Das ist Crange 2021

Das Cranger Tor: Beliebter zentraler Treffpunkt für Kirmesbesucher.
Das Cranger Tor: Beliebter zentraler Treffpunkt für Kirmesbesucher. Foto: Björn Koch

Die Cranger Kirmes - das ist ja nun mal allgemein bekannt - findet auch 2021 nicht statt. Doch für viele Menschen ist Crange irgendwie da. Ein Blick auf eine Kirmes, die eigentlich gar nicht stattfindet. Eigentlich.

Ein echter Kirmes-Fan spürt, dass die fünfte Jahreszeit vor der Tür steht. Er spürt es im Herzen und hat es im Blut. Da kann der Kopf rational immer wieder in Erinnerung rufen, was so schmerzt: Es gibt keine Kirmes. Punkt, Ende, Aus. Kein Schlendern über den Kirmesplatz beim Aufbau, kein Feiern, keine glücklichen Kinderaugen auf den Karussells.

Die Wanner Blagen.
Die Wanner Blagen. Foto: Björn Koch

Jetzt ist das mit der Cranger Kirmes aber so, wie bei dem kleinen gallischen Dorf bei Asterix und Obelix. Ein paar Unbeugsame geben nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten. Wer nun dieser Eindringling ist, mag durchaus interpretiert werden. Der Verfasser dieser Zeilen bezieht sich jetzt mal auf dieses kleine, fiese Virus, das uns all den Ärger eingebrockt hat. Zurück zu den Unbeugsamen: Das sind die Menschen, die sich die Freude an und durch Crange jetzt einfach nicht nehmen lassen wollen. Als zwei Beispiele sind hier die Treckerfreunde Wanne-Eickel und die Wanner Blagen zu nennen. Der Festumzug fiel ja ebenfalls aus. Doch das hinderte die Gruppen nicht, trotzdem auf Tour zu gehen. Und so zogen die Trecker-Kolonne und die Wanner Blagen mit ihrem Wagen am traditionellen ersten Kirmessamstag (umgerechnet der 7.8.2021) auf bekannten Wegen von Eickel nach Crange.

Wurfmaterial der Wanner Blagen
Wurfmaterial der Wanner Blagen Foto: Björn Koch

Zumindest in Eickel schien sich die Nachricht über einen Umzug, den es eigentlich gar nicht gibt, zu verbreiten. Denn am Straßenrand standen - vereinzelt - Menschen, zum Teil mit bunten Bollerwagen. Als ob diese trotzdem irgendwie noch auf Festwagen, Reitergruppen, Fußgruppen und dem Samba-Wagen am Schluss warten würden. Die Wanner Blagen haben sich zumindest auf diese Tatsache vorbereitet und genügen Wurfmaterial mit an Bord genommen. Gemäß dem Motto: Wenn schon, denn schon.

Albert Ritter im Gespräch mit Christoph Bußmann
Albert Ritter (re.) im Gespräch mit Christoph Bußmann (CDU). Foto: Björn Koch

„Es muss endlich wieder aufgemacht werden“, sagte Albert Ritter am Freitagabend (6.8.2021) bei einem Gespräch mit CDU-Bundestagskandidat Christoph Bußmann. Der Schausteller-Präsident fasste die aktuelle Situation der Schausteller zusammen: „Die aktuelle Überbrückungshilfe endet im September. Und selbst die ist nur dafür da, um die betrieblichen Ausgaben zu decken. Die Rücklagen aus Lebens- und Rentenversicherungen sind aufgebraucht. Wer Geld zum Leben braucht, der muss Arbeitslosengeld II beantragen oder irgendwie anders Geld verdienen. Ich kenne Kollegen, die fahren jetzt bei der Müllabfuhr den Lkw oder sitzen bei Rewe an der Kasse.“ Ob denn auch Fahrgeschäfte verkauft wurden, um Geld in die Kasse zu bringen? „Nein, denn da gibt's ja keinen Markt für. Also konnten die Schausteller auch nichts verkaufen.“

Rechts wird sonst der Gummibärschnaps ausgeschenkt. Links steht sonst der Breakdance.
Rechts wird sonst der Gummibärschnaps ausgeschenkt. Links steht sonst der Breakdance. Foto: Björn Koch

„Was würden sie sich denn wünschen“, so die Frage von Bußmann an Albert Ritter. „Ich möchte wieder unbeschwertes Kinderlachen hören“, so die Antwort. Dann berichtet Ritter noch von fünfjährigen Kindern, die auf einer Popup-Kirmes zum ersten Mal auf einem Kinderkarussell saßen - weil's vorher nicht möglich war. Und er berichtet von den Schwierigkeiten, die die unterschiedlichen Regelungen der jeweiligen Corona-Schutzverordnungen der Länder mit sich brachten: „Wir hatten quasi Berufsverbot. Und dann keine Planungssicherheit.“

Eine weitere Frage war, ob die Verlängerung der Cranger Kirmes helfen würde? „Das ist ja immer das Thema mit dem Lärm und Emissionsschutz“, so Ritter. „Aber für mich sind Geräusche von Crange kein Lärm, sondern Lebensfreude. Und schließlich ist das auch nur einmal im Jahr.“ Eine Verlängerung der Cranger Kirmes sieht der Schaustellerpäsident kritisch, „denn wir haben einen engen Zeitplan bei unseren Touren, da die Kirmessen hintereinander liegen. Außerdem ist die Frage, ob wir hier im Ruhrgebiet auch die Kaufkraft für 16 Tage haben. Hier würde sich dann vieles auf die drei Wochenenden verschieben und unter der Woche bliebe der Platz leer.“

Statt Bayernzelt gibt's Test-Zelt.
Statt Bayernzelt gibt's Test-Zelt. Foto: Björn Koch

Aber zurück in die Gegenwart. Und zurück auf den Kirmesplatz. Wie sieht's denn da aktuell aus? Albert Ritters Kult-Biergarten Zum Armen Ritter steht an seinem angestammten Platz - und sorgt zumindest an dieser Stelle für ein bekanntes Bild. Doch wo im letzten Jahr noch der Gastro-Rummel stand, ist jetzt gähnende Leere. Und statt Bayernzelt steht dort ein Zelt für Corona-Schnelltests. Einsam weht eine Kirmes-Flagge von einem Balkon im Wind. Ein weiterer Nebeneffekt: So grün war der Kirmesplatz noch nie.

Das ist also Crange 2021. Doch Crange lebt weiter. Die Menschen teilen ihre Erinnerungen und auch die Traurigkeit in den sozialen Netzwerken. Crange ist - und bleibt - Kultur und die fünfte Jahreszeit. So bleibt die Hoffnung, dass es 2022 wieder eine richtige Cranger Kirmes gibt. Aber das haben wir - eigentlich - vergangenes Jahr auch gehofft (halloherne berichtete).

Der Verfasser schnappte sich seine Kamera und sah sich auf dem Kirmesplatz um. Die Fotostrecke enthält unter anderem Stellen auf dem Platz, die jeder kennt. Nur halt ohne Kirmes - und vielleicht mal aus einem anderen Blickwinkel.

Wurfmaterial der Wanner Blagen Annette Kraska (links) und Susanne Fuchs tragen die passenden T-Shirt zu der Tour. Die Treckerfreunde Wanne-Eickel auf Tour von Eickel nach Crange. Die Treckerfreunde Wanne-Eickel auf Tour von Eickel nach Crange.

Crange 2021

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Die Treckerfreunde Wanne-Eickel auf Tour von Eickel nach Crange.
Die Treckerfreunde Wanne-Eickel auf Tour von Eickel nach Crange. Foto: Björn Koch
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