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Der junge Börsenmakler Nicholas „Nicky“ Winton (Johnny Flynn) empfängt seine Schützlinge persönlich im Bahnhof.

Nach einer wahren Geschichte

Neu im Kino: One Life

„Wenn etwas nicht unmöglich ist, dann muss es einen Weg geben!“: Mit dieser Lebenseinstellung hat der junge Londoner Broker Sir Nicholas ‚Nicky‘ Winton Geschichte geschrieben, als er in einem Wettlauf gegen die Zeit kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 669 überwiegend jüdische Kinder aus Prag vor der einrückenden deutschen Wehrmacht und den Greifern der Gestapo zu Gastfamilien nach London holte und damit ihr Leben rettete. Erst 50 Jahre später wird er für dieses lebensgefährliche Husarenstück gefeiert – von den Überlebenden, die sich „Nickys Kinder“ nennen.

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Katastrophale Zustände in tschechischen Flüchtlingslagern

Dezember 1938. Der junge Londoner Börsenmakler Nicholas Winton (Johnny Flynn) erfährt von seinem Freund Martin Blake (Ziggy Heath) von den entsetzlichen Zuständen in den tschechischen Flüchtlingslagern. Nach dem fatalen „Münchner Abkommen“ ließ Adolf Hitler die Wehrmacht im weitgehend von Deutschstämmigen bewohnten Sudetenland einmarschieren, was zu einer Binnenflucht auch deutscher und österreichischer Emigranten in die Hauptstadt Prag führte.

„Oscar“-Preisträger Sir Anthony Hopkins als bescheidener, fast anonymer Sir Nicholas Winton, im BBC-Studio umringt von „Nickys Kindern“.

Kurzentschlossen fährt Nicholas nach Prag und erlebt aus erster Hand, wie jüdische Familien auf der Flucht vor Verfolgung ohne Obdach und Essen ihrem Schicksal ausgeliefert sind. Bestürzt entwickelt er zusammen mit Martin, Trevor Chatwick (Alex Sharp), Doreen Warriner (Romola Garai) und Hana Hejdukova (Juliane Moska), Aktivisten unterschiedlicher Hilfsorganisationen vor Ort, den waghalsigen Plan einer Evakuierung von Kindern nach England, wo sie von Pflegefamilien aufgenommen werden sollen.

Als bekennender Europäer, Agnostiker und Sozialist sowie als christlich erzogener Abkomme deutscher Vorfahren, der jüdischen Kaufmannsfamilie Wertheim, muss Nicholas emotionale Bedenken ausräumen. Etwa gegenüber Rabbi Hertz (Samuel Finzi), der ihm vorwirft, den Nazis in die Hände zu spielen, wenn er Prag judenfrei mache, und besorgten Flüchtlingen, die ihn für einen deutschen Spion halten.

Unterstützung durch die Mutter in London

Parallel unterstützt ihn seine tatkräftigen Mutter Babette „Babi“ Winton (Helena Bonham Carter), die einst als deutsche Jüdin ins liberale England gekommen war, in London: der eloquenten Kämpfernatur gelingt es sogar, eine Bürokratenseele wie den für Einwanderungs-Visa zuständigen Leadbetter (Michael Gould) für die Rettungsaktion zu gewinnen.

1987. Maidenhead, 41 km von London entfernt. Nicholas Winton (nun Anthony Hopkins), inzwischen längst pensioniert, aber immer noch caritativ unterwegs, leert in seiner Villa gerade Sammelbüchsen, als ihn seine Gattin Grete (Lena Olin) geradezu anfleht, endlich loszulassen – zu seinem eigenen Wohl. Während sie zu einem Städtepartnerschafts-Besuch nach Deutschland fährt, soll er sein messiemäßig zugemülltes Arbeitszimmer aufräumen und sich von allem Überflüssigen trennen.

Dokumente des ersten Transportes

Um Grete, aber auch seine schwangere Tochter Barbara (Ffion Jolly), die während der Abwesenheit ihrer Mutter ein Auge auf ihn haben soll, nicht zu enttäuschen, verbrennt Nicholas ganze Kartons voller in seinem Zimmer sowie einem Schuppen gelagerten Papiere im Garten. Nur eine Aktenmappe, die ihm einst in Prag Trevor Chatwick gab für die Dokumente des ersten Transportes mit zwanzig Kindern, bewahrt er weiterhin in seinem Schreibtisch auf. Darin ein Album mit Fotos und Dokumenten der Rettungsaktion. Grete schlägt vor, sie einem Museum in Wien oder Prag zu übergeben (das Original befindet sich heute in Yad Vashem), doch Nicholas, unterstützt von seinem alten Freund Martin (nun Jonathan Pryce), ist dagegen: „Niemand wird daraus lernen, wenn es im Regal steht.“

London 1988. Nachdem Betty Maxwell (Marthe Keller), die französische Gattin des Medienmoguls Robert Maxwell, von dem Album erfahren hat und davon, das bis Hitlers Überfall auf Polen am 1. September 1939 acht Kindertransporte aus Prag die britische Insel erreicht haben, wird Nicholas Winton von der populären BBC-Moderatorin Esther Rantzen (Samantha Spiro) in ihre Fernsehshow „That‘s Life“ eingeladen. Mit im Publikum mit Vera Gissing (Henrietta Garden) und Lady Milena Grenfell Baines (Anna Darvas) zwei „seiner“ Kinder. Der emotionale Höhepunkt dieses knapp zweistündigen Films aber folgt noch: ein BBC-Studio voller „Nickys Kinder“…

Bewegendes Porträt eines couragierten Mannes

Basierend auf wahren, im Abspann mit historischen Fotos belegten Erlebnissen gelingt dem britischen Regisseur James Hawes („Black Mirror“, „Enid“) mit „One Life“ das bewegende Porträt eines außerordentlich couragierten Mannes, der gegen alle Widrigkeiten und mit unerschütterlicher humanitärer Kraft das Unmögliche möglich zu machen versucht hat – und auch Jahrzehnte später noch damit hadert, dass der neunte Transport mit 250 Kindern von den inzwischen in Prag einmarschierten Deutschen gestoppt wurde.

„One Life“, basierend dem Buch „If It‘s Not impossible…“ von Barbara Winton, die kurz vor Beendigung der Dreharbeiten starb, ist am 9. September 2023 beim Toronto Festival in Kanada uraufgeführt worden. Das brillante Schauspielensemble mit „Oscar“-Preisträger Sir Anthony Hopkins an der Spitze lässt den Film zu einem berührenden Zeitzeugnis werden. 33 Drehtage in zwei Ländern (Prag/Tschechien und Großbritannien) und zwei Zeitabschnitten (1938 und 1988), die Arbeit mit zwei Crews in zwei Sprachen waren eine Herausforderung für Regisseur James Hawes bei seinem Spielfilmdebüt, die er brillant meisterte. Übrigens saßen einige von „Nickys Kindern“ beim Dreh in London im Studiopublikum.

Zum Kinostart am Donnerstag (28.3.2024) ist „One Life“ u.a. im Casablanca und der UCI Kinowelt Bochum, im Filmstudio Glückauf Essen und im Düsseldorfer Atelier zu sehen.

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Update, Dienstag (9.4.2024)

Der Film läuft weiterhin im Union und im Casablanca Bochum, in der Schauburg Dortmund, im Filmstudio Glückauf Essen sowie in den beiden Düsseldorfer Kinos Bambi und Metropol.

| Autor: Pitt Herrmann