Kino-Tipp: 'Systemsprenger'

Benefizaktion für geschlossene Kinos

Lola für beste weibliche Hauptrolle: Helena Zengel als Benni in Systemsprenger.
Lola für beste weibliche Hauptrolle: Helena Zengel als Benni in Systemsprenger. Foto: Yunus Roy Imer / Port au Prince

Nora Fingscheidts grandioser Spielfilm „Systemsprenger“, der Berlinale-Gewinner 2019 und deutsche Wettbewerbsfilm für den Auslands-Oscar, hat gerade bei den Deutschen Filmpreisen abgesahnt: Es gab gleich acht „Lolas“, an der Spitze der Bundesfilmpreis in Gold für den Besten Film. Nora Fingerscheidt erhielt gleich zwei Lolas für Regie und Drehbuch, Helena Zengel für die Beste weibliche und Albrecht Schuch für die Beste männliche Hauptrolle sowie Gabriela Maria Schmeide für die Beste weibliche Nebenrolle, zwei weitere Lolas gabs für Schnitt und Ton.

„Systemsprenger“ gibt’s inzwischen auf DVD und Blu-Ray und kann auf allen gängigen Portalen gestreamt werden. Wer „seinem“ Kino etwas Gutes tun möchte, hat dazu am Sonntag, 10. Mai 2020, Gelegenheit. Unter kinotag.cvod.de kann „Systemsprenger“ für 9,99 Euro ganztags gestreamt werden, zusätzlich gibt es zwischen 16 und 20 Uhr interessante Gespräche. Der Clou: ein Drittel des „Eintrittspreises“ kommt einem der teilnehmenden Kinos der Wahl zugute, in Bochum etwa sind das Metropolis im Hauptbahnhof und die Endstation im Kulturbahnhof Langendreer dabei.

Benni (fulminant, Oscar-würdig: Helena Zengel) ist wild, aggressiv und unberechenbar. Selbst in der Klinik, wo die Ärzte am zarten Körper der Neunjährigen zahlreiche Hämatome feststellen. Die offenbar nicht nur auf Fremdeinwirkung schließen lassen: Bernadette, so ihr eigentlicher Name, hat schon alles durch: Pflegefamilien, Wohngruppen, Sonderschulen. Überall ist sie nach kurzer Zeit wieder rausgeflogen. Denn dieses nervenaufreibende Schreikind ist nicht zu bändigen, ist, so der offizielle Terminus im Jugendamt, ein „Systemsprenger“. Weshalb sich ein älterer Erzieher wie Wolfgang (Matthias Brenner) die Zeit zurückwünscht, in der man solche Kinder noch wegsperren durfte.

Dabei will Benni doch nur eines: zurück zu ihrer Mutter Bianca Klaaß (Lisa Hagmeister). Doch die ist völlig überfordert mit ihrer Tochter, welche sich nach traumatischen Erfahrungen in frühester Kindheit mit einer vor den Mund gepressten Windel selbst von ihrer Mutter nicht mehr im Gesicht berühren lässt. Bianca befürchtet nicht ganz zu Unrecht, dass Bennis Verhalten auf ihren kleinen Sohn Leo abfärben könnte. Und weiß genau, dass sie ihren Freund Jens (Roland Bonjour) verlieren würde, sollte sie Benni wieder daheim aufnehmen.

Weil niemand mehr die sozialunverträgliche Bettnässerin ertragen will, ist die warmherzige Maria Bafané (Gabriela Maria Schmeide) vom Sozialen Dienst verzweifelt. Die Kinderpsychiatrie ist keine Dauerlösung, wie Dr. Schönemann (Melanie Straub) klarstellt: Sie könne die Kleine für eine Nacht mit Neuroleptika für erwachsene Schizophrenie-Patienten ruhigstellen, im stationären Bereich aber sei nichts frei. Maria Bafané fällt dann doch noch Silvia Schwarz (Victoria Trauttmansdorff) ein, ihre erfahrenste und leidensfähigste Pflegemutter. Sie ist bereit, Benni zum zweiten Mal aufzunehmen – unter der Bedingung professioneller Hilfe. Die mit Michael „Micha“ Heller (Albrecht Schuch) gefunden wird, einem ausgebildeten Anti-Gewalt-Trainer für straffällige Jugendliche.

Maria und der coole Micha, der offenbar selbst so einiges erlebt hat und sich so schnell nicht aus der Ruhe bringen lässt, setzen beim Jugendamt einen dreiwöchigen erlebnispädagogischen Aufenthalt in der einsamen Natur durch. Schon die Autofahrt wird zum explosiven Hardcore-Erlebnis für beide, dass sich in der Hütte ohne Strom und fließendes Wasser fortsetzt. Und beim Bauern Bockelmann (Axel Werner), bei dem Benni nur Milch holen soll und sich sogleich mit dem Hofhund anlegt. Dennoch: Micha und Benni bestehen die harte Probe in der Waldeinsamkeit. Und Letztere kann erstmals mit Stolz auf ein solches Erlebnis zurückblicken. Mit ungeahnten Folgen für den Schulbegleiter: Benni klammert sich an ihn, will auf Dauer bei ihm und seiner schwangeren Gattin Elli (Maryam Zaree) bleiben. Noch gerade rechtzeitig erkennt Micha die Gefahr des Kontrollverlustes, wenn er seine professionelle Distanz zu Benni verliert. Als deren Mutter plötzlich wieder auftaucht, nehmen die Dinge einen unvermuteten Lauf: Bianca ist bereit, sich wieder um Benni zu kümmern...

„Systemsprenger“ geht volle 125 Minuten lang unter die Haut. Weil Autorin und Regisseurin Nora Fingerscheidt und ihr Kameramann Yunus Roy Imer eine dokumentarisch zu nennende Distanz zu den Figuren dieses fiktionalen, aber doch sorgfältig recherchierten Spielfilms wahren. Jede einzelne Szene des 2017/18 an opulenten 67 Tagen in der Lüneburger Heide, in Berlin und Hamburg gedrehten Films, so der das Projekt begleitende Düsseldorfer Professor für Intensivpädagogik Dr. Menno Baumann, habe sich in Deutschland genau so abgespielt. Hier gibt es keine Schwarz-Weiß-Malerei, kein Gut und Böse, kein Richtig und Falsch. Sondern nur Überforderung – bei allen Beteiligten.

Und letztlich trotz gleich dreier am Ende anklingender Möglichkeiten eine Ausweglosigkeit, die Betroffenheit und Trauer auslöst. Bianca Klaaß ist nicht die „blöde Kuh, die sich nicht kümmert“, wie Maria Bafané zunächst urteilte. Und die Heimleiterin Redekamp (Barbara Philipp) kein Unmensch, wenn sie darauf besteht, ihre Schutzbefohlenen nicht länger den Gewaltausbrüchen Bennis aussetzen zu wollen. Es gibt Gründe für die Gewalt der Titelheldin, aber keine Rechtfertigung - und eine amtliche schon gar nicht: das Jugendamt muss im Sinne der Familie handeln und dabei das Gemeinwohl nicht außer acht lassen. Prof. Baumann: „'Systemsprenger' verlangt vom Publikum das, was Benni von jedem einzelnen mit ihr konfrontierten Erwachsenen verlangt: Auszuhalten, dass es auch diese Seite des Menschseins gibt.“

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