Barockoper und Virtual Reality

„Il re Teodoro in Venezia“ am MiR

Flankiert vom eitlen Taddeo (Demian Matushevskyi) und seiner Tochter Lisetta (Wendy Krikken) sorgt Belisa (Mercy Malieloa, Mitte) für schlechte Träume ihres Bruders Teodoro (Timothy Edlin, vorn).
Flankiert vom eitlen Taddeo (Demian Matushevskyi) und seiner Tochter Lisetta (Wendy Krikken) sorgt Belisa (Mercy Malieloa, Mitte) für schlechte Träume ihres Bruders Teodoro (Timothy Edlin, vorn). Foto: Isabel Machado Rios

Im Gelsenkirchener Musiktheater im Revier hat die nervtötende Pandemie die Kreativität beflügelt: In Giovanni Paisiellos am 23. August 1784 im Wiener Burgtheater uraufgeführter Oper 'Il re Teodoro in Venezia' (König Theodor in Venedig), die auf der wahren, allerdings auf Korsika spielenden Geschichte des aus Westfalen stammenden Freiherrn Theodor von Neuhoff basiert, gehen Virtual Reality und Barockoper eine spannende Verbindung ein. Besucher finden am Platz im Großen Haus eine VR-Brille vor, die jedoch nicht permanent aufgesetzt werden muss. Sondern wie ein „Opernglas 2.0“ nur bei besonderen Anlässen während der gut zweieinhalbstündigen, am Premierenabend des 25. Juni 2021 begeistert aufgenommenen Aufführung.

Belisa (Mercy Malieloa) und Acmet (Daegyun Jeong) bilden als ganz in Rot gekleidetes Klinikpersonal die Rahmengeschichte, in welcher der alte Teodoro (kein Geringerer als MiR-Chefdramaturg Olaf Roth) krank darniederliegt. Seine Schwester und ihr in sie verliebter Begleiter tauchen als Gespenster aus der Vergangenheit auf – und rollen so die Geschichte noch einmal auf. Die 360-Grad-Kamera des aus Daniel Wolff und Max Friedrich bestehenden Kollektivs Rabot Rummel scheint durch das Auge Teodoros in seinen Schädel einzudringen – die stärkste VR-Szene setzt gleich am Anfang die Messlatte für das spätere Feuerwerk der (Alp-) Traumvisionen sehr hoch. Immer wieder kann das Publikum so in die Gedankenwelt der Protagonisten eintauchen.

Hochzeitsparty im Laser-Pool v.l. Wendy Krikken, Tobias Glagau, Timothy Edlin, Mercy Malieloa und Adam Temple-Smith.
Hochzeitsparty im Laser-Pool v.l. Wendy Krikken, Tobias Glagau, Timothy Edlin, Mercy Malieloa und Adam Temple-Smith. Foto: Isabel Machado Rios

Besagter König Theodor hat sich bei Giovanni Paisiello nach Venedig geflüchtet und beim Gastwirt Taddeo (Demian Matushevskyi) eingemietet. Teodoros gewitzter Diener Gafforio (Tobias Glagau) hat einiges zu tun, dem inzwischen mittellosen, zu Beginn apathisch am Rand der Rampe verharrenden Herrscher die Gläubiger vom Hals zu halten. Und intrigiert kräftig, damit sein Herr Taddeos hübsche, aber mit Sandrino (Adam Temple-Smith) verlobte Tochter Lisetta (Wendy Krikken) heiraten und damit eine hübsche Mitgift-Summe einstreichen kann. Die sich ständig dadurch erhöht, dass der einfältige Taddeo sein Lockdown-Sportdress mit einer seiner Eitelkeit schmeichelnden Gala-Uniform Gafforios tauscht und darin auf der Poolparty, einem Haifischbecken untreuer Frauen und leichtgläubiger Männer, paradiert.

Teodoro hat sich in der Erkenntnis, dass alle Brautgeschenke ihn nicht von den Forderungen seiner Gläubiger befreien werden, dazu entschlossen, die Notbremse zu ziehen und alle Hochzeitsgäste mit dem enormen Ausmaß seiner Schulden zu konfrontieren. Gerade sind noch Luftballons in den Himmel aufgestiegen, jetzt sind alle Hoffnungs-Blasen geplatzt: die ganze Party-Gesellschaft schwebt am Seil gen Schnürboden und König Teodoro landet zwar nicht gleich wie bei Paisiello im Schuldturm, sitzt aber wieder wie zu Beginn an der Rampe. Nun aber erleichtert und wie befreit: Er hat das Auf und Ab des Lebens als neue Normalität erkannt…

Bis auf das einzige Ensemblemitglied Tobias Glagau gehören alle Gesangssolisten dem Opernstudio Nordrhein-Westfalen an, einer Kooperation des Aalto Theaters Essen, der Opernhäuser Dortmund und Wuppertal sowie des MiR. Unter der musikalischen Leitung von Robin Philips, der gebürtige Südafrikaner leitet das Opernstudio seit der Spielzeit 2019/20, begeistern die jungen Stimmen in ihrer ersten gemeinsamen szenischen Produktion unisono, es wäre ungerecht, Einzelne herauszuheben.

Große Bedeutung kommt der Ausstattung von Galya Solodovnikova zu, die bei allem Multimedia-Einsatz das Live-Erlebnis Theater wieder ganz in den Mittelpunkt rückt: ein in der Schrägstellung beweglicher Rahmen wird mittels spektakulärer Laserprojektionen des Kollektivs „Luchs.US“ um Sebastian Welker zur Wolkenlandschaft, zu Sandrinos Haifischbecken oder zur finalen Hochzeitsparty im Pool. Dieses optische Erlebnis kann kein Stream vermitteln, deshalb unbedingt letzte Karten sichern zur nächsten und, blättert man im Spielzeitheft für die kommende Saison 2021/22, offenbar auch leider letzten Aufführung am Samstag, 3. Juli 2021, um 19:30 Uhr im Großen Haus des Gelsenkirchener Musiktheaters im Revier. Tickets über die Homepage des MiR.

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