Vor der dritten Welle

Kolumne von Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey

Aerosole der anderen Art.
Aerosole der anderen Art. Illustrator: Jörg Lippmeyer

Wir wissen inzwischen, das Corona-Infektionsgeschehen ist direkt abhängig von der Dichte der Aerosole in geschlossenen Räumen. Deshalb haben Hygienekonzepte eine exorbitante Hochkonjunktur erfahren. Alles gut, alles richtig. Nur, im Vergleich zur Mobilität ist der Effekt aller Hygienekonzepte, wo auch immer sie praktiziert werden, sei es im Theater, in der Muckibude, im Baumarkt, auch in der Schule und im Schlachthof in dieser Pandemie nicht mehr, als der berühmte Tropfen auf den heißen Stein.

Das Virus verbreitet sich über Kontakte – nur über Kontakte. Wo keine Mobilität, da keine Kontakte und wo keine Kontakte, da keine Infektion. Wenn also die Mobilität reduziert wird, reduzieren sich die Kontakte und entsprechend die Gelegenheiten, bei denen Menschen das Coronavirus verbreiten. Wenn die Mobilität nicht reduziert wird, helfen alle Hygienekonzepte nichts.

Wir treten in eine neue Phase der Pandemie ein

Das Reisen, also die Mobilität, hat seit dem letzten Frühjahr und Sommer dazu geführt, dass das neue Coronavirus, das zunächst nur für lokal begrenzte Ausbrüche sorgte, sich flächendeckend über den gesamten Planeten ausbreiten konnte. Es gibt in Deutschland und in ganz Europa kein Dorf, keine Stadt, keine Region, wo das Virus noch nicht angekommen wäre. Und wir treten in eine neue Phase der Pandemie ein. Das Virus ist nämlich nicht mehr das gleiche. Neue Mutanten, deutlich ansteckender als bisherige Coronaviren, haben Deutschland erreicht. Während in Großbritannien, auch in Tirol, das Infektionsgeschehen von der B.1.1.7-Mutante beherrscht wird, hat sie sich bei uns bislang nur vereinzelt ausgebreitet. Es wird eine Frage der Mobilität sein, nicht nur zwischen den einzelnen Landesteilen, sondern auch von zuhause bis zur Muckibude und dem Baumarkt, inwieweit das die Lage verschärfen wird. Mobilität ist entscheidend dafür, ob und wie stark sich die neuen, gefährlicheren Varianten durchsetzen.

Ein Forscherteam der „Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich“ hat den Effekt von Mobilitätseinschränkungen auf das Infektionsgeschehen analysiert. Danach führt eine Verringerung der menschlichen Mobilität um 1 Prozent zu einer Reduktion der täglich gemeldeten Covid-19-Fälle von 0,88 bis 1,11 Prozent. Die stärkste Auswirkung hat demnach die Kontaktbeschränkung. Dürfen sich nicht mehr als fünf Personen treffen, verursacht dies einen Rückgang der Mobilität um 24,9 Prozent. Dichtauf folgt die Schließung von Restaurants, Bars und Geschäften. Dies sorgt für eine verringerte Mobilität um 22,3 Prozent. Schon auf Platz 3 der effektivsten Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie folgen Schulschließungen. Dadurch verringert sich die Mobilität der Menschen um rund 21,6 Prozent.

Für den „Wellenbrecher-Lockdown“ hatte man eine Reduktion der Mobilität von 70 Prozent erhofft. Wie wir inzwischen wissen, war das ein frommer Wunsch. Ausgehend von der Zahl der Toten Ende Dezember 2020 und im Januar 2021 hatten wir seit Ende November bis bis ins neue Jahr hinein jeden Tag über 200.000 Neuinfektionen.

„Antizipieren“ ist das neue Zauberwort in der Fußballersprache. Ich weiß nicht, ob dieser Begriff jetzt den Fußballern den Status von Bildungsbürgern verleihen soll. Aber für einen Mannschaftssport, bei dem vieles aufeinander abgestimmt sein muss, passt er schon ganz gut. Das Wort kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „vorausnehmen, vorausahnen“, also etwas erkennen, bevor es eingetreten ist. Wenn so ein Sport wie Fußball funktionieren soll, müssen die Spieler mit dem Antizipieren schon ganz fix sein.

Bei den meisten Entwicklungen, auch in der Pandemie, haben Politik und Gesellschaft durchaus mehr Zeit zum „Antizipieren“ als ein Mannschaftssportler. Es scheint aber so zu sein, dass trotz umfassender Beratung durch die Wissenschaft dieses weder in der Bevölkerung noch bei den Regierenden klappt. Im Gegenteil, mir scheint ein Großteil der besonders wirtschaftsnahen Akteure in der Politik, vor allem aber zahlreiche Konzern-Bosse geradezu mit Begriffsstutzigkeit geschlagen zu sein.

Woher will ein FDP-Landtagsfraktionsvorsitzender wie Christof Rasche wissen, dass zwei Wochen Verlängerung des Lockdowns gereicht hätten? Das Festhalten an Kontaktbeschränkungen nennt er „weltfremd“, die Runde der Ministerpräsidenten mit der Bundeskanzlerin habe nun einen Corona-Inzidenzwert von 35 als Voraussetzung für Lockerungen „einfach aus der Schublade gezogen“. Unternehmer-Präsident Arndt Kirchhoff findet die Beschlüsse der Bund-Länder-Runde „in hohem Maße frustrierend“, „angesichts der erheblich gesunkenen Inzidenzwerte hätten wir klarere und verlässlichere Perspektiven von der Politik erwartet“. Lars Baumgürtel, Vizepräsident der IHK Nord-Westfalen und Unternehmer aus Gelsenkirchen, fordert „die Politik darf die Unternehmen keinen Tag länger geschlossen zu halten, als dies für den Gesundheitsschutz der Bevölkerung zwingend erforderlich ist“, sonst drohe die Ruhrwirtschaft in eine „gefährliche Schieflage“ zu geraten. Und Tengelmann-Chef Christian Haub spricht von einem „schwarzen Tag für den Handel“ (er dachte wohl mehr an OBI und KiK). Der Handel „werde zum Kollateralschaden einer Nicht-Öffnungsstrategie“, „bei der das langsame Sterben einer ganzen Branche sehenden Auges in Kauf genommen wird“.

Hallo Leute, geht’s noch? Gestorben an Covid-19 sind seit dem 1. Oktober 2020, also in 5 Monaten, mehr als 50.000 Menschen – jeden Monat über 10.000! Das ist Realität, nicht „weltfremd“ und nicht „aus der Schublade gezogen“. Das zu ignorieren ist nicht nur „in hohem Maße frustrierend“ sondern zynisch, es ist moralisch eine „gefährliche Schieflage“. Es ist das Sterben einer Generation, das von der FDP und ihren Freunden in der Wirtschaft sehenden Auges, gierig und kaltherzig in Kauf genommen wird.

Und immer noch sterben circa 450 Menschen täglich an Covid-19. Das entspricht mehr als 120.000 Infektionen pro Tag, nicht nur die entdeckten 8.000. Unter Berücksichtigung der Dunkelziffer liegt der Inzidenzwert derzeit nicht bei 60 sondern bei 900!

Angesichts der der neuen infektiöseren Mutationen ist ein Inzidenzwert von – identifizierten - 35 Infektionen pro Woche und 100.000 Personen als Grenzwert für Lockerungen alles andere als „aus der Schublade gezogen“. Machen wir uns endlich klar: Nicht das Hygienekonzept beim Friseur oder im Kino ist entscheidend für die Ausbreitung der Pandemie, sondern die Mobilität der Menschen im Alltag. Wenn man jetzt, wie von den Wirtschaftsbossen gefordert, die Mobilität explodieren lässt, ist es simpel, eine „klare und verlässliche Perspektive“ zu antizipieren: in der werden spätestens im April wieder 1.000 Menschen täglich sterben.

In der FDP, der Wirtschaft und bei Bayern München hat sich offenbar eine Sonderform der Cov-Idioten entwickelt, bei denen die Gier den Verstand vernebelt hat. Sie begreifen nicht mehr das, was denen, die sich auf den Intensivstationen zerreißen, allgegenwärtig ist: Der Tod ist nicht relativ.

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