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Schwestern-Streit um Pepe El Romano in „Bernarda Albas Haus“ (v.l.): Sabine Hogrefe, Lina Hoffmann, Katherine Allen, Bele Kumberger, Soyoon Lee, Margot Genet und in der Titelpartie Almuth Herbst.

Altmeisterliche Inszenierung

'Bernarda Albas Haus' am MiR

Federico García Lorca, 1898 im kleinen andalusischen Dorf Fuente Vaqueros geboren, hat mit seiner „Trilogía de tragedias rurales“ den unterdrückten Frauen im Spanien der 1930er Jahre eine Stimme gegeben. Nach „Bodas de Sangre“ („Bluthochzeit“, 1933) und „Yerma“ (1934) konnte er zwei Monate vor seiner Ermordung im Spanischen Bürgerkrieg am 19. August 1936 seine Tragödien-Trilogie mit „La casa de Bernarda Alba“ vollenden.

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Posthum am 8. März 1945 uraufgeführt wurde „Bernarda Albas Haus“ bei uns durch Augusto Fernandes‘ bahnbrechende Inszenierung im Herbst 1978 am Schauspielhaus Bochum u.a. mit Lola Müthel, Hannelore Hoger, Claudia Amm und Regine Vergeen bekannt.

Übernahme der Regentschaft über die Familie

Aribert Reimanns am 30. Oktober 2000 uraufgeführte Textfassung und Vertonung, ein Auftragswerk des Bayerischen Staatsoper München, hält sich strikt an die in den 1930er Jahren in der andalusischen Provinz angesiedelte Vorlage: Nach dem Tod ihres, im realistischen Bühnenbild Dieter Richters rechterhand aufgebahrten zweiten Ehemannes Antonio María Benavides, übernimmt die 60-jährige Witwe Bernarda Alba (bravourös alle Klippen der höllischen Partitur meisternd: Almuth Herbst) eine der spanisch-katholischen Tradition entsprechende Regentschaft über die Familie, zu der fünf Töchter sowie die eigene, inzwischen 80-jährige und offenbar psychisch gestörte Mutter María Josefa (eine Rampensau im positiven Sinne: die 74-jährige Mechthild Großmann) gehören.

Den Hausstand komplettieren mit der altgedienten, hier ihr halbes Leben verbrachten La Poncia (die renommierte Sopranistin und Wagner-Spezialistin Sabine Hogrefe als Gast) und der jüngeren Violeta (Anke Sieloff) zwei Mägde.

María Josefa (Mechthild Großmann, Mitte) ist von den beiden Mägden (Sabine Hogrefe und Anke Sieloff) kaum zu bändigen.

In seiner herausragenden zweieinhalbstündigen Gelsenkirchener Inszenierung hat Regie-Altmeister Dietrich W. Hilsdorf (zuletzt am MiR „Die Sache Makropoulos“ von Leoš Janáček) mit Antonia eine zehnjährige Tochter Violetas hinzuerfunden: die beiden Mägde sind offenbar die einzigen normalen Menschen in diesem zunehmen tyrannisch regierten reinen Frauenhaus, das für die älteste, aus erster Ehe stammende Tochter Augustias (Lina Hoffmann) ebenso zum Gefängnis wird wie für ihre vier jüngeren Halbschwestern.

Gute Fassade und Einigkeit

„Ich will eine gute Fassade und Einigkeit in der Familie“: Denn Bernarda Alba hat nach der Totenmesse ihre Töchter zu einer achtjährigen Trauerzeit verdonnert, in der sie – als Unverheiratete – das Haus nicht verlassen dürfen. Nur Augustias kann hoffen: Befördert durch die Erbschaft ihres leiblichen Vaters und das Testament ihres Stiefvaters, das ihr den Löwenanteil am offenbar nicht unerheblichen Vermögen zuspricht, kann sich die 39-jährige Jungfer berechtigte Hoffnungen auf die Ehe mit dem 25-jährigen Pepe El Romano machen.

Der jedoch längst nicht nur ein Auge auf die Jüngste, die 20-jährige Adela (Katherine Allen als Gast), geworfen hat. Die junge australische Sopranistin ist ebenso eine Entdeckung wie das südkoreanische Opernstudio-Mitglied Soyoon Lee: die grazile Koloratursopranistin verkörpert die Partie der zweitjüngsten Tochter Martirio, die aus Eifersucht die offenbar nicht folgenlos gebliebene Liaison zwischen Adela und dem Objekt allseitiger weiblicher Begierde an die Mutter verrät. Bernarda Alba, stets auf den tadellosen Ruf der Familie bedacht, schießt mit einem Gewehr auf Pepe el Romano. Im Glauben, ihr Geliebter sei tödlich getroffen worden, nimmt Adela sich das Leben…

'Schwer erträgliche Komposition'

Aribert Reimanns schwer erträgliche Komposition, um für die strengen, unerbittlich schneidenden Dissonanzen im Graben und das nicht minder schrille Zusammenspiel von Geschrei und Sprache auf der Bühne die Worte „Musik“ und „Gesang“ zu vermeiden, ist zwanzig Jahre nach der letzten Aufführung nun am Gelsenkirchener Kennedyplatz herausgekommen, Premiere war am Samstag (6.5.2023). Am Pult mit Johannes Harneit ein ausgewiesener Spezialist für Neue Musik, mit dem Dietrich W. Hilsdorf schon bei Luigi Nonos „Intolleranza 2022“ an der Oper Wuppertal zusammengearbeitet hat.

Die Ausstattung von Dieter Richter, ein Mausoleum mit gewaltig hohen Wänden und Fenstern, und Nicola Reichert (Kostüme) weist wie Gregor Eisenmanns Videos mit Soldaten der Falange Española auf das faschistische Spanien Francos hin, ein für die Iberische Halbinsel typisches Kachelbild über der Eingangstür auf die südandalusische Stadt La Línea de la Concepción als Handlungsort. Und das Gemälde eines feurigen Hengstes an der rechten Wand, Metapher für die stets abwesende und dennoch zentrale Figur des Pepe El Romano, auf die hier mit Fantasy-Elementen verfremdete Kunst der mit Lorca befreundeten Surrealisten.

Ein ganz besonderer Gast in der Produktion

Dietrich W. Hilsdorf inszeniert das herausragende Solistenensemble, noch zu nennen Bele Kumberger als Tochter Magdalena und Margot Genet vom NRW-Opernstudio als Tochter Amelia, wie für ein Schauspiel: trotz der mit „anspruchsvoll“ noch stark untertreibend bezeichnenden Partitur erstaunen die Sängerinnen mit feinsten Nuancen in Gestik und Mimik. Was, ganz ihrer Rolle entsprechend, auf den besonderen Gast dieser vom kleinen Kreis der Spezialisten enthusiastisch gefeierten Produktion nicht zutrifft: Mechthild Großmann sprengt als nachtwandlerische Verrückte mit ihrer enormen Bühnenpräsenz den Rahmen.

Das legendäre Mitglied der Bochumer Truppe Peter Zadeks und des Tanztheater Wuppertal Pina Bausch, heute allseits bekannt als die Staatsanwältin mit der ikonisch-rauchigen Stimme aus dem Münsteraner „Tatort“, ist immer wieder – im wahren Wortsinn - auf der Bühne zu erleben, so als Multimilliardärin Claire Zachanassian in Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ am Schauspielhaus Bochum.

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Die weiteren Vorstellungen: Samstag, 27. Mai, um 19.30 Uhr, Sonntag, 4. Juni, um 18 Uhr, Samstag, 10. Juni, um 19.30 Uhr sowie Samstag, 24. Juni 2023, um 19.30 Uhr. Karten an der MiR-Kasse am Kennedyplatz, im Netz unter musiktheater-im-revier.de oder unter Tel. 0209 – 40 97 200.

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  • Samstag, 27. Mai 2023, um 19:30 Uhr
  • Sonntag, 4. Juni 2023, um 18 Uhr
  • Samstag, 10. Juni 2023, um 19:30 Uhr
  • Samstag, 24. Juni 2023, um 19:30 Uhr
| Autor: Pitt Herrmann
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