Zu spät für die vorbeugende Impfung

Impflexikon 4 von Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey

Gegen Schlangen, vom Pferd.
Gegen Schlangen, vom Pferd. Foto: Jörg Lippmeyer

Passive Impfung oder Passivimmunisierung Hat eine Infektion stattgefunden und zirkulieren die Viren im Körper, ist es für eine vorbeugende Impfung zu spät. Dann bleibt nur noch die Möglichkeit, Antikörper zu „transplantieren“. Das nennt man Passivimmunisierung, früher auch „Passiv-Impfung“. Impfstoffe zur passiven Immunisierung enthalten sog. neutralisierende Antikörper in hohen Konzentrationen. Neutralisierende Antikörper verbinden sich mit der Oberfläche eines Pathogens („Pathogen“ - „krankmachend“ ist der Oberbegriff für alle krankheitserzeugenden Mikroorganismen, Viren und Gifte) und zerstören es unmittelbar. Sie verhindern eine Infektion und mögliche Schäden durch das Pathogen, ohne dass der zelluläre Apparat (B- und T-Zellen) des Immunsystems in Anspruch genommen werden muss.

Diese Antikörper können aus der Blutflüssigkeit (dem Serum) von Menschen stammen, die eine Infektion mit dem entsprechenden Virus oder eine Impfung durchgemacht haben. Deshalb werden sie oft auch als Antiseren bezeichnet. Manchmal werden sie auch von Tieren, insbesondere von Pferden gewonnen. Sehr moderne Verfahren basieren auf der Gentechnologie. Auch gegen die Covid-19-Infektion sind Antikörper-Präparate in der Entwicklung. Antiseren wirken auch gegen Schlangen- und Skorpiongifte. Gegen die Rhesusfaktor-Unverträglichkeit zwischen Mutter und Kind während der Schwangerschaft werden sie ebenfalls eingesetzt.

Bei verschiedenen bakteriellen Infektionen, wie Tetanus (Wundstarrkrampf), Diphtherie oder Keuchhusten verursachen Stoffwechsel- oder Zerfallsprodukte der Bakterien, die sog. Toxine, die eigentlichen Krankheitssymptome.

Sind es Stoffwechselprodukte, also gewissermaßen „Bakterienkacke“, heißen sie Exotoxine. Gegen etliche von ihnen kann der Wirtskörper Gegengifte (Antitoxine) durch eine Impfung bilden (siehe Kapitel „Aktive Impfung“). Typische Vertreter exotoxinproduzierender Erreger sind die sog. Clostridien. Diese Keime vermehren sich unter Sauerstoffabschluss entweder im Körper (Clostridium tetani – Wundstarrkrampf, Clostridium perfringens – Gasbrand) oder z. B. in infizierten Konserven (Clostridium botulinum – Botulismus). Die Toxine dieser Bakterien gehören zu den wirksamsten bekannten Giften. Die tödliche Dosis liegt schon bei wenigen Nanogramm pro Kilogramm-Körpergewicht. Selbst wenn diese Bakterien durch Antibiotika oder das körpereigene Immunsystem vernichtet würden, bliebe das Toxin noch lange aktiv. Dagegen kann man vor allem dann, wenn die Infektion oder die Vergiftung sehr frühzeitig erkannt wird, Antiseren verabreichen.

Sind es Zerfallsprodukte von Bakterien, spricht man von Endotoxinen. Endotoxine sind Bestandteil der äußeren Zellmembran. Im Gegensatz zu den Bakterien, aus denen sie stammen, sind Endotoxine sehr hitzestabil und überstehen sogar die Sterilisation, werden aber nicht kontinuierlich von lebenden Bakterien ins umgebende Medium abgegeben. Passive Immunisierungen gegen diese Bakterienarten sind nur begrenzt wirksam.

Für Patienten, bei denen das Immunsystem stark geschwächt ist (z. B. unter einer Chemotherapie) gibt es verschiedene Immunglobulin-Präparate mit Antikörpergemischen, die gegen eine Vielzahl von Infekten passiv immunisieren.

Die Gewinnungsprozesse von Antiseren sind allerdings ziemlich kompliziert und kostspielig. Zudem sind sie oft nur begrenzt haltbar und ihre Wirkung meist deutlich geringer als eine aktive Schutzimpfung, bei der das körpereigene Immunsystem den Virusinfekt oder die Vergiftung mit einem Bakterientoxin verhindert. Weil „transplantierte“ Antikörper ziemlich rasch abgebaut werden, sind sie nur während eines relativ kurzen Zeitraums wirksam. Daher sind der passiven Immunisierung Grenzen gesetzt.

Gegen diese Krankheiten sind Antikörper bzw. Antiseren zur Passivimmunisierung verfügbar:

  • Botulismus - auch Fleischvergiftung, Wurstvergiftung. Der Giftstoff wird durch verdorbenes Fleisch (auch Fisch und Wurst) oder nicht fachgerecht eingekochtes Gemüse hervorgerufen. In der Lebensmittelherstellung wird das Wachstum des Bakteriums durch Pökeln oder Hitzesterilisation verhindert.
  • Tetanus - auch Wundstarrkrampf, ist eine häufig tödlich verlaufende akute Infektionskrankheit, welche die muskelsteuernden Nervenzellen des Zentralnervensystems befällt. Die sehr widerstandsfähigen Sporen des Bakteriums Clostridium tetani kommen nahezu überall vor, vor allem im Straßenstaub oder in der Gartenerde.
  • Pseudomembranöse Colitis - Darmentzündung durch Clostridium difficile, bei gesunden Menschen ein harmloses Darmbakterium. Werden konkurrierende Arten der normalen Darmflora durch Antibiotika zurückgedrängt, kann sich C. difficile vermehren und Gifte (Toxine) produzieren, die eine infektiöse Durchfallserkrankung auslösen und unter Umständen zu einer lebensbedrohenden sog. pseudomembranösen Kolitis führen können. Sie kann heutzutage sehr wirksam mit einer „Stuhltransplantation“ behandelt werden.
  • Diphtherie, zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch „Würgeengel der Kinder“ genannt, ist eine vor allem im Kindesalter auftretende, akute Infektionskrankheit, die durch eine Infektion der oberen Atemwege mit dem Corynebacterium diphtheriae, dem „Diphtheriebazillus“, hervorgerufen wird (Rachendiphtherie).
  • Hepatitis A, eine durch das Hepatitis-A-Virus verursachte Infektionskrankheit, die zu einer akuten Entzündung der Leber (Hepatitis). Die Hepatitis A verläuft niemals chronisch und heilt meist ohne Komplikationen spontan aus. Eine passive Immunisierung ist nur bei immungeschwächten Patienten sinnvoll. Eine aktive Impfung bietet einen sicheren Schutz gegen die Hepatitis A.
  • Hepatitis B ist eine von dem Hepatitis-B-Virus (HBV) verursachte Infektionskrankheit der Leber, die in 10 – 15 % chronisch verläuft. Die Hepatitis B ist weltweit eine der häufigsten Virusinfektionen. Auf Basis der chronischen Leberentzündung kann eine Leberzirrhose sowie ein Leberzellkarzinom entstehen. Die Therapie einer chronischen Hepatitis B ist schwierig, daher ist die vorbeugende (aktive) Impfung die wichtigste Maßnahme. Bei einer möglichen Infektion (z. B. Stichverletzung durch infizierte Injektionsnadel) ist eine Passivimmunisierung möglich.
  • Masern sind extrem hoch ansteckend. Bei (aktiv) Ungeimpften kann versucht werden, mit einer passiven Immunisierung die in manchen Fällen lebensbedrohlichen Verläufe (Komplikationen) mit Lungen- und Hirnentzündungen zu verhindern.
  • RSV-Infektion - kann beim Säugling neben Symptomen wie Fieber bis 39,5 °C, laufender Nase und Husten auch zu schwereren Verläufe mit Atemnot und Sauerstoffmangel mit Erfordernis einer stationären Behandlung im Krankenhaus führen. Eine aktive Impfung ist nicht möglich.
  • Röteln - sind eine hochansteckende Infektionskrankheit, die durch Rötelnviren ausgelöst wird. Gefürchtet ist eine Rötelninfektion während der Schwangerschaft, weil sie zu schweren Komplikationen (Rötelnembryopathie) mit ausgeprägten Fehlbildungen des Kindes und zu Fehlgeburten führen kann. Eine passive Immunisierung ist nur der Versuch, bei einer Infektion während der Schwangerschaft die Schädigung des Ungeborenen zu verhindern. Eine rechtzeitige aktive Impfung hinterlässt eine lebenslange Immunität.
  • Cytomegalievirus-Infektion (CMV-Infektion) - ist für gesunde Erwachsene in der Regel harmlos, kann aber in der Schwangerschaft für ungeborene Kinder lebensgefährlich sein. Passive Impfung wie bei Röteln, aktive Impfung nicht möglich.
  • Tollwut (Die Tollwut stellt eine Ausnahme dar. Hier ist neben einer passiven Immunisierung auch noch eine frühzeitige Aktivimpfung unmittelbar nach dem Infektionsereignis möglich, die fast immer einen Krankheitsausbruch verhindert) .
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