Kinofilm: 'Die Odyssee'

Animation mit Ölmalerei auf Glas

Kurz vor Erreichen der Grenze wird die Familie bei einer Kontrolle auseinandergerissen.
Kurz vor Erreichen der Grenze wird die Familie bei einer Kontrolle auseinandergerissen. Foto: Florence Miailhe / Grandfilm

Eine universelle, leider immer noch aktuelle Geschichte einer Flucht quer durch ein fiktives Europa, die Kyona als alte Frau (Sprecherin: Hanna Schygulla) rückblickend erzählt, wobei sie in einem Album mit ihren Skizzen dieser einjährigen Odyssee blättert: Die 13-jährige Kyona und ihr um ein Jahr jüngerer Bruder Adriel leben in einem kleinen Dorf, das von idyllischer Natur umgeben ist. Als eines Nachts der Ort von einer paramilitärischen Bande überfallen wird, flieht die Familie zusammen mit anderen vor der eskalierenden Gewalt. Ziel ist ein Cousin, der in einem anderen Land lebt.

Sie haben die rettende Grenze noch nicht erreicht, als die Geschwister bei einer Kontrolle von ihren Eltern getrennt werden. Kyona und Adriel müssen den ihr unbekannten Weg allein fortsetzen und landen in einer Straßenkinder-Siedlung. Deren Anführer Iskender hilft ihnen weiter, dennoch geraten sie in die Hände von Menschenhändlern, werden getrennt, können sich aus dem Goldenen Käfig reicher „Eltern“ befreien, finden wieder zusammen, landen bei einer „alten Hexe“ im Wald und werden schließlich von einem Wanderzirkus aufgenommen. Ob sie jemals ihre Eltern wiedersehen werden?

Adriel und Kyona müssen sich ohne elterlichen Beistand durchschlagen.
Adriel und Kyona müssen sich ohne elterlichen Beistand durchschlagen. Foto: Florence Miailhe / Grandfilm

Florence Miailhe hat 2006 während eines Aufenthalts in der Abtei von Fontevraud begonnen, eine Coming-of-Age-Geschichte vor dem Hintergrund von Krieg, Flucht und Migration zu entwickeln. Das Drehbuch entstand in Zusammenarbeit mit der Romanautorin Mary Desplechin und erhielt bereits 2010 den Drehbuchpreis auf dem Festival Premier Plans in Angers. Es basiert zum einen auf der Biographie der Großeltern Florence Miailhes, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihre Heimat Odessa verließen, um antisemitischen Progromen zu entkommen. Und zum anderen auf den Skizzenbüchern ihrer Mutter aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Mireille Miailhe war damals wie Kyona kaum aus dem Teenageralter heraus, als sie und ihr Bruder vor den Deutschen ins noch unbesetzte Südfrankreich flüchteten und sie das Erlebte zeichnerisch dokumentierte.

Die Regisseurin und vielfach international ausgezeichnete Animationskünstlerin hat sich darüber hinaus von Fotografien zum Thema Migration, Lager und Plünderungen inspirieren lassen aus dem Archiv der Agentur Magnum, für die ihr Mann Patrick Zachmann als Fotograf tätig ist. So entstand mit „Die Odyssee“ bereits Anfang 2020 der weltweit erste abendfüllende Animationsfilm in der Technik der Ölmalerei auf Glas, der am 16. Juni 2021 beim Festival d'Animation in Annecy uraufgeführt wurde und nach der Deutschen Erstaufführung am 28. Oktober 2021 auf der DOK Leipzig den „Gedanken-Aufschluss Award“ jugendlicher Strafgefangener erhielt.

Nach anfänglichen Skizzen malte Florence Miailhe den kompletten Film auf eine Kassenzettelrolle, definierte dann Szene für Szene und gab die Ausarbeitung an die beteiligten Animatorinnen weiter. In intensiver Kleinarbeit führten Künstlerinnen in Frankreich, Deutschland und Tschechien die einzelnen Szenen aus und malten Filmbild für Filmbild auf einem dreistöckigen Glastisch. Rund 120.000 Einzelbilder entstanden so nach Miailhes Vorlagen bei einem Arbeitsaufwand pro Aufnahme von durchschnittlich 20 Minuten.

Das Ergebnis ist ein berauschend farbenfroher 84-minütiger Film, der immer wieder auf Märchenmotive zurückgreift, um die Universalität und Zeitlosigkeit der Handlung zu unterstreichen. Der Soundtrack von Philipp E. Kümpel wurde übrigens vom Filmorchester des Studio Babelsberg eingespielt. Zum coronabedingt immer wieder verschobene Kinostart am 28. April 2022 ist „Die Odyssee“ bei uns in der Endstation Bochum-Langendreer, im Dortmunder Sweetsixteen sowie im Düsseldorfer Bambi zu sehen.

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