Wie Ikarus seine Flugangst verliert

'Grünes Licht' im Prinzregent-Stream

Träumt vom Land, in dem die Zitronen blühen: Ikarus (Maximilian Strestik), hinten Elias (Helge Salnikau).
Träumt vom Land, in dem die Zitronen blühen: Ikarus (Maximilian Strestik), hinten Elias (Helge Salnikau). Foto: Laura Thomas

„So eine Achterbahn ist ein empfindlicher Organismus“, weiß ein daueroptimistischer Elias (Helge Salnikau), der in einem Vergnügungspark jeden Morgen die Funktionsfähigkeit und vor allem die Sicherheit checkt, bevor das Publikum auf das superschnelle High-Tech-Gerät losgelassen wird. Es trägt den Namen „Ikarus IV“ – wie Elias‘ Gegenüber, nur ohne Ziffer.

„Die Angst verdampft dir den Körper“: Dieser zweibeinige, an sich und der Welt zweifelnde Ikarus (Maximilian Strestik) in Schlips und Kragen, der seit drei Jahren Ansichtskarten verkauft („Schöne Dinge, garantierte Freude“), will zunächst gar nicht mit dem vergleichsweise leger gekleideten Mini-Haarzopf-Träger sprechen durch eine imaginäre, ganz brechtisch als Theater-Kulisse kenntlich gemachte Wand, welche die Bühne des Bochumer Prinzregenttheaters in zwei Hälften teilt: „Du bist ein Bild, eine Einbildung. Dieses Gespräch ist eine Einbildung.“

Und kommt dann ganz allmählich doch in Gang. Weil Ikarus, der deprimierte, vom Nachdenken rasch ermüdete Illusionsverkäufer, aus seinem Alltag ausbrechen will: „Ich will drüber, über die Welt drüber“. Ein Anfang könnte, wie Elias ihm anbietet, eine aufregende Achterbahn-Fahrt sein, Ikarus auf der Ikarus IV. Doch dagegen steht seine Höhenangst, und es gilt, diese mit ein paar Schlucken aus der Pulle zu überwinden in der schummrigen, in grün-schimmerndes Licht getauchten Pacific Bar. In der sich beide treffen trotz der Rauchschwaden in den „dunkelblauen Stunden“. „Das Leben ist genau das, wo wir jetzt stehen“ macht Elias seinem noch unentschlossenen Gegenüber Mut. Und jedenfalls im Suff besser zu ertragen.

Während es auf Elias‘ Bühnenhälfte Zitronen regnet, obwohl dieser doch Apfelbäume pflanzen wollte, indem er Kerne weiträumig auf den Boden gespuckt hat, beschäftigt sich Ikarus mit einem Stapel Ansichtskarten. Dann erweitern beide Protagonisten ihren Spiel-Raum, indem sie durch imaginäre Wände und Türen die jeweilige andere Seite erkunden.

Das Entzücken ist gegenseitig und Ikarus fasst den Entschluss, Achterbahn zu fahren: „Lieber Elias, Worte sind hier fehl am Platze. Ich habe mich in deinen Augen gefunden. Ich habe keine Angst mehr.“ Er will das Leben in allen Facetten spüren – und mit allen Fasern seines Körpers. Mit Erfolg: Ikarus beschließt, in den Süden zu gehen und dort Zitronen anzubauen – immer dem grünen Licht nach…

Wie leben in diesen unseren Zeiten? Wie überleben? „Grünes Licht“, eine, so der Untertitel, „poetische Tragödie“ von Carina Sophie Eberle, wurde 2019 beim Dramatikwettbewerb „Spiel.Frei.Gabe“ der drei Bochumer Bühnen Prinzregent, Rottstr5 und Zeitmaul von der Jury mit dem zweiten Preis prämiert – bei immerhin 28 Einreichungen. In der Begründung heißt es: „Der Autorin gelingt es, mit Leichtigkeit ein poetisches Bild zu malen, das fantastisch, lebendig, bezaubernd und immer wieder überraschend ist. Nicht von ungefähr spielt es auf einem Jahrmarkt und nimmt uns aus der farbigen Welt des lauten und grellen Scheins mit ins Zentrum zum Kern des Seins; da, wo es Angst und Zweifel gibt und vielleicht ein grünes Licht, das nach Zitronen duftet.“

Helge Salnikau und Maximilian Strestik vor der imaginären, und doch konkreten Wand.
Helge Salnikau und Maximilian Strestik vor der imaginären, und doch konkreten Wand. Foto: Laura Thomas

Die Kölner Theaterautorin, Dramaturgin und Regisseurin Carina Sophie Eberle, bereits 2017 beim Heidelberger Stückemarkt für ein Jugendstück ausgezeichnet, hat ihren beiden Protagonisten sprechende Namen verpasst: Ikarus ist nicht nur eine Figur aus der griechischen Mythologie, die zu hoch hinaus wollte und, nachdem die Sonne das Wachs ihrer Flügel schmelzen ließ, tödlich abstürzte, sondern steht bis heute sowohl für einen besonders mutig-innovativen als auch für einen übermütigen Menschen. Der Prophet Elias war ein gewalttätiger Kämpfer im Namen des Herrn und Gründer des Karmeliterordens. Seine Wiederankunft wird sowohl in der jüdischen Tradition als auch in der christlichen Überlieferung des Neuen Testamentes erwartet.

Die Inszenierung von Ruth-Esther Mensah in der Ausstattung von Yuni Hwang (Bühne) und Sofia Dorazio Brockhausen (Kostüme) sollte ursprünglich im April 2020 am Prinzregenttheater Bochum herauskommen, feierte coronabedingt aber erst Mitte März 2021 Live-Stream-Premiere auf YouTube. Entstanden im Rahmen einer andauernden Kooperation mit dem Studiengang Regie der Essener Folkwang Universität findet sie in atmosphärischer Dichte, die auch über den Bildschirm spürbar ist, absurde Bilder und tragikomische Szenen, die an Samuel Beckett erinnern. Gerade wenn der bodenständigere Ikarus mittendrin feststellt: „Es fehlt der Zusammenhang.“

Helge Salnikau und Maximilian Strestik, vertraute Schauspieler fürs PRT-Stammpublikum, erweisen sich über furios-körperliche Slapstick hinaus als große Komödianten, die mit sparsamer Gestik und Mimik ohne große Worte auskommen. Und beim dadaistisch anmutenden Sprach-Pingpong auch als Geräuschemacher fungieren.

Bis „Grünes Licht“ zusammen mit der Uraufführung des Wettbewerb-Siegers „Die Hausherren“ von Rafael Ossami Saidy wieder als Doppel-Abend live im PRT gezeigt werden kann, sind beide Stücke einzeln als Live-Stream im Internet zu sehen für acht / erm. sechs Euro zzgl. VVK-Gebühr. „Grünes Licht“ kann wieder am Dienstag, 13. April 2021, um 19:30 Uhr über YouTube gestreamt werden.

So geht’s zum Zugangslink des Live-Streams: Die Webseite des PRT leitet Interessierte auf den Shop von TicketPay weiter. Nach Eingang der Zahlung schickt TicketPay den Link in der E-Mail mit der Bestellbestätigung, aus der die Daten herauskopiert werden können. Wichtig zu beachten: Auf dem Print@home-Ticket ist dieser Zugangslink nicht vermerkt.

April
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Dienstag
Dienstag, 13. April 2021, um 19:30 Uhr Livestream auf YouTube gegen Bezahlung
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