Jacqueline Jansens großartiges Regiedebüt
'Sechswochenamt' beim Dortmunder Festival
Update, 15. Juni
Sechswochenamt" läuft als weitere Preview in Anwesenheit der Regisseurin Jacqueline Jansen am Dienstag, 16. Juni 2026, um 20 Uhr im Filmstudio Glückauf Essen. Zum regulären Kinostart am 18. Juni 2026 außerdem zu sehen im Casablanca Bochum und im Sweetsixteen Dortmund.
Atmen, atmen, seufzen. Eine junge Frau, die 25-jährige Studentin Lore Mayer (Magdalena Laubich), wacht bis zuletzt am Bett ihrer an Krebs erkrankten Mutter Martha (Suzanne Ziellenbach) im Katharinen-Hospiz in Erkelenz. Und singt ihr ein hauchzartes Abschiedslied, bevor es Lore nach zahllosen Versuchen, das zugefrorene Fahrzeug ihrer Mutter in Bewegung zu setzen, gelingt, spät in der Nacht den außerhalb der Stadt gelegenen Hof ihrer Großmutter Inge (Gerta Gormanns) zu erreichen.
Es ist bitterkalt im zweiten Corona-Lockdown Ende des Jahres 2020 und Lore muss gänzlich auf die erhoffte Hilfe ihrer Schwester Sophie (Lola Klamroth) verzichten, welche sich beruflich gerade in der Probezeit befindet. Was sie freilich nicht daran hindert, sich telefonisch immer wieder kontraproduktiv einzumischen, weshalb Lore eine geraume Zeit braucht, um den ganzen bürokratischen Kram zu erledigen.
Empathielose Politesse
Der von der Sterbeurkunde für Sophie, deren Wohnung auf die Verstorbene läuft, bis zur TÜV-Plakette für Marthas Auto reicht, welche eine empathielose Politesse (Nicole Marischka) anmahnt. Erst danach kann Lore daran gehen, die Wohnung ihrer Mutter auszuräumen. Wobei ihr der Pastor Paulus (Marc Fischer), wenn schon nicht emotional, so doch konkret eine Hilfe ist, indem er für kleines Geld einen Großteil des Mobiliars für das Lager der Gemeinde übernimmt, aus dem sich Geflüchtete und Bedürftige bedienen können.
War Martha aufgrund ihrer freigeistigen Einstellung und ihres unorthodoxen Lebenswandels ohne Ehegatten im Dorf eine Außenseiterin, so stößt ihr letzter Wille auch bei ihrem Bruder, dem Spargelbauer Hannes (Patrick Joswig), seiner Frau Sabine (Bettina Kaminski) und naturgemäß bei der gläubigen Katholikin „Omma“ Inge auf Unverständnis: Einäscherung in einem weißen Sarg und Seebestattung der Urne, nach Möglichkeit im Mittelmeer. Auf keinen Fall jedoch eine Bestattung im Erkelenzer Familiengrab.
Umweg über Holland
An eine Trauerfeier in der Friedhofskapelle ist in der Pandemie nicht zu denken, auch sonst muss Lore alle Register ziehen, um an dringend benötigte Materialien zu kommen wie etwa an weißen Stoff zum Abdecken des dunkelfarbigen Sarges, nachdem der Bestatter kein weißlackiertes Modell auf Lager hat. Dafür aber den Tipp, mit der Urne einen kleinen, wenn auch unerlaubten Umweg über Holland zu nehmen, um doch noch irgendwie Marthas letzten Willen erfüllen zu können.
Dieser ganze Stress, noch getoppt von Frau Peters (Julia Schmitt) Einforderung des ausstehenden Rasenmäher-Geldes für ihren Gatten, entzieht Lore zunehmend den Boden unter den Füßen. Was im Badezimmer wörtlich zu nehmen ist.
Kollektives Spargelstechen beim Onkel
Da ist das kollektive Spargelstechen bei Onkel Hannes, der nach der Grenzsperrung auf seine holländischen Saisonkräfte verzichten muss, geradezu eine willkommene, wenn auch nicht rückenschonende Abwechslung. Lore, die sich schon als Kind nicht zwischen stillem oder sprudelndem Wasser, Snickers oder Mars, pink- oder rosafarbenen Klamotten entscheiden konnte, steht nun permanent ohne jede Hilfe vor grundsätzlichen Entscheidungen.
Und trifft diese zunehmend selbstbewusst: Das traditionelle katholische Sechswochenamt findet trotz Versammlungsverbot statt – heimlich im Schlafzimmer der Verstorbenen mit zuvor auf dem Teppichboden mit Klebeband gezogenen Abstandsmarkierungen…
Kleines Budget – Großer Film
„Sechswochenamt“, ohne Fördergelder vom 20. März bis 4. Mai 2024 mit einem per Crowdfunding zusammengekratzten Mini-Budget von 96.000 Euro in Erkelenz und Umgebung gedreht, sodass nicht ein Euro Gage floss, ist ein ganz erstaunliches autofiktionales Spielfilm-Debüt der 1994 auf einem Kohlbauernhof in Erkelenz geborenen Autodidaktin Jacqueline Jansen zur Frage, wie man richtig trauert angesichts einer zerstrittenen Familie in einer Zeit der pandemiebedingten Isolation.
Der nach der Uraufführung am 29. Juni 2025 beim 42. Filmfest München mit gleich drei Förderpreisen „Neues Deutsches Kino“ in den Kategorien „Beste Produktion“ und „Beste Schauspielerin“ (Magdalena Laubisch) sowie den Fipresci-Kritikerpreis ausgezeichnet und inzwischen zu einem Dutzend Festivals eingeladen wurde. So gabs beim 30. Filmfestival Türkei Deutschland 2026 in Nürnberg neben dem Großen Preis der Jury auch den Preis als „Beste Hauptdarstellerin“ für Magdalena Laubisch.
Hype um Magdalena Laubisch
Der 98-minütige Film ist zugleich der Durchbruch der 1998 in Halle an der Saale geborenen Schauspielerin Magdalena Laubisch, die an der Theaterakademie August Everding in München sowie in Paris ausgebildet wurde und bisher vor allem in Kurzfilmen und TV-Serien vor der Kamera stand. Die 28-jährige Berlinerin wird gerade sehr gehypt. Vor dem Kinostart am Donnerstag, 18. Juni 2026 gibt’s eine Voraufführung am Sonntag, 26. April 2026, im Rahmen des Int. Frauenfilmfestivals Dortmund/Köln um 18 Uhr in der Schauburg Dortmund.
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- Sonntag, 26. April 2026, um 18 Uhr
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- Donnerstag, 18. Juni 2026