Nur eine Frau

Leider wahre Geschichte eines so genannten Ehrenmordes

Almila Bagriacik als Aynur.
Almila Bagriacik als Aynur. Foto: NFP/Arte

„Unter die Haut gehen“ ist eine bildhafte Umschreibung für etwas, das einem nahe geht, auf der Leinwand, auf der Bühne und auch sonst im Leben. Dieser inzwischen gerade auch von der Kritik inflationär gebrauchte Begriff ist noch zu schwach für den geradezu körperlich spürbaren Schmerz beim Ansehen des Films „Nur eine Frau“ von Autor Florian Öller und Regisseurin Sherry Hormann (Wüstenblume, 3096 Tage). Denn er basiert auf der leider wahren Geschichte der Berliner Deutschtürkin Hatun Aynur Sürücü, die 2005 Opfer eines so genannten Ehrenmordes wurde: weil sie selbstbestimmt leben wollte, ist sie von ihrem jüngsten Bruder auf offener Straße erstochen worden. Nur eine Frau ist unter der Woche in den deutschen Kinos angelaufen und wird in unserer Region u.a. im Casablanca Bochum, im Eulenspiegel Essen und in der Camera Bochum gezeigt. Der gut neunzigminütige Film ist kongenial besetzt mit der selbst unweit vom Kotti in Kreuzberg aufgewachsenen Almila Bagriacik (4 Blocks) in der Titelrolle einer ungemein sympathischen, sehr berlinerisch-schnoddrigen jungen Frau, die selbst ihr Leben in der Rückblende erzählt auf eine locker-flockige, ironische Weise, wie wir sie etwa aus Wolfgang Herrndorfs Tschick kennen. Der bemerkenswerterweise von der TV-Talkerin Sandra Maischberger produzierte Spielfilm basiert ausschließlich auf Prozessakten und Zeugenaussagen – und enthält sich jeglicher melodramatischen Stimmungsmache.

Aynur geht in Kreuzberg aufs Gymnasium. Die 15-Jährige ist zielstrebig, willensstark und selbstbewusst. Sie liebt ihre Familie, ihre Eltern Deniya (Meral Perin) und Rohat (Mürtüz yolcu), sunnitische Kurden, die zu Beginn der 1970er Jahre aus Ostanatolien nach Berlin gezogen sind, und ihre acht Geschwister. Die sind wie Aynur fast alle in Berlin geboren: Tarik (Aram Arami), der bei der Bundeswehr dient, das „Arschloch“ Sinan (Mehmet Atesci), ihr Lieblingsbruder Aram (Armin Wahedi), der sich als erster aus dem Clan befreit hat und in Köln Jura studiert, und Nuri (Rauand Taleb), der Jüngste, der von einer Karriere als Profiboxer träumt. In der Vier-Zimmer-Wohnung der Familie muss sich Aynur ein Zimmer mit ihren drei jüngeren Schwestern teilen. Bei den konservativen Sürücüs herrrscht ein streng patriarchalisches Diktat, in dem der jüngste Sohn mehr zählt als alle seine Schwestern zusammen. Die dazu verdonnert sind, auf den Mann zu warten, der ihnen vom Vater ausgewählt wird. So soll Aynur das Gymnasium nach der achten Klasse verlassen und in Istanbul einen Cousin heiraten, den sie nicht kennt und auch nicht näher kennen lernen wird. Denn er ist brutal und schlägt Aynur selbst dann noch, als sie bereits schwanger ist. Aynur flieht zurück nach Berlin, wo sie erwartungsgemäß nicht mit offenen Armen empfangen wird. Aber der Vater zeigt insoweit Verständnis, dass seine Älteste wieder daheim leben darf. Sie muss ihrer Mutter im Haushalt helfen, darf aber die Wohnung allein nicht verlassen und auch nicht zur Schule gehen.

Als sie ihren Sohn Can zur Welt bringt, wird es für ihre Schwestern zu eng im Mädchenzimmer, sodass Aynur in eine kleine, stickige Kammer verbannt wird, wo sie ihr Bruder Sinan sexuell belästigt. Den wirft der Vater zwar hinaus, jedoch wird Aynur klar, dass sie mit ihrem Baby nicht länger hierbleiben kann. Frau Beck (Lina Wendel) vom Jugendamt vermittelt ihr zunächst einen Platz in einem Mutter-Kind-Heim und schließlich sogar eine eigene Wohnung nur für sie und Can in Berlin-Tempelhof. Aynur kann nun ihren Schulabschluss nachholen und beginnt eine Lehre als Elektroinstallateurin. Sie freundet sich mit Sanna (Selin Dörtkardes) an, die das Leben einer modernen Muslimin führt – und sie entscheidet sich dafür, ihr Kopftuch abzulegen. Je freier, selbstbestimmter und glücklicher Aynur ihr eigenes Leben führt, desto größer wird der Dorn im Auge ihrer Brüder. Weil ihr psychisch erschöpfter Vater immer mehr Zeit in Istanbul verbringt, rückt der Jüngste, Nuran, an seine Stelle als bestimmender Mann im Haus. Er besucht gemeinsam mit Tarik regelmäßig die Moschee und lässt sich von einem extremistischen Hass-Prediger (Samir Fuchs) beeinflussen. Als Aynur mit Tim (Jakob Matschenz) auch noch einen „Ungläubigen“ kennenlernt, werden die Drohanrufe ihrer Brüder immer unerträglicher. Diese wollen nun vor allem ihren Neffen Can vor dem Einfluss seiner Mutter „retten“. An ihrem 23. Geburtstag feiert Aynur ausgelassen mit dem mittlerweile fünfjährigen Sohn und ihren Freunden. Ihr Ausbilder Bekir (Ozgür Karadeniz) ermutigt sie, ihre im ersten Versuch nicht bestandene Prüfung zur Elektroinstallateurin nachzuholen und unterstützt sie beim Lernen. Danach will Aynur den ultimativen Schritt in ein selbstbestimmtes Leben wagen – in Freiburg, Doch dann kommt überraschend Nuri zu Besuch…

Nur eine Frau tritt, auch dies eine Parallele zu Tschick, die Protagonistin in direkten Dialog mit dem Publikum. So kommt Aynur selbstbewusst und lebensfroh ‘rüber. Bei Sherry Hormann ist sie weder Opfer noch gar Märtyrerin, sondern eine junge Berlinerin, die Rücksicht nimmt auf ihren besonderen familiären und kulturellen Hintergrund, nicht aber bereit ist, für diesen ihre Freiheit, die ihr die offene westliche Gesellschaft gewährt, zu opfern. Der Film wartet diesbezüglich mit einer ebenso erschreckend authentischen Gegengeschichte auf: Aynurs Schwester Shirin (Merve Aksoy) stellt ihrem Bruder Nuri ihre Mitschülerin Evin (Lara Aylin Winkler) vor. Die auch Muslimin ist, aber gemeinsam mit ihrer alleinerziehenden, im Beruf erfolgreichen Mutter Dilber (Idil Üner) ein modernes, westlich-offenes Leben führt. Immer mehr gelingt es Nuri und seiner Familie, Evin von der eigenen, fundamentalistischen Form des Islam zu überzeugen. Zum Entsetzen ihrer Mutter trägt Evin plötzlich ein Kopftuch, besucht die Moschee und wirft ihr die Lebensführung einer Ungläubigen vor. Evin ist zu jung und zu naiv, um die Ideologie zu durschauen - und ahnt nicht, dass ihr neuer Freund Nuri die Ermordung seiner Schwester plant.

Mit ihrem Tod endet Aynurs Geschichte – zum Glück - nicht. Evin sagt im Prozess gegen Nuri und dessen Familie als Kronzeugin der Staatsanwaltschaft aus. Ihr und vieler engagierten Freunde der Ermordeten ist es zu verdanken, dass Can nicht bei den Sürücüs aufwachsen muss, sondern vom Gericht einer deutschen Pflegefamilie zugesprochen wird. Das Schlusswort gebührt Regisseurin Sherry Hormann: Nur eine Frau ist ein Film über eine junge Frau mit einem ungeheuren Lebenshunger, die in ihrem Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung so unbeirrt und offen ehrlich ist – auch in ihrem inneren Konflikt die Familie zu lieben, die sie verstößt –, dass man nur staunen kann. Das zu zeigen, so wie auch die vielen Menschen an ihrer Seite, die Aynur unterstützt haben, ohne die sie nie so weit gekommen wäre – das bleibt.

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