Werners wegweisendes Wörterbuch

Boschmann-Lexikon erklärt spezielle Ruhrgebietssprache

Büchernarren unter sich: Werner Boschmann (r.) und sein Kumpel Siggi Staykowski.
Büchernarren unter sich: Werner Boschmann (r.) und sein Kumpel Siggi Staykowski. Foto: Verlag Henselowsky Boschmann

Heinrich Heine sprach vom „kalten Land im Norden“, die Liebe der Deutschen zum heißen Süden ist seit Attila Legende. Manch einer vermutet sogar, dass mit ihm der moderne Tourismus begann. Was hat diese Einschätzung mit Werner Boschmanns „Lexikon der Ruhrgebietssprache“, welches nunmehr in veränderter, 12. Auflage erschienen ist, zu tun ? Nun, Ethnologen wissen um den Zusammenhang zwischen Sprech- und Sprachmustern, Redensarten sowie -wendungen und den Wesenszügen der Menschen, die sich damit ausdrücken.

Was regional in den einzelnen Dialekten verschieden ist. Auf Sizilien „funktioniert“ eine Person als Erzählmotor; das frühmorgendliche Sprechen taut die nächtliche Steifheit und Verlegenheit rasch auf. Dieses hält in den nördlichen Ländern wie Deutschland mehr oder weniger den ganzen Tag an. Womit wir nach einem kleinen geographischen Exkurs mitten im Ruhrgebiet wären. Denn bei Gästen und Zugereisten gibt es oft gravierende Missverständnisse im sprachlichen Umgang mit eingeborenen Ruhrgebietlern. Vieles hört sich bedrohlich an, ist es aber gar nicht. Anderes berührt oder trifft durchaus den Tatbestand der Beleidigung. Verlässliche Abstufungen verwendeter Anreden, beabsichtigter Aussagen und sinnvoller Reaktionen gab es bisher nicht. Diese, es sind 241 exakt zugeordnete Beleidigungen, spiegeln teils, zumindest bei den ersten Stufen die rauhe Herzlichkeit der kodderschnauzigen „Ruhris“, hinter der sie sich mitunter verstecken.

Buchcover.
Buchcover vom 'Lexikon der Ruhrgebietssprache. Foto: Verlag Henselowsky Boschmann

Dieses „Standardwerk“, so selbstbewusst und das zurecht Autor und Verleger Boschmannt, zeigt die aktuellen und aktuellsten Veränderungen. In der Neuauflage des Lexikon der Ruhrgebietssprache findet sich unter anderem: eine vollständige Grammatik der Ruhrgebietssprache, erstmalig die zehnstufige Liste der ruhrdeutschen Trunkenheitsgrade, wie erwähnt die Revier-Beleidigungsstufen mit 241 exakt zugeordneten Beleidigungen, kosende liebliche Bezeichnungen von Lappes bis Etteken und wichtige Gesprächsregeln für Anfänger und Fortgeschrittene von Dialog-Experte und Mondpalastkomödienschreiber Sigi Domke. Die Höhepunkte der deutschen Literatur im besten Ruhrslang sowie eine kleine Geschichte des Ruhrdeutschen von Dirk Hallenberger und neu den

Ratgeber für Lauschepper – erfolgreich bestechen im Ruhrgebiet: Das sind weitere Inhalte. Heinz H. Menge, viele Jahre Germanist an der Ruhr-Uni, beleuchtet in einem Aufsatz den Einfluss der polnischen Zuwanderer auf das Ruhrdeutsche und widerlegt eben dieses Stereotyp. Von ihm übrigens stammt auch ein Büchlein über unseren Dialekt, das den Titel „Von der farbigsten Sprachlandschaft Deutschlands“ trägt.

Auf rund 90 Seiten, und das ist das Gros dieses 144-seitigen Buches, erklärt und übersetzt der Autor Begriffe und auch Redensarten von Aalskuhle bis Zymtzicke unserer Region. Was bei der Lektüre des Wörterbuchteils auffällt: Es gibt ganz, ganz viele Synomyme für den Zustand beziehungsweise Befindlichkeit des Ärgern und in Schwierigkeiten sein. Knöttern und nölen, mosern und moppern sowie meckern, aber auch Pöhle machen und schwer Malässe oder Brassel ham. Mucksich sein ist auch ein Ausdruck, wenn mal was nicht rund läuft. Welche Spezies versteckt sich hinter diesen Bekundungen? Eine eher kritische Lebenseinstellung, wie schon einer der Urväter der Revierliteratur, Josef Reding, konstatierte: „Manchmal picobello und meistens Beschiss“. Kürzer fasste es nur Ahne Frank Goosen: „Woanders ist auch Scheisse“. Na denn … Übrigens, auch eine große Herner Persönlichkeit hat es geschafft ins Lexikon aufgenommen zu werden. Der Begriff „Mangern“ bezeichnet den Gebrauch unseres Dialektes, „Hör gez auf zu mangern“ bedeutet die Aufforderung ins Standarddeutsche zu wechseln.

Schriftsteller Werner Boschmann, dessen reimerische Lyrik-Talente sich mit Geist, Witz und Humor eines Wilhelm Busch messen lassen können – das „Lexikon der Ruhrgebietssprache“ liefert auch hier Kostproben -, ist auch Inhaber des Henselowsky-Boschmann-Verlages in Bottrop. Das hier erschienene besprochene Buch, in dem eine große Liebe zur Heimat und seinen Bewohnern deutlich wird, trägt die ISBN 3-922750-01-7, kostet 9,90 Euro und ist im Buchhandel erhältlich, kann aber auch online beim Verlag bestellt werden.

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