Kinofilm - Berlin Alexanderplatz

Fortschreibung des Döblin-Klassikers mit Joachim Król

Der herrische Boss Pums (Joachim Król) gibt sich bei Francis väterlich.
Der herrische Boss Pums (Joachim Król) gibt sich bei Francis väterlich. Foto: eOne Germany

Die von der Ich-Erzählerin Mieze (Jella Haase) an Stelle des Romanautors Alfred Döblin eingeführte Geschichte beginnt, als Francis (Welket Bungué) an einem südeuropäischen Strand aufwacht – als einziger Überlebender einer Gruppe afrikanischer Flüchtlinge, die den gefährlichen Weg über das Mittelmeer genommen hat. Aus Dankbarkeit schwört er Gott, künftig ein neuer und besserer Mensch sein zu wollen. Was zu helfen scheint, denn Francis, der aus dem westafrikanischen Guinea-Bissau stammt, in Berlin landet. Wo ihn der eloquente Reinhold (Albrecht Schuch) zunächst vergeblich mit Bargeld anfixt, als Drogendealer zu arbeiten.

Ottu (Richard Fouofié Djimeli) nimmt den Neuankömmling im Asylantenheim unter seine Fittiche: Schwarzarbeit auf dem Bau am Alexanderplatz bleibt Francis als einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen. Als er nach einem blutigen Streit vermeintlich sein Gegenüber getötet hat, ist er nicht nur den Job los: Er kann nicht in seine Unterkunft zurückkehren. So haben der psychopathische Reinhold und dessen herrischer Boss Pums (Joachim Król), ein auch körperlich brutaler Old-School-Gangster hinter bürgerlich-väterlicher Fassade, leichtes Spiel. Zunächst versorgt Francis die Drogendealer in Berliner Parkanlagen täglich mit Mittagessen, Pums findet aber, er sei für den Caterer-Job zu schade. Aus Eifersucht stößt der sexsüchtige, aber impotente Reinhold seinen Untermieter, dem er stets die frustrierten Gespielinnen überlassen hat, aus dem fahrenden Auto: Francis verliert seinen linken Arm.

Jella Haase (Mieze) und Welket Bungué (Francis) in „Berlin Alexanderplatz“.
Jella Haase (Mieze) und Welket Bungué (Francis) in „Berlin Alexanderplatz“. Foto: eOne Germany

Die Sexclub-Besitzerin Eva (Annabelle Mandeng), die Francis auf solch ungewöhnlichem Weg kennen und lieben gelernt hat, kümmert sich um ihn – und bittet sein bestes Pferd im Stall, Mieze, sich um den nicht nur physisch Verletzten zu kümmern. Der von den Frauen konsequent wie Döblins Biberkopf Franz genannt und zu ihrem Zuhälter erwählt wird. Was diesen nur finanziell glücklich macht: Er verschweigt Mieze sein ambivalentes Verhältnis zu Reinhold und kehrt sogar in Pums‘ Dienste zurück – diesmal als Drogendealer in der Hasenheide. „Männer wie ich sind aus der Mode gekommen“ stellt Pums fest und ahnt nicht, wie recht er hat: Nach einem Autounfall ergreift Reinhold die Chance, den Boss vom Thron zu stürzen. Seine Eifersucht auf Franz‘ demonstrativ offenbartes kleinbürgerliches Familienglück lässt Reinhold nicht ruhen: Er erwürgt die schwangere Mieze und richtet es so ein, dass Franz als Mörder verhaftet wird.

Dieser will sich – zum wiederholten Mal – umbringen, erwacht jedoch von Visionen geplagt in seiner Zelle. Doch auch Reinhold geht es nicht besser, sodass er den Mord an Mieze gesteht. In einem allegorischen, der Romanvorlage durchaus entsprechenden, aber hier leider schier unerträglichen Finale in Hollywood-Manier erkennt Franz, dass er den falschen Stimmen gefolgt ist und daher niemandem die Schuld an seinem Schicksal geben kann. Er akzeptiert die Verantwortung für das eigene Fehlverhalten und sitzt seine Strafe ab. Frei nach dem „Herne 3“-Motto Rainer Koslowskis „Immer wieder aufsteh‘n, immer wieder sagen: Es geht doch!“ beginnt der von Neuem. Vier Jahre später ist aus Franz wieder Francis geworden: Aus dem Gefängnis entlassen kehrt er an den Alexanderplatz zurück.

In seinem nach „Shahada“ und „Wir sind jung. Wir sind stark“ dritten Spielfilm hat Burhan Qurbani den im Stil filmischer Montage im Jahr 1929 geschriebenen Romanklassiker „Berlin Alexanderplatz“ Alfred Döblins binnen 183 nicht durchgängig spannender Minuten nicht einfach adaptiert, sondern in unserer Gegenwart angesiedelt und damit quasi fortgeschrieben. Was sicherlich der bessere Weg ist, als sich mit Rainer Werner Fassbinders expressiv-verfremdeter und dabei kongenial-sozialkritischer 14-teiliger TV-Serie von 1980 vergleichbar zu machen. Der Cast birgt einige – positive – Überraschungen. Die größte ist Welket Bungué, der aus Xitole, einem Dorf in Guinea-Bissau, stammt. Aufgewachsen in Portugal und ausgebildet in Brasilien hat er im Historiendrama „Joaquim“ 2017 im Wettbewerb der Berlinale auf sich aufmerksam gemacht. Als die Casterin Alexandra Koknat ihn in Rio aufspürte, dachte er zunächst an eine Spam-Mail.

Nach der Uraufführung am 26. Februar 2020 im Wettbewerb der 70. Berlinale gab es gleich fünf Deutsche Filmpreise 2020 für Szenenbildnerin Silke Buhr, Kameramann Yoshi Heimrath, Komponistin Dascha Dauenhauer sowie Albrecht Schuch (Beste männliche Nebenrolle). Die fünfte Lola fiel silbern aus in der Kategorie „Bester Spielfilm“ („Systemsprenger“ gewann hochverdient Gold).

Der ursprünglich für den 16. April 2020 vorgesehene Kinostart ist coronabedingt auf den 16. Juli 2020 verschoben worden. „Berlin Alexanderplatz“ läuft im Bochumer Casablanca, in der Dortmunder Schauburg und in der Essener Lichtburg.

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