Neu im Kino: Was gewesen wäre

Kino-Film: Was gewesen wäre. Ronald Zehrfeld und Christiane Paul.
Kino-Film: Was gewesen wäre. Ronald Zehrfeld und Christiane Paul. Foto: Flare Film / Marco Krüger

Seit rund zwei Monaten sind die beiden Berliner Endvierziger Astrid Grundmann (Christiane Paul) und Paul Schneider (Ronald Zehrfeld) ein glückliches Paar. Sie hat als erfolgreiche Ärztin ihr Leben vermeintlich fest im Griff, als Paul, dem sie auf dem OP-Tisch das Leben erhalten konnte, sie auf ein romantisches Wochenende ins noble Jugendstil-Hotel Gellert nach Budapest einlädt. Ihre erste gemeinsame Reise wird zur Belastungsprobe ihrer relativ jungen Liebe. Wie groß diese ausfällt, ahnen beide nicht, als Astrid unverhofft ihre einzige große Jugendliebe Julius Mischke (Sebastian Hülk) an der Rezeption entdeckt – und sogleich die Flucht ergreift. So landen die beiden statt im kakanisch-luxuriösen Ambiente des Hotelrestaurants in der Dönerbude „Istanbul“.

Kino-Film: Was gewesen wäre. Leonard Kunz und Mercedes Müller.
Kino-Film: Was gewesen wäre. Leonard Kunz und Mercedes Müller. Foto: Flare Film / Reinhold Vorschneider

Astrid, die damals noch Wolter hieß (Mercedes Müller), hatte Julius (Leonard Kunz) 1986 auf einer Künstlerparty in der DDR kennengelernt. Die Katharina (Nina Kronjäger) gab, die jugendbewegte Mutter von Julius, seiner Schwester Jana (Lena Urzendowsky), Astrids bester Freundin, und deren damals jenseits des Eisernen Vorhangs in Hamburg lebenden Halbbruder Sascha (Matti Schmidt-Schaller). Katharina durfte als Künstlerin damals nicht mehr öffentlich ausstellen, trat dafür aber in der nicht so stark von der Zensur überwachten Provinz, so im Theater Anklam, wo Frank Castorf in den 1980er Jahren Oberspielleiter war, als Sängerin einer punkigen Jugendband auf. Die einerseits die „Monotonie“ in Ossiland thematisierte, andererseits aber der staatlichen Repression trotzte: „Wir sind hier und wir bleiben hier.“

Aus der Fete war eine niemals einfache, aber immer aufregende Beziehung entstanden, geprägt von diversen Differenzen, vor allem aber von großer Leidenschaft. Wobei Astrid bei Julius die Initiative ergriffen hatte. Die Halbbrüder trafen sich in den Sommerferien regelmäßig mit ihren Freundinnen im damals weltoffenen Budapest oder am Balaton. Astrid zeigt nun „ihrem“ Paul die so stark an Wien erinnernde Jahrhundertwende-Metropole Budapest aus dem Blickwinkel junger Ostblock-Zeiten. Zum abrupten Bruch kam es damals, als Janas Eltern einen Ausreiseantrag stellten und sie vor versammelter Klasse der Erweiterten Oberschule Johann Wolfgang Goethe gegen ihre beste Freundin votieren musste, um ihren Medizinstudienplatz zu retten. Und dann hatte auch noch Julius Schluss gemacht, der von der EOS direkt zur Volksarmee gegangen war. Später wurde er von Sascha über Ungarn und Jugoslavien in den Westen geholt, während Astrid in der DDR bleiben und Ärztin werden wollte.

Die Gefühle füreinander sind irgendwie unterschwellig immer noch vorhanden, wie Astrid feststellt, obwohl sich das einstige Paar völlig aus den Augen verloren hat. Julius lebt bei seinem Halbbruder Sascha (Barnaby Metschurat) in Hamburg, wo beide eine Galerie leiten, die auch ungarische Künstler vertritt, weshalb sie häufiger in Budapest weilen. Oder in der Provinz beim Künstlerpaar Margarete (Erika Maroszan) und Jozef (Tamas Lengyel), zu denen nun auch Astrid und Paul eingeladen werden. So fühlt Astrid, dass es an der Zeit ist, Vergangenes aufzuarbeiten, während der sogleich eifersüchtige Paul ihr dabei 'mal mehr, 'mal weniger freiwillig beisteht. Die Erinnerung beflügelt die Vorstellung, dass ein kurzer Moment im Leben, eine einzige Entscheidung, alles hätte verändern können. Am Ende aber weiß Astrid endlich, was sie will – und wen...

Ost-West-Geschichten haben dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung Konjunktur, in die schon unübersichtliche Phalanx reiht sich nun das Kino-Regiedebüt des 1963 in Essen geborenen und seit 1982 in Berlin lebenden Florian Koerner von Gustorf nahtlos ein. Bisher als seit Jahrzehnten erfolgreicher Produzent der Filme Christian Petzolds („Yella“, „Barbara“, „Transit“) bekannt, hat der Ko-Direktor von Schramm Film ein erlesenes Ensemble für die Leinwand-Adaption des Liebesromans „Was wäre wenn“ von Gregor Sander zusammenbekommen, die am 29. Juni 2019 beim 37. Filmfest München uraufgeführt worden und am 21. November 2019 bundesweit in die Kinos gekommen ist. Bei uns zu sehen im Sweet Sixteen in der Dortmunder Nordstadt sowie in der Galerie Cinema in Essen.

Der neunzigminütige Film erzählt eine verwickelte Geschichte in zahlreichen Rückblenden, was den Zugang für Wessis, die mit den Gepflogenheiten des DDR-Alltags nicht so vertraut sind, nicht gerade erleichtert. Als Paul zwischendurch einmal eine Zigarette mit Julius draußen vor dem Hotel raucht, schweift ihr Blick rüber zur Kettenbrücke: Kameramann Reinhold Vorschneider (Deutscher Filmpreis 2017 für „Wild“) rückt das nächtlich illuminierte Wahrzeichen der ungarischen Hauptstadt wie auch später das herrlich nostalgische Cafe Central (das zu Ostblock-Zeiten Cafe Hungaria hieß) tourismusfördernd ins rechte Bild. Gelackte Oberflächenschönheit scheint mir überhaupt das Stichwort zu sein: Zu emotionslos agieren die prominenten Schauspieler sowohl in den Szenen, die in der Gegenwart spielen, als auch in den Flashbacks.

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