ Hat er hellseherische Fähigkeiten? Als er sich von der Brücke stürzt und von einem LKW überrollt wird, ruft Wendy die Rettung – und wird an den ihr nach wie vor unerklärlichen Vorfall aus ihrer Kindheit erinnert. Dennoch folgt sie dem Rat, setzt die seit Jahrzehnten verordneten Psychopharmaka ab und fühlt plötzlich mental wie körperlich eine neue Stärke in sich. Was zuerst Sohn Karl zu spüren bekommt, der nun Rohkost frühstücken muss statt Nutella, dann ihre Chefin Angela, der es buchstäblich an den Kragen geht – und am Abend betrunkene Rowdies, welche ihr an die Wäsche wollen.

Wendy folgt Marek, der plötzlich unverletzt vor ihr gestanden hat, ins ehemalige und nun leerstehende Freizeitbad Neptun’s Welt. „Wir sind keine Psychos, wir sind nur anders“ erklärt dieser Leidensgenosse, ebenfalls ein Opfer von Dr. Stern und der geheimnisvollen Organisation „Atlas“, die eine Psychiatrische Anstalt unterhält und die Insassen wie Gefangene hält. Einer von ihnen war, wie sich wenig später herausstellt, auch Wendys jüngerer Arbeitskollegen Elmar (Tim Oliver Schultz). Der ohne Mutter aufgewachsene, sich ungeliebt fühlende Sohn von Gerhart Mund (Ralph Herforth), der mit seiner Geliebten Chantal (Thelma Buabeng) zusammenlebt, hat nicht nur eine Vorliebe für Comicbücher, sondern auch für Wendy. Und träumt sich als Superheld an ihrer Seite.

Was Marek sogleich als Gefahr erkennt, obwohl er sich an einer Befreiungsaktion der „Patienten“ besagter Klinik beteiligt: Die Gesellschaft verträgt Andersartige nicht, zumal wenn sie über Superkräfte verfügen. Und nicht nur sie, wie Wendy am Verhalten ihrer kleinen Familie schmerzhaft erfährt. „Mama, was ist los mit dir?“ fragt ein verängstigter Karl. Und Gatte Lars vermutet nach dem plötzlichen Geldsegen, der alle Schulden tilgt, dass ein reicher Mann dahintersteckt – und greift zur Flasche. Als der nerdige, völlig in seiner Comic-Traumwelt lebende Elmar seinen vermeintlichen Rivalen Marek aus dem Weg räumt, indem er Dr. Stern seinen Aufenthaltsort verrät, zieht Wendy die Notbremse, um das „Superhelden-Ding“ zu stoppen…

„Freaks – Du bist eine von uns“, die erste gemeinsame Spielfilm-Koproduktion von ZDF/Das kleine Fernsehspiel mit Netflix, erzählt eine recht krude Science-Fiction-Story über einen Staat, der Bürger mit besonderen Fähigkeiten wegsperrt und unter Drogen setzt mit dem Ziel, sogenannte unnatürliche Kräfte zum Schweigen zu bringen. Das Autoren- (Marc O. Seng), Regie- (Felix Binder) und Produktionsteam (Maren Lüthje und Florian Schneider) der Münchner PSSST! Film GmbH hatte mit der ZDF-Nachwuchsredaktion zuvor bereits zwei Staffeln der selbstironischen Sitcom „Lerchenberg“ umgesetzt. Nach dem Streaming-Start am 2. September 2020 erfolgt die Free-TV-Premiere versteckt in der Nacht vom 20. auf den 21. September 2021 um 0.10 Uhr im ZDF. Aber niemand braucht so lange aufzubleiben oder muss den Recorder programmieren: anschließend steht dieser arg spekulative Neunzigminüter dreißig Tage in der ZDF-Mediathek.

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