'Mysterien' nach Knut Hamsun

Steven Scharf begeistert im Schauspielhaus Bochum

Johan Nagel (Steven Scharf) und das Objekt seiner Begierde, Dagny Kielland (Anne Rietmeijer).
Johan Nagel (Steven Scharf) und das Objekt seiner Begierde, Dagny Kielland (Anne Rietmeijer). Foto: Marcel Urlaub

Als Johan Nilsen Nagel (ein überragender Steven Scharf als lebender Widerspruch) mit dem Schiff eine kleine norwegische Stadt erreicht, für Knut Hamsun stand Lillesand in Südnorwegen Modell, ist diese wie zu einem Staatsfeiertag geflaggt. Dabei feiert nur Dagny Kielland (Anne Rietmeijer), die Tochter des Pfarrers, Verlobung mit einem Schiffsoffizier, der anderntags wieder auf große Fahrt geht. In der vom Bochumer Hausherrn Johan Simons inszenierten Bühnenadaption des 1892 bei Philipsen in Kopenhagen erschienenen 300-Seiten-Romans „Mysterier“ strahlt ein einsamer Peitschenmast eben solche Tristesse aus wie ein altes Fernsehgerät im Hintergrund. Das von einem kaputten Stuhl flankiert wird, welcher Martha Gude (bei Hamsun eine mittellose, aber attraktive Vierzigjährige, deren Liebe sich Nagel erkaufen will, hier eine schlohweiße Alte: Karin Moog) gehört und später im Verlauf des dreieinhalbstündigen Abends zum zentraleren Requisit mutiert.

Während Nagel im auffällig gelben Habitus eines exzentrischen Paradiesvogels die Stadt – und damit die Bühne – betritt und von einem wunderschönen Abend spricht, klettert Dagny linkerhand am um die braune Wandverkleidung des Parketts verlängerten Proszenium herum. „Das ist nicht der Anfang“ kommentiert die am Boden kryptisch mit Kreide hantierende und nun gleich aus der (Erzähler-) Rolle fallende Martha Gude. Recht hat sie, denn kaum lobt Nagel die Feuer auf den Höhen ringsum und die fröhlichen Sänger, da fällt er schon mit seinem in der Vorlage wie ein Schatz gehüteten Blausäure-Fläschchen gleichsam mit der Tür ins Haus.

Bühnenmaschinerie in Gang gesetzt

Jetzt, wo endlich wieder analog, d.h. live vor Publikum gespielt werden kann, setzt die Ausstatterin Anja Rabes lustvoll die Bühnenmaschinerie des Großen Hauses in Gang: für das Hotelzimmer, den rostigen Garten-Pool und die anderen Szenerien hat sie immer neue Spielebenen gefunden. Steven Scharf gibt das Alter ego des neurotisch-überreizten jungen Hamsun, der mit Briefen, Manifesten und Vorträgen um 1890 die norwegische Gesellschaft vor den Kopf gestoßen hat, als so zwanghaften wie besinnungslosen Intellektuellen, der, statt seinen Verstand zu gebrauchen, sich ganz dem Gefühl hingibt. Allerdings nicht als Clown, wie Nagel einst von der Literaturwissenschaft gesehen wurde, weshalb die Kostüme der Bochumer Symphoniker im rundum als Fries gezeigten Video befremden. Sondern als bewusster Provokateur ohne Rücksicht darauf, sich in der Gesellschaft lächerlich zu machen.

Noch gibt sich Johan Nagel (Steve Scharf. l.) unbeteiligt, als Minute (Guy Clemens, r.) vom Assessor (William Cooper) erniedrigt wird.
Noch gibt sich Johan Nagel (Steve Scharf. l.) unbeteiligt, als Minute (Guy Clemens, r.) vom Assessor (William Cooper) erniedrigt wird. Foto: Marcel Urlaub

Die selbst lächerlich genug ist in der hier sehr stimmigen Interpretation des Regisseurs, allen voran Jing Xiang als Doktor Stenersen, bei Hamsun noch ein Rationalist und Parteigänger der bürgerlichen Liberalen, und William Cooper als Assessor, der sich einen Spaß daraus macht, mit Minute (der großartige Guy Clemens inszeniert demnächst „Der Kissenmann“ in Bochum) einen armen Hund zu mobben. Der wiederum aber so „arm“ nicht ist, dass er sich der allzu plakativen Anbiederungsversuche Nagels (zur Mantel-Spende kommt hier auch noch eine Rettungsmedaille hinzu) nicht zu erwehren wüsste. Dagny Kielland ist bei Anne Rietmeijer eher ein kuhäugig-naives, völlig grundlos von sich selbst eingenommenes Wesen, das gar nicht im Stande wäre, die bei Hamsun mit der Gude-Intrige offenbarte Boshaftigkeit an den Tag zu legen. Vom Liebeskummer eines gewissen Karlsen ganz zu schweigen, der sich – mit Dagnys Messer – gleich beide Pulsadern aufgeschnitten haben soll.

Alles nur Komödie

„Das ist ja alles nur eine Komödie“ gibt Steven Scharf zum Besten und extemporiert bei den Preisverhandlungen über Marthas dreibeinigen Plüschsessel (hier nur ein kaputter Stuhl) wild drauflos über das 1950er-Jahre-Interieur des Schauspielhauses Bochum. Um sogleich auf gewohnte Johan Simons-Art möglicher Kritik den Wind aus den Segeln zu nehmen: „Das ist die reine, schiere Manie. Ich nenne das Kind beim Namen.“ Wahrscheinlich, um Karin Moog einen weiteren, von ihr sehr virtuos gespielten episodischen Auftritt zukommen zu lassen, wirbelt mit Kamma eine völlig gebrochene „Frau mit dem Schleier“ über die Bühne, die im 12. Kapitel des Romans die Funktion erfüllt, als verlassene Geliebte Nagels diesen beim Geburtstagsbesuch mit Simonsen anzusprechen und damit ein neues, verwirrendes Kapitel in der völlig unklaren Biographie des Mannes ohne Vergangenheit aufzuschlagen. Was in der Bochumer Adaption freilich gar keine Rolle spielt, da wird das Publikum lieber mit dem Gag einer leeren (Theater-) Tasse bespaßt. Dem sogleich der nächste folgt: Pause ist, wenn die Souffleuse geht.

Die Halbzeit zwei beginnt an der Bochumer „Kö“ mit einem riesigen aufgeblasenen Plastikhund, den Anne Rietmeijer in stabiler Seitenlage auf einem Bett niederlegt. Dagnys Vierbeiner ist von Nagel nicht nur vergiftet worden, weil er stets bellte, wenn er nachts um den Pfarrhof herumschlich, sondern um die Wirkung der Blausäure zu testen, mit der er sich umzubringen gedenkt. Die aber Minute, bei Hamsun ein Konformist, der aus christlicher Demut handelt, längst gegen Leitungswasser ausgetauscht hat. Statt in der Einsamkeit des Waldes, bei Hamsun Symbol für die Reinheit der Natur, das Fläschchen zu leeren, inszeniert Nagel sein Künstler-Genie-Ego vor Publikum im gläsernen Sarg. Und Minute gerät über seinen Erfolg, der hier auch als Racheakt des Außenseiters erscheint, völlig außer sich. Zweifellos ein effektvolles Finale, ganz auf Steven Scharf zugeschnitten, dem das im 23. Kapitel der Vorlage geschilderte Ende auf den Bochumer Brettern erspart bleibt – zum einhelligen Jubel des Premierenpublikums.

Vielfach ausgezeichnet

Der 1975 im thüringischen Leinefelde geborene Steven Scharf ist 2013 für seine Rolle des Michel in Stephan Kimmigs Houellebecq-Adaption „Plattform“ als „Schauspieler des Jahres“ und 2014 für die Titelrolle in Johan Simons' Vekemans'-Inszenierung „Judas“ mit dem Gertrud-Eysoldt-Ring ausgezeichnet worden. Er errang 2019 den österreichischen Theaterpreis „Nestroy“ für die Rolle des Lucas in Simon Stones Euripides-Bearbeitung „Medea“ am Burgtheater Wien sowie für die Titelrolle in Johan Simons' Büchner-Inszenierung „Woyzeck“ am „Burg“-Ableger Akademietheater. Auf diese Koproduktion mit dem Schauspielhaus Bochum, in der u.a. auch Anna Drexler und Guy Clemens zu sehen waren, warten wir freilich bis heute.

„Mysterien“ wird wieder am Sonntag, 3. Oktober 2021, um 17 Uhr sowie am Samstag, 23. Oktober 2021, um 19 Uhr im Schauspielhaus Bochum aufgeführt. Karten im Netz auf der Theater-Homepage oder unter Tel 0234 – 33 33 55 55.

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Sonntag, 03. Oktober 2021, um 17 Uhr Schauspielhaus Bochum , Königsallee 15 , 44789 Bochum Karten unter Tel 0234 - 3333 5555 oder www.schauspielhausbochum.de

Weitere Termine:

  • Samstag, 23. Oktober 2021, um 19 Uhr
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