Kulturbrauerei braut Coronare Kultur

Hülsmann Kulturbrauerei Eickel.
Hülsmann Kulturbrauerei Eickel. Foto: Wolfgang Quickels

Das kulturelle Leben in Corona Zeiten steht in Deutschland still und auch in Herne geht es am Stock: Theater und Konzerte, Kunst, Kino, Musik und Clubs - alles findet nicht statt oder hat sich drastisch geändert. Das öffentliche Leben wurde heruntergefahren, Kontaktsperren verordnet und Hygienevorschriften ins Leben gerufen. Nichts funktioniert mehr wie zuvor.

Das Kultur-Team der Stadt hat in wochenlanger Arbeit gemeinsam mit dem Team der Flottmannhallen ein ausgeklügeltes Besuchermanagement für das große Flottmann-Außengelände entwickelt und somit deutschlandweit erstamls wieder Kulturveranstaltungen vor richtigen Menschen angeboten (halloherne berichtete).

Die Macher der Kulturbrauerei waren derweil auch nicht untätig. Open-Air Veranstaltungen sind auf dem kleinen Gelände nicht möglich, aber sie legen nun eine „virusfreies Digitalisierungskonzept“ vor. halloherne sprach dazu mit dem Vorsitzenden des Fördervereins Kulturbrauerei Eickel, Prof. Dr. Volker Eichener:

Wie beeinträchtigt die Corona-Pandemie die Angebote der Kulturbrauerei Hülsmann?

Volker Eichener
Volker Eichener Foto: Privat

Wir werden auf absehbare Zeit keine Veranstaltungen in unserem Kesselhaus durchführen können – die riesigen Sudkessel machen den Raum eng und er ist relativ schlecht belüftet. Eventuell können wir irgendwann wieder – mit großen Abständen – Veranstaltungen im Bürgersaal machen. Bei gutem Wetter gibt es kleinere Veranstaltungen unter freiem Himmel auf dem Vorplatz; aber es geht leider nicht mehr, dass sich, wie früher, hundert Leute vor der Bühne drängen. Es wird nicht mehr so sein, wie wir es gewohnt waren.

Welche Alternativen entwickelt die Kulturbrauerei?

Schöne Wörter tummeln sich im Garten.
Schöne Wörter tummeln sich im Garten. Foto: Carola Quickels

Wir werden geplante Kulturveranstaltungen in digitaler Form anbieten, das heißt, dass wir Videos produzieren, die wir ins Netz stellen. Den Anfang macht die Veranstaltung „Rettet die schönen Wörter“ mit Jörg Lippmeyer, die wir für den 20. März 2020 geplant hatten, aber absagen mussten. Die Bilder hat der Herner Künstler in seinem Garten ausgestellt (halloherne berichtete). Dort wurden sie von Jörg Roßmannek gefilmt. Die mitunter launigen Wortbeiträge, die für die Ausstellung vorgesehen waren, wurden ebenfalls auf Video aufgenommen. Und auch die Musik - Norbert Müller, Katja Seidich und Klaus Grafe - wurde in einer Session im Gartenpavillion auf Video gebannt.

Wie wird man sich diese Videos ansehen können?

Das erste Video aus der Serie „Rettet die schönen Wörter“ ist seit Pfingstsamstag (30. 5.2020) im Internet abrufbar. halloherne wird jeden der vier Video-Teile auf der Nachrichten-Seite veröffentlichen, er wird auf der Facebookseite der Kulturbrauerei verfügbar sein, man kann ihn auf Youtube finden, und wir hoffen, dass er möglichst oft geteilt wird. Wir werden seitens der Kulturbrauerei auch – endlich – eine eigene Website einrichten, auf der unsere virtuellen Angebote abrufbar sind.

Wie lang wird jeder der Beiträgen „Rettet die schönen Wörter“ sein?

Schöne Wörter tummeln sich im Garten. Katja Seidich und Eckard Koltermann.
Schöne Wörter tummeln sich im Garten. Katja Seidich und Eckard Koltermann. Foto: Carola Quickels

Jedes einzelne Video wird eine Dauer von deutlich unter 15 Minuten haben, manches sogar nur von 6 oder 7 Minuten. Alle Videos enthalten Aufnahmen von Bildern, vom Gesamteindruck der Ausstellung im Garten, von Wortbeiträgen und von Live-Musik, die während der Gartenausstellung gespielt und aufgenommen wurde. Der erste Beitrag enthält eine Einführung in die Kunstaktion von Hans Jürgen Jaworski, selber Künstler und Kunst- und Kulturbeauftragter des Kirchenkreises Herne. Dann folgt ein Video mit einem politisch-kabarettistischen Wortbeitrag von Jörg Höhfeld. Im dritten Video wird sich der Schriftsteller Wolfgang Berke mit aussterbenden Wörtern befassen und den Abschluss bildet ein Vortrag mit einem Quiz zum Thema „Schöne Wörter in schwierigen Zeiten“ von Volker Eichener. Die Videos werden im Wochenrhythmus veröffentlicht. Insgesamt wird die Videoreihe fast das Gleiche bieten wie die ursprünglich geplante Ausstellung in der Kulturbrauerei.

Welche weiteren Projekte sind geplant?

Jürgen Buhre.
Jürgen Buhre. Foto: Wolfgang Quickels

Wir haben im Atelier des Malers Jürgen Buhre in der Künstlerzeche Unser Fritz bereits zwei Videos aufgenommen, die seine Werke sowie die Arbeiten der Malerin und Zeichnerin Margarete Gockel in Szene setzen, also virtuelle Kunstausstellungen darstellen. Das Material muss in den nächsten Wochen noch bearbeitet und geschnitten werden. Außerdem wollen wir die Phantasiewelt „Sarsaparille“ von Rebecca Schüer, die ebenfalls in der Künstlerzeche beheimatet ist, mit begleitenden Lesungen ihrer surrealen Texte in eine digitale Produktion bringen. Und wir wollen auch versuchen, die Lichtshow, die Lennard Lüning für die ausgefallene Extraschicht vorbereitet hat, in das Format eines Videos zu bringen. Und damit sind wir noch nicht am Ende mit unseren Ideen.

Inwiefern profitieren die Künstler davon?

Die Kunstszene leidet besonders unter der Coronakrise, weil Ausstellungen, Veranstaltungen und Konzerte abgesagt wurden. Damit bleiben Honorare aus und bei den bildenden Künstlern auch Verkaufserlöse. Aber ihre Kosten müssen die Künstler weiterhin begleichen. Wir zahlen deshalb den bildenden Künstlern, den Musikern und den Videoproduzenten Honorare, um ein bisschen dazu beizutragen, die Einnahmeausfälle auszugleichen. Wir setzen dafür Mittel ein, die aus der Kulturförderung der Stadt Herne, der Kulturinitiative Herne und den Beiträgen und Spenden unserer Mitglieder stammen. Darüber hinaus wirken aber auch eine Menge Leute, denen es finanziell noch einigermaßen gut geht, ehrenamtlich mit.

Wie professionell werden die Videos produziert?

Wir arbeiten mit zwei erfahrenen Videomachern aus Herne zusammen: Jörg Roßmannek, der beim WDR als Cutter gearbeitet hat, und Björn Prenzel, der mit seiner Soulband „Society Be“ selber auch Musiker ist. Beide agieren jeweils als Regisseure, Kameramänner, Cutter und „Best Boys“ (also als ihre eigenen Assistenten). Dazu haben wir eine Kamera für hochwertige 4K-Videos und Audioequipment beschaffen müssen; das war gar nicht so einfach, denn die Coronakrise sorgt auch dafür, dass Videotechnik im Fotohandel ziemlich ausverkauft ist. Aber wir haben dann noch ein Gebrauchtgerät zu einem günstigen Kurs erwerben können.

Was bedeutet der Umstieg auf coronare Kultur für den Förderverein?

Schöne Wörter tummeln sich im Garten. Kameramann Jörg Roßmannek und Jörg Höhfeld als Schorsch aus Baukau.
Kameramann Jörg Roßmannek und Jörg Höhfeld als Schorsch aus Baukau. Foto: Carola Quickels

Eine Menge Arbeit, eine Menge Geld, eine Menge Spaß und neue Erfahrungen. Konkret mussten wir uns erst einmal in neue Technologien einarbeiten und uns entsprechende Kompetenzen aneignen. Vieles, was hinterher im Video mit Leichtigkeit daherkommt, ist ganz schön tricky. Man muss dem Licht mit künstlicher Beleuchtung und mit Reflektoren nachhelfen. Man braucht schwenkbare Stative und Gleitschienen für die Kameras. Man muss zwei oder drei Kameras gleichzeitig einsetzen, um eine Szene aufzunehmen, dazu benötigt man auch professionelle Mikrofone. Und, und, und. Aufbauen, Einstellung filmen, umbauen, die nächste Einstellung aufnehmen, testen, wiederholen, verwerfen. Für ein Video von 12 Minuten Länge geht schon mal ein ganzer Tag drauf, allein, um die Aufnahmen zu machen. Und dann muss das Ganze noch geschnitten werden, was im Zweifel noch mehr Zeit in Anspruch nimmt. Das zum Thema Arbeit. Geld ist erforderlich, um Ausrüstung zu beschaffen und den Videokünstlern ihre Arbeit zu vergüten. Selbstverständlich erhalten die Künstler auch Honorare.

Aber es macht auch ungeheuer viel Spaß, obwohl es hohe Konzentration erfordert und sehr anstrengend ist. Aber die Künstler denken auch daran, die Beteiligten zwischendurch mit einer Mahlzeit und einem anregenden Getränk zu versorgen. Und im Endeffekt zwingt uns Corona dazu, uns endlich mit den neuen Medien zu befassen, was wir schon seit Jahren tun wollten, aber immer wieder auf die lange Bank geschoben haben, weil es ja nicht dringend war. So leitet das Virus eine längst überfällige Digitalisierung der Kultur ein.

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