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Eine Szene aus dem Film

Die Naturgeschichte der Zerstörung

Neu im Kino: 'Luftkrieg'

Schafe, Gänse, Marterlkreuze: Landleben im Vorkriegs-Deutschland. Pferdefuhrwerke auch in mittelalterlichen Städten, handwerkliche Tätigkeiten unterschiedlichster Art. Mächtige Kirchen beherrschen Dörfer und Städte von der See bis zu den Alpen, Freizeitvergnügungen an Badestränden, in den Dünen oder beim Tanz zum Live-Orchester auf Sylt. Aber der Zeppelin „Hindenburg“, der allseits bestaunt gemächlich seine Bahn am Himmel zieht, trägt bereits das Hakenkreuz an der Heckflosse. Bremen mit dem Roland und den Patrizierhäusern aus der Luft, die quirlige Metropole Berlin. Plötzlich nur noch Leuchtpunkte in der Nacht, die gewaltige Explosionen zeigen, aufgenommen durch die Bombenschächte alliierter Flugzeuge.

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Was ist passiert und wie gehen wir damit um? Diese beiden Fragen stellt der deutsche, seit 1988 in England lebende Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Winfried Georg Max (W. G.) Sebald in seiner 1999 erschienenen Aufsatzsammlung „The Natural History of Destruction“ (deutscher Titel: „Luftkrieg und Literatur“), die sich der Darstellung der Zerstörung deutscher Städte während des Zweiten Weltkriegs in der deutschen Nachkriegsliteratur und dem offensichtlichen Mangel an öffentlicher Reflexion über diese traumatische Erfahrung in der deutschen Kultur widmet.

Kommentarlose Dokumentation

Sie ist Inspirationsquelle für den in Kiew aufgewachsenen und in Berlin lebenden ukrainischen Regisseur Sergei Loznitza („Maidan“), der sich in seiner ausschließlich auf Archivmaterial fußenden, kommentarlosen Dokumentation „Luftkrieg – Die Naturgeschichte der Zerstörung“ mit dem Ausmaß der Zerstörung deutscher Städte im Zweiten Weltkrieg und daraus folgenden entscheidenden ethischen Themen auseinandersetzt: Ist es moralisch vertretbar, die Zivilbevölkerung als Mittel im Krieg einzusetzen? Ist es möglich, Massenvernichtung mit höheren „moralischen“ Idealen zu rechtfertigen? Diese Fragen sind heute noch genauso aktuell wie vor 80 Jahren und ihre Dringlichkeit zeigt sich auf tragische Weise im gegenwärtigen politischen Geschehen an Europas Ostgrenze.

Verwundete Frauen gehen nach einem Bombenangriff durch Frankfurt am Main.

Sergei Loznitza hat bewusst nicht in chronologischer Reihenfolge des Kriegsgeschehens geschnittenes, teilweise erstmals öffentlich zugängliches Archivmaterial aus deutschen, britischen und US-amerikanischen Beständen gemischt. Der Regisseur im Progress-Presseheft: „Die Idee, Mittel des technologischen Fortschritts zu nutzen, um eine Zivilbevölkerung zu terrorisieren und ihr Lebensumfeld zu zerstören, wurde sowohl von den Deutschen als auch von den Alliierten aufgegriffen. Sobald die technischen Möglichkeiten vorhanden waren, nutzten die Menschen sie für Krieg und Zerstörung.“

Komplexe Fragen über menschliche Moral

Weiter sagt er: „In früheren Jahrhunderten war ein solches Ausmaß an Zerstörung mangels technischer Mittel nicht möglich, aber sobald die Mittel erfunden waren, wurden sie erprobt und 'erfolgreich‘ in die militärischen Praktiken aller Kriegsparteien integriert. Das wirft sehr komplexe Fragen über die menschliche Moral, über das Konzept der 'Kollektivstrafe‘ und der 'Kollektivschuld‘ auf – wie und ob eine solch verheerende Zerstörung erklärt oder gerechtfertigt werden kann.“

Die 109-minütige Dokumentation beginnt mit dem Alltagsleben im Deutschland der 1930er Jahre. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg herrscht Aufbruchstimmung, die Menschen sind vor allem mit sich selbst beschäftigt. Die Gebäude und ganze Straßenzüge sind bald mit Hakenkreuzflaggen geschmückt – und werden nach einem harten Schnitt im zweiten Teil der Dokumentation durch die Flächenbombardierung in Schutt und Asche gelegt. Ganze Städte bestehen nur noch aus skelettierten Ruinen. In denen Feuerwehrleute verzweifelt versuchen, Brände zu löschen und Verschüttete aus den Trümmern zu bergen. Auf der anderen Seite Aufnahmen von Piloten und Kanonieren unmittelbar vor ihrem Einsatz: Propaganda mit betonter Lässigkeit und ausgestelltem Optimismus.

Entwicklung neuer Zerstörungstechniken

Im dritten Teil geht es um die Waffen- und Munitionsproduktion, um Materialprüfungen in den Rüstungsfabriken, um die Entwicklung neuer Zerstörungstechniken. Und um die moralische Stärkung der „Heimatfront“ in England wie in Deutschland. Zu der die berühmte Rundfunkansprache Winston Churchills ebenso gehört wie Joseph Goebbels‘ Sportpalast-Rede, ein Furtwängler-Konzert für AEG-Arbeiter und Hermann Görings Besichtigung von zerstörten Stadtvierteln im Daimler-Cabrio. Am Ende frühe Farbaufnahmen von Trümmerfrauen und schier endlosen Kolonnen zumeist barfüßiger Flüchtlinge.

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„The Natural History of Destruction“, so der Originaltitel des Dokumentarfilms Sergei Loznitzas, ist am 23. Mai 2022 in Cannes uraufgeführt und danach auf zahlreichen Festivals gezeigt worden. Kinostart ist Donnerstag, 16. März 2023, bei uns zu sehen u.a. im Sweet Sixteen Dortmund, im Filmstudio Glückauf Essen und im Bambi Düsseldorf.

| Autor: Pitt Herrmann
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