Seelsorge in Zeiten von Corona

Wie die Pandemie auch seelsorgerische Arbeit beeinflusst

Symbolbilder Einsamkeit und Depression.
Seelsorge ist auch in Zeiten von Corona wichtig. Foto: Pixabay

Mentale Gesundheit ist wichtig. Krisenzeiten wie jetzt in der Corona-Pandemie führen bei fast allen Menschen zu Stress. Stress, der sich auch auf die Psyche auswirken kann. Menschen leiden beispielsweise unter den Kontaktbeschränkungen und den Abstandsregelungen. Eine Anlaufstelle für Menschen, die unter der Last zusammen zu brechen drohen, können Seelsorger sein. Sie beraten telefonisch oder arbeiten in Krankenhäusern, dort haben sie ein offenes Ohr für die Sorgen von Patienten und medizinischem Personal. Aber sie kommen auch in Extremsituationen zum Einsatz. Wenn Hilfe schnell gehen muss, sind die Notfallseelsorger zur Stelle.

Doch wie verändert sich die Arbeit der Seelsorger in Zeiten der Corona-Pandemie? halloherne-Redakteurin Julia Blesgen hat mit Seelsorgern aus unterschiedlichen Bereichen gesprochen. Seit fast einem Jahr habe es eine erhöhte Nachfrage bei der Telefonseelsorge Bochum, die auch für Herne zuständig ist, gegeben, berichtet Ludger Storch, Leiter der Telefonseelsorge Bochum.

'Einsamkeit ist ein großes Thema'

„Wir hatten immer durchschnittlich 25 Gespräche am Tag, nun im Lockdown sind es circa 30. Aber an besonderen Tagen wie beispielsweise Ostern 2020 oder zu Beginn des zweiten Lockdowns im November, hatten wir 35 bis 50 Gespräche am Tag“, sagt Storch.

Es seien nicht immer die großen problematischen Situationen. „Einsamkeit ist ein großes Thema. Einrichtungen sind geschlossen und Tagesstrukturen brechen weg, das ist für viele sehr belastend", so der Chef der Telefonseelsorge Bochum. Jedoch seien es nicht nur ältere Menschen, die sich an die telefonische Seelsorge wenden. Es melden sich auch jüngere Menschen, die von Überforderung durch Haushalt, Kinderbetreuung, Arbeit und finanziellen Sorgen berichten.

Neu dazugekommen seien Studenten, die neu in die Stadt gezogen sind und nun darunter leiden, dass sie kaum Kontakte aufbauen können, da die Kennenlernveranstaltungen an der Universität durch Corona ausfallen.

„Es ist wichtig, dass wir für die Seele gut sorgen und uns Hilfe suchen, wenn wir sie benötigen", so Ludger Storch weiter. Das gilt auch für ihn und seine Mitarbeiter. Jeder habe zurzeit ähnliche Sorgen. „Wir sind alle durch die Pandemie in derselben Situation. Deshalb sprechen wir mit unseren Ehrenamtlichen und fragen auch, wie es ihnen geht und sie mit der Situation klar kommen."

Das Team der Notfallseelsorger sucht Verstärkung.
Notfallseelsorger beraten in Krisensituationen. Foto: Privat

Bei der Notfallseelsorge Bochum/Herne/Castrop-Rauxel seien nicht mehr Einsätze als sonst verzeichnet worden. „Wir werden immer in Extremsituationen wie plötzlichen Todesfällen oder schweren Unfällen gerufen, um in akuten Krisensituationen zu beraten und zu unterstützen", berichtet Hans Zabel, Leiter der Notfallseelsorge Herne.

Fragen des Abschiednehmens rücken in den Vordergrund

Weiter führt er aus: „Was aber zugenommen hat, ist der Leidensdruck der Angehörigen. Fragen des Abschiednehmens rücken mehr in den Fokus. Wie machen wir das mit der Beerdigung? Darf der Bestatter noch ins Haus kommen?"

Ähnlich sieht es auch Helmut Leitmann, Leiter der Notfallseelsorge Bochum: „Dies ist eine Begleiterscheinung der Pandemie. Die Menschen sind verunsichert und so kann es zu Fehlinterpretationen kommen. Wir versuchen im häuslichen Bereich dafür zu sorgen, dass die anwesenden Angehörigen Abschied nehmen können. Denn das Abschiednehmen ist die Voraussetzung, damit das Trauern einsetzen kann."

Die Arbeit der Notfallseelsorger habe sich durch die Pandemie verändert. Sie tragen FFP2-Masken und halten sich an die Abstands- sowie Hygieneregelungen. Denn auch die Eigensicherung habe eine hohe Priorität.

Jedoch erschwere gerade dieses notwendige Abstandhalten und Kontaktvermeiden die Arbeit. „Berührungen sind derzeit nicht möglich. Menschen, die in Tränen aufgelöst sind, können wir nicht in den Arm nehmen. Dies erschwert den Part des Tröstens", so Leitmann. Jedoch hätten bisher alle Betroffenen mit großer Akzeptanz und Verständnis auf die Regelungen reagiert. Die Notfallseelsorger können auch nicht direkt von der Bevölkerung benachrichtigt werden. In Krisensituationen werden sie ausschließlich von Feuerwehrleitstelle zu den Einsätzen gerufen.

Einfluss auf Krankenhausseelsorge

Ebenso habe die Pandemie auch Einfluss auf die Arbeit in der Krankenhausseelsorge. Pfarrerin Katharina Henke arbeitet seit 1990 im Evangelischen Krankenhaus (EvK) Herne als Krankenhausseelsorgerin. Auch während der Pandemie sucht sie regelmäßig die Patienten auf.

Meist werde sie von Mitarbeitern auf die Patienten aufmerksam gemacht, die verunsichert oder verzweifelt wirkten oder einen Gesprächsbedarf hätten. Jedoch besuche sie auch ungerufen regelmäßig die verschiedenen Stationen, um ansprechbar zu sein.

„Während meiner Arbeit im Krankenhaus beobachte ich täglich, wie sehr sich die Pandemie auf die Lebens- und Arbeitswelt im Krankenhaus auswirkt", berichtet Katharina Henke. Es sei auffallend, dass die Patienten oftmals besser mit dem Besuchsverbot zurecht kämen, als ihre Angehörigen.

Angehörige haben größere Sorgen

„Die Patienten werden gut versorgt. Immer kommt jemand ins Zimmer und sieht nach ihnen. Die Angehörigen sind vielfach in größerer Sorge, da sie ihre Liebsten nicht besuchen können. „Der Vater bleibt am Telefon einsilbig – die Tochter weiß nicht, wie es ihm wirklich geht. Wie soll man da wichtige Dinge wie Reha, häusliche Hilfe oder den Umzug ins Heim besprechen? Ich setze mich dafür ein, dass alle Patienten die Möglichkeit haben, zu telefonieren – aber einige sind zu schwach", so die Pfarrerin. Dann hält sie Patienten ein Telefon ans Ohr, damit sie die Stimme ihrer Angehörigen hören können. Sie selbst werde von beunruhigten, einsamen Angehörigen angerufen.

Die Krankenhauskapelle des EvK Herne.
Die Fenster der Krankenhauskapelle des EvK Herne. Foto: EvK Herne

Herausfordernd wirkt sich die Lage auch auf die Mitarbeiter, nicht nur die der Intensivstation, aus. „Die Mitarbeiter setzen sich sehr ein und machen einen großartigen Job. Dennoch sind die zahlreichen Umstellungen sehr belastend für sie. Die Arbeit im vertrauten Team fehlt. Bewährte Arbeitseinteilungen und -abläufe… alles wird auseinander gerissen", so Katharina Henke. Dazu kämen auch noch die privaten Sorgen - wie Doppelbelastung durch Home-Schooling der Kinder, Sorge um die eigenen älteren Angehörigen, kranke Partner und wieder um die Patienten, denen man gerecht werden möchte.

Hinzu kommt die Unberechenbarkeit des Virus. „Alle Patienten werden bei der Aufnahme getestet. Da wird ein Patient bei Aufnahme negativ getestet und drei Tage später kommt das Fieber und plötzlich wird die Person positiv getestet. Man hält sich an alle Hygiene-und Abstandsregelungen und trotzdem kommen diese Fälle auf. Diese Ungewissheiten sind natürlich Kräfte zehrend und zum Teil entmutigend", so Pfarrerin Henke.

Sie selbst geht nur im Notfall auf die Corona - Isolierstation, da sie alle anderen Patienten und Mitarbeiter im Haus betreut. „Wir haben aber zwei Betreuungsassistentinnen, die regelmäßig nur zu den Covid-Patienten gehen. Je nachdem wie der Gesundheitszustand es zulässt, lesen sie mit ihnen oder spielen auch mal ein Spiel. Niemand soll in der Isolation allein gelassen werden.“

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