'Zum Tod meiner Mutter'

Preview am Schauspielhaus Bochum

'Zum Tod meiner Mutter' - Tochter Juliane Schubert (Birte Schnöink, vorn) am Krankenbett ihrer Mutter Kerstin (Elsie de Brauw).
'Zum Tod meiner Mutter' - Tochter Juliane Schubert (Birte Schnöink, vorn) am Krankenbett ihrer Mutter Kerstin (Elsie de Brauw). Foto: Grandfilm

„Ihre Mutter muss bewusst entscheiden, nichts mehr zu essen und nichts mehr zu trinken“ erfährt Juliane Schubert (Birte Schnöink) vom Palliativmediziner Dr. Philipp Plath (Christian Löber). Ihre Mutter Kerstin Schubert (Elsie de Brauw) ist erst 64 Jahre alt, hat aber bereits einen langen Leidensweg hinter sich. Ihre schwere Krankheit ist austherapiert, eine Heilung nicht möglich. „Es ist nicht zu ertragen, wie es ihr geht“ klagt Tochter Juliane. Weil ihre Mutter in einem katholischen Pflegeheim im Ruhrgebiet (gedreht wurde im September und Oktober 2020 in Hagen und Bochum) untergebracht ist und nicht mehr in der Lage ist, selbständig Tabletten einzunehmen, kann sie ihrem Leben nicht selbst ein Ende setzen.

Juliane möchte ihrer Mutter helfen und weiß doch, dass sie ihr das Sterben nicht abnehmen kann. Das Sterben dauert: aus Tagen werden Wochen. Tochter und Mutter sind sich unendlich nah, körperlich und geistig. Und doch muss sich Juliane immer wieder Auszeiten nehmen, joggt allein und bewusst ohne Handyempfang im Wald. Sie erinnert sich etwa an einen gemeinsamen Ausflug ins Elsass und daran, in Helmut Kohls Lieblingsrestaurant Deidesheimer Hof, einem Gebäude aus dem 18. Jahrhundert in Deidesheim, dessen Leib- und Magenspeise Pfälzer Saumagen genossen zu haben – vom Promi-Wirt persönlich am Tisch angeschnitten.

'Zum Tod meiner Mutter' - Pflegerin Katharina (Gina Haller) kümmert sich liebevoll um Kerstin Schubert (Elsie de Brauw).
'Zum Tod meiner Mutter' - Pflegerin Katharina (Gina Haller) kümmert sich liebevoll um Kerstin Schubert (Elsie de Brauw). Foto: Grandfilm

„Ich bin nicht bei klarem Verstand. Ich will es nicht mehr“ flüstert Mutter Kerstin ihrer neben ihr liegenden Tochter ins Ohr. Sie meint ihr Leben, das ihr nichts mehr bedeutet. Auch wenn es im Rollstuhl ‘mal an die frische Luft geht, wo Juliane aus dem Brecht-Weigel-Briefwechsel vorliest. Auch wenn sich das Personal, allen voran die empathische Nachtschwester Natia (Marina Frenck), sehr um ihr Wohlergehen bemüht. Letztere auch aus christlichem Glauben heraus: „Der liebe Gott entscheidet, wann wir sterben“. Natia zwingt Kerstin förmlich zur leidensverlängernden Medikamenteneinnahme.

Verwandte und Freundinnen von Kerstin wie Ursula (Hede Beck), die ihr alte Briefe vorliest, Kalle (Wolfgang Rüter) und Julia („Habt ihr euch schon über die Beerdigung Gedanken gemacht?“: Johanna Wieking), kommen ans Krankenbett, um sich zu verabschieden. Dabei offenbart Juliane, „so unendliche Angst vor dem Tod“ zu haben: „Es wird immer schlimmer.“ Denn so lange sich das Sterben ihrer Mutter auch hinzieht, nach mehreren Wochen ohne Nahrungsaufnahme hat sich Kerstins körperlicher Zustand noch nicht entscheidend verschlechtert, steht der Ausgang fest: Ihre Mutter wird bald nicht mehr da sein, während Julianes Leben weitergeht.

„Meine Welt ist geschrumpft, die Welt ist geschrumpft auf das Ausmaß dieses elenden Zimmers“ klagt Juliane, die kaum noch über ein hastiges Bier in trister Kneipe hinauskommt. Sie ringt mit sich, ob sie ihrer Mutter nicht mit Hilfe der Apothekerin (Karin Moog) und der Ärztin Martina Meyerling (Frederike Bohr) eine Spritze verabreichen soll, die ihrem Martyrium ein Ende setzt…

Jessica Krummacher, gebürtige Ruhrgebietlerin des Jahrgangs 1978, erzählt in ihrem zweiten Spielfilm vom Sterben und vom Loslassen eines geliebten Menschen – durchaus autobiographisch grundiert: Ihre Mutter wurde mit Mitte 50 schwer krank. Eine seltene, unheilbare und stets tödlich verlaufende Erkrankung im Gehirn sperrte sie bereits nach kurzer Zeit gänzlich in ihren Körper ein. Obwohl sie - wie Kerstin Schubert im Film - kaum noch sprechen konnte, war ihr Denken fast immer uneingeschränkt klar. Jessica Krummacher: „Nach einigen Jahren im Pflegeheim entschied meine Mutter nicht mehr leben zu wollen. Sie gab das Essen und Trinken auf. Sie starb nach über zwei Wochen mit 64 Jahren in einem heißen Sommer. Meine Schwester und ich haben sie dabei begleitet.“

Der vor allem durch das verstörend direkte Spiel der beiden Protagonistinnen Elsie de Brauw und Birte Schnöink, von Gerald Kerkletz in Close Up- bis hin zu extremen Italien Shots im wahren Wortsinn hautnah eingefangen, mitreißende, mit 135 Minuten bisweilen quälend lange Film erlebte seine Uraufführung am 12. Februar 2022 in der Sektion Encounters der Berlinale 2022 und ist mit Ensemblemitgliedern der der Münchner Kammerspiele und des Schauspielhauses Bochum großartig besetzt.

Bevor „Zum Tod meiner Mutter“ am 9. Juni 2022 in unsere Kinos kommt, in der Bochumer Endstation erst ab 13. Juni 2022, gibt’s am Samstag, 4. Juni 2022, um 19 Uhr eine Preview in den Kammerspielen des Schauspielhauses Bochum, da mit Elsie de Brauw, Gina Haller, Ann Göbel, Johanna Wieking, Veronika Nickl, Marina Frenck, Konstantin Bühler und Karin Moog nicht weniger als acht „Bochumer“ auf der Leinwand zu erleben sind. Karten unter schauspielhausbochum oder Tel 0234 – 33 33 55 55.

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  • Samstag, 04. Juni 2022, um 19 Uhr
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