Schulschwimmen Anno 1961

Zustandsbericht über die Lehrschwimmbecken

Lehrschwimmbecken im Freizeitbad Wananas in Herne (NW), am Mittwoch (22.01.2020). Foto: Stefan Kuhn
Niedrige Wassertiefe für Nichtschwimmer. Foto: halloherne

Überaltert, zu klein und sanierungsbedürftig: die sechs Lehrschwimmbecken an den Herner Grundschulen sind in die Jahre gekommen. Schwimmzeiten für Schulen und Vereine fallen immer wieder aus. Es besteht dringender Handlungsbedarf. Die Stadtverwaltung hat am Dienstag (21.1.2020) die Mitglieder der Schul- und Immobilienausschüsse in einer gemeinsamen Sitzung über den Zustand und Lösungsmöglichkeiten informiert.

Nach Aussagen der Verwaltung sei die gegenwärtig vorhandene Wasserfläche für den Schulsport ausreichend und bleibe es trotz steigender Schülerzahlen. Auch für den Vereinssport stünden genügend Wasserflächen zur Verfügung. Tatsächlich belegen aber Vereine jetzt schon Schwimmbahnen während der öffentlichen Schwimmzeiten, etwa im Südpool.

Der Lebenszyklus ist bei allen Bädern bereits überschritten. Sie wurden in den 1960er Jahren gebaut, die jüngsten sind immerhin auch schon von 1974. Die Sanierungskosten der Lehrschwimmbecken an der ehemaligen Görresschule, an der Hans-Tilkowski-Hauptschule und an der Kolibri-Schule liegen „unter Berücksichtigung der Risikozuschläge bei Sanierungen im Bestand über den voraussichtlichen Kosten eines Neubaus".

Historische Aufnahme des Lehrschwimmbeckens an der Grundschule Börsinghauser Straße in Herne. Undatierte Aufnahme aus den Beständen des Stadtarchivs Herne. Repro: Gerd Biedermann, Herne.
Historische Aufnahme des Lehrschwimmbeckens an der Grundschule Börsinghauser Straße aus den Beständen des Stadtarchivs Herne. Foto: unbekannt

Über das Stadtgebiet verteilt gibt es sechs Lehrschwimmbecken: an der früheren Görresschule in Röhlinghausen, an der Hans-Tilkowski-Schule in Eickel, an der Michaelschule in Bickern, an der Grundschule Pantringshof, an der Grundschule Börsinghauser Straße in Holthausen und an der Kolibri-Schule am Hölkeskampring. Die Wasserflächen liegen zwischen 75 bis 133 Quadratmetern. Hinzu kommt die Kleinschwimmhalle des Otto-Hahn-Gymnasiums am Hölkeskampring mit vier Bahnen, bei einer Wassertiefe von 90 cm bis 3,50 Metern. Die Wasserfläche hier: 250 Quadratmeter. Auch sie ist schon über 50 Jahre alt.

Sie haben alle die Lebensdauer erreicht und entsprechen bei weitem nicht mehr dem heutigen Stand der Technik, ganz zu schweigen von einer ansprechenden Gestaltung. Ein Beispiel: Das Lehrschwimmbecken der Grundschule Börsinghauser Straße wurde 1961 eröffnet. Hier beträgt die Wasserfläche 75 Quadratmeter. Sechs Schulen und neun Vereine nutzen das Bad. Prognostiziert sind hier Sanierungskosten von 2,178 Mio. Euro. Am anderen Ende der Stadt, in Bickern, liegt die Grundschule Michaelstraße. Die dortige Lehrschwimmhalle ist seit 1974 im Betrieb. Vier Schulen und sieben Vereine zählen zu den Nutzern. Trotz einer Teilsanierung 2009 stehen Sanierungsarbeiten mit einem Umfang von geschätzten 0,595 Mio. Euro an. Ältere, kleinere Anlagen, wie etwa an der Erich-Fried-Gesamtschule in Holsterhausen oder an der Claudius-Schule in Wanne, sind in den letzten Jahren komplett aufgegeben worden.

Mess- und Regeltechnik in einem Lehrschwimmbad. Aufnahme vom Mittwoch (24.07.2019).
Mess- und Regeltechnik in einem Lehrschwimmbad. Foto: Stefan Kuhn

Im Gegensatz zu den öffentlichen Bädern, wo Fachangestellte für Bäderbetriebe und Schwimmmeister tätig sind, übernehmen bei den Lehrschwimmbecken eingewiesene Hausmeister die Aufgaben der Wasseranalytik und der technischen Betreuung der Wasseraufbereitung. Hier schlägt die Verwaltung als Alternative eine Betreuung durch Ehrenamtliche vor.

Schnell wurde den Politikern aller Fraktionen klar, dass es eine komplexe Angelegenheit wird. Ausschussmitglied Horst Severin (CDU) brachte das Thema nüchtern auf den Punkt: „Der Vortrag war nur der Einstieg ins Thema". Ein Beschluss wurde nicht gefasst. Die Stadtverwaltung will bis zur Sommerpause, so Stadtkämmerer Hans-Werner Klee, mit Unterstützung externer Gutachter, der Politik präzise Angaben machen. Auch soll überprüft werden, ob öffentliche Fördermitteln von Land und Bund genutzt werden können.

Bereits im letzten September startete die SPD-Ratsfraktion einen neuen Vorstoß und regte unter anderem die Reaktivierung des vor drei Jahren geschlossenen Lehrschwimmbeckens an der Claudius-Schule in Wanne an. Es war mit der Eröffnung des Wananas, gegen den Protest von Schulleitung und Elternschaft, geschlossen worden.

Schwimmbad-Schließungen

Lehrschwimm- und Turnhalle an der Kolibri-Schule am Hölkeskampring in Herne (NW), am Mittwoch (22.01.2020).
Lehrschwimm- und Turnhalle an der Kolibri-Schule am Hölkeskampring Foto: Stefan Kuhn

Seit über einem Jahr ist die Schwimm- und Turnhalle an der Kolibri-Schule geschlossen. Wegen asbesthaltiger Bauteile in der Lüftung wurde dieser Schritt vorsorglich unternommen. Zudem wird ab Februar die Kleinschwimmhalle am Otto-Hahn-Gymnasium für mindestens ein Jahr geschlossen: hier beginnen die lange überfälligen Sanierungsarbeiten an den Duschen und den Umkleiden. Die dort beheimateten acht Vereine, unter anderem die DLRG Ortsgruppe Herne, sollen auf den Südpool an der Bergstraße ausweichen. Um das zu ermöglichen, stehen dann für den öffentlichen Schwimmbetrieb am Wochenende vormittags nur noch zwei von sechs Bahnen zur Verfügung.

Schwimmhalle im Otto-Hahn-Gymnasium.
Sperrung wegen Bauarbeiten für 12 Monate: die Kleinschwimmhalle am OHG. Foto: Stefan Kuhn

Wie geht es mit den Lehrschwimmbecken weiter?

Vier Szenarien werden von der Verwaltung vorgeschlagen. Als externer Fachgutachter war die Prova Unternehmensberatung aus Hamm in die Überlegungen eingebunden. Sie berät Städte, Gemeinden und Investoren im Bau und Betrieb von Schwimmbädern und Freizeitanlagen und war bereits für die Herner Bädergesellschaft tätig.

1 Sanierung aller Lehrschwimmbecken für etwa 22,4 Mio. Euro. Darüber hinaus sind keine attraktivitätssteigernden Maßnahmen, wie etwa der Einbau von Hubböden, Verbesserung der Infrastruktur der Umkleide- und Sanitärbereiche oder eine behindertengerechte Gestaltung vorgesehen. Zum Vergleich: der Neubau des Wananas kostete etwa 15 Mio. Euro.

2 Schließung von Lehrschwimmbecken und Neubau einer zentralen Schwimmhalle mit zwei Lehrschwimmbecken. Alleine für die vorhandenen Becken in Röhlinghausen, Eickel und an der Kolibri-Schule liegen die Sanierungskosten kurzfristig bei rund 16,2 Mio. Euro. Die geschätzten Investitionskosten für einen Neubau mit zwei Becken mit Hubboden in einer Halle belaufen sich auf 11,5 bis 13,5 Mio. Euro.

3 Es wird ein weiteres Lehrschwimmbecken aufgegeben und ein weiterer Neubau an einem bestehenden öffentlichen Schwimmbad (LAGO, Südpool, Wananas) errichtet. Die Gesamtkosten für Neubau und Bestandssanierung belaufen sich auf 12,5 bis 14,5 Mio. Euro.

Lehrschwimmbecken im Freizeitbad Wananas in Herne (NW), am Mittwoch (22.01.2020). Foto: Stefan Kuhn
Lehrschwimmbecken im Freizeitbad Wananas. Foto: halloherne

4 Untersuchung der Erweiterungsmöglichkeit an den drei öffentlichen Schwimmbadstandorten.

Die beiden letzten Varianten würden, so der Stadtkämmerer, bevorzugt: „Eine Sanierung an drei der bestehenden Grundschul-Standorten ist aus wirtschaftlichen Gründen nicht sinnvoll. Die Wasserflächen dort sind zu klein und wir müssen mit verdeckten baulichen Mängeln rechnen." Das sei auch das Ergabnis des externen Gutachters. Zudem verweist Klee auf Synergeieeffekte an den größeren Schwimmbadstandorten, wo das Personal für die gesamte Woche die Wartung und die Wasseraufbereitung übernehmen könne.

„Jede Million, die für das Schwimmen ausgegeben wird, ist keine verlorene", meinte Klaudia Scholz von den Linken angesichts der im Raum stehen Kosten.

Aquafitness-Kurs beim DSC Wanne-Eickel Wasser- und Gesundheitssport e.V. in der Schwimmhalle der Michaelschule, am Donnerstag (12.02.15), in Herne (NW).
Aquafitness-Kurs beim DSC Wanne-Eickel Wasser- und Gesundheitssport in der Lehrschwimmhalle der Michaelschule. Foto: Stefan Kuhn

Bundesweit bestehen Probleme in der Infrastruktur von Schwimmbädern. Viele Kommunen schließen aus Kostengründen ältere Bäder. Wasserflächen, gerade für das Anfängerschwimmen, gehen damit verloren. In einer Sitzung des Sportausschusses des Deutschen Bundestags vor einer Woche fand eine Expertenanhörung über die Situation der Schwimmbäder-Infrastruktur in der Bundesrepublik statt. DLRG-Präsident Achim Haag warnte davor, dass Deutschland zu einem Nichtschwimmer-Land werden könne, wenn nichts gegen die zunehmenden Bäder-Schließungen getan werde. Immer mehr Kinder seien am Ende der Grundschule „keine sicheren Schwimmer“, gab er zu bedenken. 2017 habe ein Umfrageergebnis ergeben, dass mehr als 60 Prozent der Kinder nicht schwimmen können. Sein Verband fordert daher einen Masterplan für Schwimmbäder,

Lehrschwimm- und Turnhalle an der Kolibri-Schule am Hölkeskampring in Herne (NW), am Mittwoch (22.01.2020).
Zukunft ungewiss: die gesperrte Lehrschwimm- und Turnhalle an der Kolibri-Schule. Foto: Stefan Kuhn
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