'Trauer ist die Kehrseite der Liebe'

Palliativnetzwerk bietet kostenfreie Kindertrauerbegleitung

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Kinder trauern anders, als Erwachsene. Foto: Stefan Kuhn

Jedes Kind reagiert individuell auf das Sterben einer geliebten Person. Gemeinsam sei bei fast allen Kindern, dass die Trauer nicht kontinuierlich ist, wie man sie von Erwachsenen kennt. Besonders deshalb benötigen Kinder Raum und Zeit, um ihrer Trauer freien Lauf zu lassen. Aus diesem Grund hat das Palliativ-Netzwerk Herne, Wanne-Eickel, Castrop-Rauxel im Herbst 2020 damit begonnen, eine professionelle Kindertrauerbegleitung aufzubauen. Die Stadt Herne unterstützt das Projekt.

Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz am Donnerstag (19.11.2020) stellten Karola Rehrmann, Seelsorgerin des Evangelischen Krankenhauses und Koordinatorin des Ambulanten Hilfsdienstes, Heidi Skrypczak, Koordinatorin im Palliativärztlichen Konsiliardienst Herne, und Karin Leutbecher, Koordinatorin im Ambulanten Hospizdienst und Vorsitzende des Palliativ-Netzwerkes gemeinsam, mit Oberbürgermeister Dr. Frank Dudda, das neue Angebot vor.

'Kinder trauern auf Raten'

„Kinder trauern oft auf Raten, um sich vor einer Überforderung zu schützen. Sie reagieren beispielsweise durch Weinen, Abwehr, Protest oder Überangepasstheit. Es gibt aber auch Kinder, die sich so verhalten, als sei nichts geschehen", so Karola Rehrmann, Seelsorgerin des Evangelischen Krankenhauses und Koordinatorin des Ambulanten Hilfsdienstes. Vielfach geschehe dies, um erwachsene Familienmitglieder nicht noch mir ihrer Trauer zu belasten.

„Die Kinder sollen sich nicht ausgegrenzt fühlen. Sie müssen mit ins Boot geholt werden und die Möglichkeit bekommen, zu trauern", ergänzt Heidi Skrypczak, Koordinatorin im Palliativärztlichen Konsiliardienst Herne.

Bisher habe es keine feste Anlaufstelle für trauernde Kinder gegeben. Deshalb hat das Palliativ-Netzwerk durch die AG Junge Familien das Projekt entwickelt. Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre, deren nahe Angehörige am Lebensende durch das Palliativ-Netzwerk betreut werden, können ab sofort eine kostenlose professionelle Kindertrauerbegleitung in Anspruch nehmen. Die AG Junge Familien nimmt über die kostenlose Hotline 0800 / 900 91 91 täglich in der Zeit von 9 bis 17 Uhr Anfragen entgegen.

Flyer zur Kindertrauerbegleitung.
Flyer zur Kindertrauerbegleitung. Foto: Julia Blesgen

Kinder und Jugendliche benötigen besondere Aufmerksamkeit

„Wir als Stadt Herne unterstützen dieses Angebot, weil besonders Kinder und Jugendliche in der schweren Zeit des Abschiednehmens besondere Aufmerksamkeit benötigen. Bisher konnten wir Familien nicht optimal betreuen, das wird sich jetzt hoffentlich ändern", so OB Dr. Dudda.

Bisher kümmern sich Mechthild Schroeter-Rupieper (Laiva e.V.) und Martina Hosse-Dolega (Trauerbegleitung Vergissmeinnicht) um die betroffenen Familien, so Karin Leutbecher, Koordinatorin im Ambulanten Hospizdienst und Vorsitzende des Palliativ-Netzwerkes.

„Wir möchten, dass dieses Projekt ein Anstoß ist und bald andere Hilfesuchende ebenfalls kostenlos betreut werden können", so Leutbecher weiter.

Doch damit diese Vision Wirklichkeit wird, ist das gemeinnützige Netzwerk auf Spenden angewiesen. Unterstützung hätten sie bereits vom Lions Club Wanne-Eickel erhalten und auch die Stadt Herne will für das Projekt finanzielle Starthilfe leisten.

v.l. Karin Leutbecher, Karola Rehrmann, OB Dr. Frank Dudda und Heidi Skrzypczak.
v.l. Karin Leutbecher, Karola Rehrmann, OB Dr. Frank Dudda und Heidi Skrzypczak. Foto: Frank Dieper, Stadt Herne

Gemeinsam Abschiednehmen

Wie wichtig die Arbeit ist, zeige sich an einem aktuellen Beispiel, über welches Karola Rehrmann berichtet. Vor sechs Wochen habe sich eine junge Frau, deren Mutter durch das Palliativ-Netzwerk betreut wird, an die AG gewandt. Ihre Mutter liege im Sterben und ihre beiden Kinder benötigten Hilfe, da sie die Trauer nicht zulassen könnten.

Nach einem Besuch einer der Trauerbegleiterinnen, bei dem die Kinder offen über ihre Gefühle und Ängste sprechen konnten, habe sich die Situation gebessert. Gemeinsam sei man auch zum Abschiednehmen zur Großmutter ins Krankenhaus gefahren. Durch die Gespräche mit der Trauerbegleiterin hätten die Kinder gelernt, ihren Gefühlen Raum zu geben und sie zuzulassen.

„Trauer ist nun mal die Kehrseite der Liebe. Deshalb muss auch Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit zu trauern eingeräumt werden," so Karola Rehrmann. Den Kindern soll so ein ganz persönlicher Weg zur Trauer geebnet werden.

Das Angebot der Kindertrauerarbeit ist ein weiterer Bestandteil der Charta zur Betreuung sterbender und schwerstkranker Menschen in Deutschland, die im November 2019 anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Palliativ-Netzwerks von den Städten Herne und Castrop-Rauxel gemeinsam unterzeichnet wurde.

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