Butter bei die Fische

Kolumne von Dr. Gerd Dunkhase

Eine Impfung kann zum Beispiel vor Masern schützen.
Eine Impfung kann zum Beispiel vor Masern schützen. Foto: AOK

Jetzt kommt sie also doch, die Impfpflicht gegen Masern und das ist gut so. Die Impfung ist extrem risikoarm, aber hoch effektiv. Sie wird heute in der Regel als 3-fach Impfung (Masern-Mumps-Röteln) oder sogar 4-fach mit zusätzlicher Immunisierung gegen Windpocken verabreicht und hinterlässt eine nahezu lebenslange Immunität gegen diese Erkrankungen. Aktuell sind in Deutschland je nach Bundesland circa 90 - 93 Prozent der Schulanfänger ausreichend gegen Masern geimpft. Notwendig wären 97 Prozent um die Krankheit auszurotten.

Impfpflicht, das ist für die militanten Impfgegner angeblich eine Horrorvorstellung. Ich glaube allerdings, dass sich in dieser Bewegung nur eine winzig kleine, überwiegend querulatorisch veranlagte Gruppe von Individuen sammelt. Sie führen allerlei absurde Verschwörungstheorien an und werden unterstützt von einigen realitätsfremden Wunderheilern. Die halten nichts von seriöser Wissenschaft, verdirbt sie ihnen doch ihr abstruses Geschäft und stellt sie dahin, wo sie hin gehören – nämlich in die Ecke derjenigen, die mit Schwindel und absurden Heilsversprechen ihr unseriöses Geschäft betreiben.

Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey.
Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey. Foto: Wolfgang Quickels

Dann gibt es auch noch die überaus liberalen „Reichsbedenkenträger“, die immer dann nervös werden, wenn sie zugunsten der Gemeinschaft ein kleines Stück ihrer Selbstbestimmung opfern müssen. In meinen Augen kann es kein Recht geben, andere einem vermeidbaren Risiko auszusetzen. Die Zahl von gut 90 Prozent geimpften Schulanfängern zeigt, dass die Informationspolitik der vergangenen Jahrzehnte durchaus Wirkung gezeigt hat, aber eben an den restlichen 5 – 7 Prozent scheitert. Eine Impfrate von 90 Prozent reicht eben nicht, um die Krankheit vollständig auszurotten.

Impfpflicht – das gab es übrigens schon einmal. Bis 1976 bestand die gesetzliche Pflicht zur Pockenimpfung. Pockenepidemien gehörten über Jahrhunderte zu den Horrorseuchen, an denen Tausende starben und die bei den Überlebenden fürchterliche Entstellungen hinterließen. Das lernte man schon in der Grundschule. Die Impfpflicht hat damals kaum jemanden aus der Fassung gebracht, weil jeder die Notwendigkeit einsah und diese sich mehr als 100 Jahre in das Bewusstsein der Bürger eingebrannt hatte. Annähernd jeder hatte an einem Arm die typischen Impfnarben. Seit 1976 gilt die Pockenerkrankung weltweit als ausgerottet. Von den unter 40-Jährigen kennt kaum noch jemand diese Impfung, die übrigens deutlich häufigere und auch schwerere Nebenwirkungen hatte als die aktuelle Masernimpfung.

Politiker wollen gewählt werden. Dafür tun sie alles. Eine schlechte Presse fürchten sie wie die Teufel das Weihwasser. Angesichts der Tatsache, dass bereits 90 Prozent der Schulanfänger geimpft sind, dürfte bei der Impfpflicht gegen Masern das Risiko eines Shitstorms für unseren umtriebigen Gesundheitsminister gering sein. Mit dem Transplantationsgesetz sieht es da schon ganz anders aus. Im Grunde ist auch hier die Widerspruchslösung – das heißt: jeder, der nicht ausdrücklich einer Organentnahme nach seinem Tod widerspricht, wird als Spender eingestuft – die einzig effektive Lösung. Aber die Organtransplantation ist eben auch ein sehr sensibles Thema. Da kann auch ein ansonsten nassforscher Minister sich ordentlich die Finger verbrennen. Ein Einstieg in den von der Studie der Bertelsmann-Stiftung empfohlenen Umbau der Krankenhauslandschaft (Kolumne Dunkhase), das wäre wirklich mal ein Projekt, das Butter bei die Fische bringen würde. Aber da wird auch der Hans-Dampf-Minister Spahn kneifen, zumal er sich ja auch noch mit allerlei populistischen Schikanen gegen niedergelassene Ärzte profilieren kann.

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