Bärentanz in der Muckibude

Eine Kolumne von Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey

muscle cat.
muscle cat. Foto: Jörg Lippmeyer

Gestern war ich im Fitness-Studio, dem ohne Musik und Verkauf von leistungssteigernden Getränken und Substanzen, also für alte Knacker wie mich, die Risikobevölkerung. Seit Anfang des Monats haben sie wieder geöffnet, zunächst mit ziemlich strengen Auflagen, an die sich auch alle hielten. Gestern aber lief schon wieder gefühlt die Hälfte der Gäste ohne Mundschutz herum und schnaufte an den Trainingsmaschinen. Ausgehen, im Büro arbeiten, Bahn fahren und Demos mit Tausenden – seit den Lockerungen am 20. April normalisiert sich das öffentliche Leben wieder.

Maske tragen und Abstand halten werden von Tag zu Tag konsequenter ignoriert. Wenn ich mir diese Spektakel in der Republik ansehe, scheint ein großer Teil unserer Mitbürger vergessen zu haben, wo der Corona-Hammer hängt. Leider vermittelten bis zum Tönnies-Theater die Medien und die Politik konstant den Eindruck, als handele es sich bei registrierten Zahlen, die von Johns-Hopkins-Universität und Robert-Koch-Institut veröffentlicht werden, um das gesamte Ausmaß des Infektionsgeschehens. Das aber ist gewaltig fernab jeder Realität.

Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey.
Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey. Foto: Wolfgang Quickels

In welcher Größenordnung aber müssen wir denken, wenn wir das Infektionsrisiko einschätzen wollen? Die einzig weitgehend vollständige Zahl, die wir kennen, ist nach wie vor die Zahl der Verstorbenen. Die beläuft sich derzeit (24.06.2020) auf 8 916 und steigt weiter. Sie entspricht 0,37 Prozent der tatsächlichen Gesamtzahl der Infizierten. Hochgerechnet wären das dann 2,4 Millionen. Das sind fast 13 mal mehr als registriert wurden (192 480). 92 Prozent sind von diesen Registrierten wieder genesen. Nimmt man diese Größenordnung für die Gesamtzahl der Infizierten, müssten annähernd 200 000 infektiöse Personen in Deutschland herumvagabundieren. Seit gut 2 Monaten hat sich diese Zahl nicht nennenswert verändert - die Genesenen werden bei einer Reproduktionszahl um 1 jeweils durch Neuinfizierte ersetzt. Und es wird auch weiter gestorben.

Die Dunkelziffer der Infizierten beläuft sich in Deutschland konstant seit Monaten auf dem 12 – 13 fachen der tatsächlich registrieren Zahlen. Damit sind wir sogar noch ziemlich gut. Die Länder mit den ganz schlimmen Ausbrüchen einschließlich Schweden liegen beim 30 – 40 fachen dessen, was diagnostiziert wurde. Damit wird klar: wer glaubt, es wäre schon alles überstanden, ist ein naiver Phantast. Das Virus ist deshalb so schwer aufzuhalten, weil eine Ansteckungsgefahr mit Covid-19 auch ohne Symptome droht. Symptomlose sind nach Angaben der WHO für fast die Hälfte der Ansteckungen mit dem Coronavirus verantwortlich.

Eigentlich müsste auch der Dümmste mittlerweile begriffen haben, dass neben Mikrotröpfchen, die beim Niesen und Husten freigesetzt werden, auch Aerosole, die beim normalen Sprechen entstehen, besonders aber bei Gesang und Geschrei, die Hauptübertragungswege des Virus sind. Epidemiologen und Infektionsforscher verorten die Gründe dafür, dass sich die Situation so günstig entwickelt hat, wie sie ist in Maskenschutz, Abstandsregeln und Verbot von Superspreading-Events. Fast alle Ausbrüche der jüngeren Zeit – sofern sie bemerkt wurden – sind durch Allotria und Tohuwabohu auf diversen Veranstaltungen, meist in geschlossenen Räumen, wie Schlachtfabriken, Feten in Restaurants, Gottesdienste oder Zuckerfeste, zurückzuführen. Wenn Muckibuden bislang verschont geblieben sind, haben sie das nur einer Serie glücklicher Zufälle zu verdanken.

Es ist mir unbegreiflich, dass die Ordnungs- und Gesundheitsämter die Maskenpflicht in den Fitness-Studios seit dem 2. Juni in NRW aufgehoben haben. Dabei wird ja in den Kieser-Studios nur Krafttraining betrieben, bei dem deutlich weniger geschnauft wird, als auf dem Ergometer oder Laufband. In normalen Muckibuden, in denen auch Konditionstraining betrieben wird, tanzt der Bär wieder wie zu alten Zeiten. Nur die Mitarbeiter, deren Zahl und körperliche Aktivität begrenzt ist, sind zum Maskentragen verpflichtet. Sogar Gummihandschuhe müssen sie tragen – was unter dem Gesichtspunkt des Infektionsschutzes schlicht Schwachsinn ist. Aber die schnaufenden und keuchenden Gäste können, wenn sie wollen, darauf verzichten, was sie auch reichlich wahrnehmen.

Sollte gar das Virus im anlaufenden Urlaubsreiseverkehr durchs Land getragen werden und aus den Brennpunkten wie in Coesfeld, Göttingen, Berlin, Kassel und Rheda-Wiedenbrück entwischen, dann haben wir, ehe wir uns versehen, wieder den März-Zustand einer unkontrollierten Seuche. Zu alledem wird dann noch von schneidigen jungen Virologen, wie Herrn Streeck, der Eindruck vermittelt, es sei doch in Wirklichkeit gar nicht so schlimm, auf den Lockdown hätte man auch verzichten können und eine nennenswerte Sterblichkeit durch das Corona-Virus sei nicht zu verzeichnen.

Hat er denn überhaupt keine Vorstellung davon, wie derartige Statements vom gemeinen Journalisten des niederen und gehobenen Bildzeitungsniveaus verarbeitet werden und dann bei dem naiven Bürger ankommen? Ist ihm denn nicht bekannt, dass derartige Darstellungen vor allem bei den 30 – 40 Prozent verantwortungslosen und egoistischen Zeitgenossen, die jede Bevölkerung ertragen muss, wie ein Brandbeschleuniger wirken?

Wenn, unter anderem aufgrund derart eitler und leichtfertiger Selbstdarstellungen in der Öffentlichkeit, die bislang vorbildliche Disziplin der deutschen Bevölkerung zusammenbricht, bin ich mir sicher, dass die nächste Welle unvermeidlich ist. Schweden hat den Schlendrian schon vorgemacht. Hochgerechnet auf Deutschland hätten wir auf diese Weise jetzt fast 50 000 Tote. Das wäre dann vielleicht eine Sterblichkeit, die auch der smarte Professor Streeck zur Kenntnis nehmen würde.

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