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Als Jonathan (Sebastian Urzendowsky, l.), der um zehn Jahre jüngere kleine Bruder von Robert (Trystan Pütter, r.), auftaucht, ist das fragile Gleichgewicht mit Tara (Seyneb Saleh) in Gefahr.

Bemerkenswertes Regiedebüt von Judith Angerbauer

Sabbatical wird zur Feuertaufe

Tara (Seyneb Saleh) ist 40 und nach einigen anderen beruflichen Anläufen wie Schauspielerin und Kulturwissenschaftlerin schließlich Autorin geworden. Ihr Debut, ein Erzählband, war vielversprechend, ihr erster Roman, geprägt von eigenen migrantischen Erfahrungen, erfolgreich. Doch nun steckt sie in einer Schaffenskrise, weshalb ihr gleichaltriger Lebensgefährte Robert (Trystan Pütter) vorschlägt, dass sie fern des bisherigen Berliner Alltags neue Kräfte sammeln und Inspirationen aufnehmen soll.

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Hochintelligent, smart und witzig spürt auch Robert eine gewisse Leere im alltäglichen beruflichen Hamsterrad zwischen Videokonferenzen, permanenter Bereitschaft und hohem Leistungsdruck auf internationaler Ebene. So kam er auf die Idee mit Griechenland, denn um ein Haar hätte sich Tara von ihm getrennt: Ein Sabbatical, bevor ihre sechsjährige Tochter Nia (Zoë Baier) in die Schule kommt.

Erbkrankheit Nachtschreck

Eigentlich ist Nia ein lebhaftes, waches und fröhliches Kind, das aber von ihrer Mutter den sogenannten Pavor nocturnus, den Nachtschreck, geerbt hat. Dann tobt sie im Tiefschlaf schreiend und um sich schlagend, und man muss sie festhalten, dass sie sich nicht verletzt. Am Anfang war Griechenland aufregend neu, wie ein schöner, besonders langer Urlaub. Doch allmählich fühlt sie sich einsam und versteht nicht, was sie überhaupt hier in der Fremde soll – Nia hat Heimweh.

Aber auch bei Tara und Robert kehren die Probleme mit aller Wucht zurück, nachdem die Touristen weg sind und das Wetter rauer geworden ist. Als unerwartet auch noch „Joni“ Jonathan (Sebastian Urzendowsky), der um zehn Jahre jüngere kleine Bruder von Robert, vor der Tür steht, spitzt sich die Lage zu. Joni steht für Freiheitsliebe, Naturverbundenheit und Abenteuerlust – zumindest auf den ersten Blick aus Sicht seiner zahlreichen, immer neuen Freunde.

Ewiger Zweitgeborener

Aber daheim war er der ewig Zweitgeborene, der nie so perfekt war wie sein großer Bruder Robert. Jonathan hat die Schule mit Hängen und Würgen überstanden, danach aber sowohl eine Tischlerlehre als auch ein Architektur-Studium an der Fachhochschule abgebrochen. Als schwarzes Schaf in den Augen seines Vaters Hans (Bernhard Schütz) entwickelt Joni nur Ehrgeiz und Konzentration fürs Klettern.

Auf der Terrasse ihres Hauses direkt am Meer in Griechenland wollen Tara (Seyneb Saleh) und ihr Lebensgefährte Robert (Trystan Pütter) fern des bisherigen Alltags neue Kräfte sammeln.

Der Endsechziger hatte sich quasi aus dem Nichts hochgearbeitet bis an die Spitze in der Medizin – und glaubt fest daran, dass man alles erreichen kann, wenn man nur will. In die Wirtschaftswunderzeit Deutschlands hineingeboren, eine Zeit, in der man endlich nichts mehr von den deutschen Kriegen und all ihren Traumata wissen wollte, ist Hans großgeworden in einem Klima, in dem alles möglich schien und man gleichzeitig jegliche unangenehme Emotion unterdrückt hat.

Emotionale Lücke

Seine weiche, zarte Gattin Marlies (Ulrike Willenbacher), Mitte 60, war immer froh, dass ihr sämtliche Entscheidungen stets von ihrem Gatten abgenommen wurden. Sie war, solange die beiden Söhne noch klein waren, ganz in ihrer Rolle als Mutter und Hausfrau aufgegangen. Doch die emotionale Lücke, die nach einem eigenständigen Leben, einem Beruf vielleicht, verlangt hat, ist nun immer größer geworden. Als die beiden durch einen von Joni verursachten folgenreichen Unfall hinzugezogen werden, entwickelt sich das Sabbatical allmählich zur familiären Feuertaufe über die fragile Beziehung zwischen Tara und Robert hinaus…

Wie frei sind wir eigentlich?

Judith Angerbauer im Farbfilm-Presseheft: „‘Sabbatical‘ ist ein Film, der sich mit der Urzelle der Paarbeziehung beschäftigt und der Frage, wieviel wir von unseren Eltern wiederholen, deren Beziehung wir doch immer so veraltet und konventionell fanden. Doch wie frei sind wir eigentlich selbst? Zerreißt es uns nicht zwischen gesellschaftlichen Zwängen auf der einen Seite und egoistischen Sehnsüchten auf der anderen? Ein Film, der sich mit der Frage auseinandersetzt, wie schwer es ist, als Paar über eine lange Zeit zu bestehen – heute, damals, immer.“

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Das 99-minütige, im alten 4:3-Seitenformat gedrehte Regiedebüt Judith Angerbauers ist am 3. Juli 2024 beim Filmfest München uraufgeführt worden und startet am Donnerstag, 5. Februar 2026 in den Kinos, in unserer Region im Sweetsixteen Dortmund, in der Galerie Cinema Essen sowie, vorerst aber nur am Sonntag, 8. Februar 2026, im Capitol Bochum.

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Mittwoch, 4. Februar 2026 | Autor: Pitt Herrmann