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„Iolanta“ am MiR: König René (Luciano Batinić) bedroht den Arzt Ibn-Hakia (Benedict Nelson), der sich um Iolanta (Heejin Kim) bemüht, rechts deren Amme Martha (Almuth Herbst).

Doppelabend in Gelsenkirchen

Russische Märchenopern

Mit dem 1892 in Sankt Petersburg uraufgeführten Einakter „Iolanta“ von Peter I. Tschaikowsky und der 1914 in Paris uraufgeführten Adaption des Kunstmärchens „Des Kaisers Nachtigall“ von Hans Christian Andersen, „Le Rossignol“ von Igor Strawinsky, zeigt das Gelsenkirchener Musiktheater im Revier unter der musikalischen Leitung von Generalmusikdirektor Rasmus Baumann zwei meisterliche, aber selten gespielte lyrische Kurzopern russischer Komponisten in einer Kombination mit nicht nur thematischen Bezügen, die so wohl noch nie zu erleben war.

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Iolanta

Iolanta, die Titelfigur der lyrischen Oper Tschaikowskis, hat es wirklich gegeben. Die Herzogin von Lothringen und Tochter von König René, die 1445 ihren Vetter Friedrich II. von Vaudémont heiratete, diente dem dänischen Schriftsteller Henrik Herz als Vorlage für sein Versdrama „Kong Renés Datter“ von 1845, das bereits zwei Jahre später in deutscher Übersetzung vorlag. Modest Tschaikowskis hat die Geschichte von der blinden Prinzessin für seinen älteren Bruder adaptiert.

Im von martialisch gekleideten Schwerbewaffneten (Kostüme: Hedi Mohr) bewachten kreisrunden Biotop der Bühnenbildnerin Julia Schnittger ruht Iolanta (herausragend: die südkoreanische Sopranistin Hee Jin Kim, ehemaliges Mitglied des Opernstudios NRW). Robert von Burgund (neu am MiR: der Bariton Simon Stricker ergänzt das stimmgewaltige Männerensemble) verirrt sich in Begleitung des Ritters Gottfried Vaudémont (Khanysio Gwenxane) in die verbotene Zone. Während Ersterer gekommen ist, um seine vor langer Zeit von den Familien vereinbarte Verlobung mit Iolanta zu lösen, weil er eine andere liebt, ist Letzterer sogleich von der schlafenden Prinzessin eingenommen.

Was bald auf Gegenseitigkeit beruht und Iolanta Mut macht, mit Hilfe des maurischen Arztes Ibn-Hakia (der großartige britische Bariton Benedict Nelson als Gast) sehen zu lernen. Ihr Vater, König René (Philipp Kranjc), hat seine Tochter von der Außenwelt abgeschottet, weil er um ihre Zukunft, vor allem aber die des eigenen Reiches fürchtet. Schweren Herzens stimmt er einer Augenoperation zu. Erst als diese erfolgreich verläuft, löst René die Verlobung und stimmt der Verbindung Iolantas mit Gottfried zu.

Diesen versöhnlichen Schluss hat Regisseurin Tanyel Sahika Bakir zu klattrig gefunden: bei ihr stehen sich nach achtzig Minuten René und Gottfried mit gezogenen Waffen gegenüber. Und es ist an der erstmals die Welt mit eigenen Augen sehenden Frau Iolanta, die machohaften Kampfhähne zu befrieden. Ob ihr das gelingt, bleibt freilich offen.

Le Rossignol

„Le Rossignol“ am MiR: Die Rückkehr der Nachtigall (Lisa Mostin) kann den Tod des Kaisers (Urban Malmberg) nicht verhindern, der im Schachspiel des Lebens übermächtig geworden ist.

MiR-Regieassistentin Kristina Franz verknüpft mit Alfia Kamalova, Iolantas Dienerin Brigitta, die zu Beginn der lyrischen Erzählung „Le Rossignol“ verloren im leeren Bühnen-Halbrund mit sich selbst Schach spielt, beide Teile des mit Pause knapp zweieinhalbstündigen Doppelabends. Wie in einem surrealen Traum taucht ein sehr britisch kostümierter Adam Temple-Smith aus dem Bühnenorkus auf, um sogleich seine Angel in besagtes Loch auszuwerfen. Als „Fischer“ begleitet er Brigitta, die bald zur Köchin am Hof des chinesischen Kaisers (Urban Malmberg) mutiert, durch die märchenhafte Geschichte.

In der Brigitta den Kammerherrn (Philip Kranjc) und den Bonzen (der Bass Oliver Aigner aus dem Chor) zur Nachtigall führt, einem von der ausdrucksstarken belgischen Koloratur-Sopranistin Lisa Mostin als Gast verkörpertem zauseligen Wesen mit mächtiger Mähne: Sie soll den knallbunt ausgestatteten Festabend des Kaisers mit ihrem Gesang krönen. Doch der neigt seine Gunst alsbald einer künstlichen Nachtigall zu, welche ihm von japanischen Gesandten überbracht worden ist. Erst als der Kaiser im Sterben liegt, besinnt er sich des lebendigen Singvogels. Doch der Tod (Almuth Herbst), szenisch dargestellt von drei Puppenspielern (Gloria Iberl-Thieme, Daniel Jeroma und Maximilian Teschemacher), wird am Ende übermächtig.

Auch bei der Uraufführung des sehr kurzen, in Gelsenkirchen trotz erheblicher szenischer Zutaten kaum 45-minütigen Auftragswerkes in der Opéra National de Paris soll bereits Figurentheater eingebunden gewesen sein. Am Kennedyplatz wird nun in die hinzugefügte Rahmengeschichte des Dreiakters, Brigittas (Alp-) Traum, durch eine ständig wachsende Figur (Puppenbau: Jonathan Gentilhomme) ein Roter Faden eingezogen: Der Tod wird schließlich übermächtig. Kongenialer Abschluss eines hochinteressanten, musikalisch sehr divergierenden Raritäten-Abends.

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Karten

Karten unter musiktheater-im-revier.de, an der Theaterkasse am Kennedyplatz Gelsenkirchen (Montag und Samstag von 10 bis 14 Uhr, Dienstag bis Freitag von 10 bis 18.30 Uhr oder unter Tel. 0209 – 40 97 200.

Die weiteren Vorstellungen

  • Donnerstag, 7. März 2024, 19:30 Uhr
  • Samstag, 9. März 2024, 19 Uhr
  • Sonntag, 17. März 2024, 18 Uhr, anschl. Bargespräch im Foyer
  • Freitag, 29. März 2024, 18 Uhr
  • Samstag, 13. April 2024, 19 Uhr
  • Sonntag, 21. April 2024, 16 Uhr als Hör.Oper mit Audiodeskription und Tastführung für blinde und seheingeschränkte Menschen
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  • Donnerstag, 7. März 2024, um 19:30 Uhr
  • Samstag, 9. März 2024, um 19 Uhr
  • Sonntag, 17. März 2024, um 18 Uhr
  • Freitag, 29. März 2024, um 18 Uhr
  • Samstag, 13. April 2024, um 19 Uhr
  • Sonntag, 21. April 2024, um 16 Uhr
| Autor: Pitt Herrmann