Joseph Vilsmaiers „Herbstmilch“

Re-Start im Metropolis Bochum

„Herbstmilch“ leitete die Wiedergeburt des deutschen Heimatfilms ein.
„Herbstmilch“ leitete die Wiedergeburt des deutschen Heimatfilms ein. Foto: Croco Film

Anna (als Kind: Klara Lidova) ist acht Jahre alt, als die Mutter stirbt und eine neunköpfige Familie hinterlässt. Selbst noch ein Kind, muss Anna nun die Pflichten der Verstorbenen übernehmen. Obwohl sie noch einen Schemel benötigt, um in die Töpfe gucken zu können, gehört das Kochen ebenso dazu wie Aufsicht und Pflege der acht Geschwister. Und deren Erziehung, obwohl Anna selbst nun auf jede Schulbildung verzichten muss. Der Vater ist ihr nicht nur keine Hilfe, er verweigert Anna die so ersehnte und dabei rund um die Uhr verdiente Anerkennung, denn die Kleine hat auch noch zu lernen, wie die Wäsche der großen Familie geflickt werden kann – Abend für Abend.

Für Bewegung im (Gefühls-) Leben der inzwischen achtzehnjährigen Anna (Dana Vavrova) sorgt der Bauernsohn Albert (Werner Stocker). Doch es bleibt nur wenig Zeit, das gemeinsame Glück – und die Hoffnung auf ein besseres Leben - auszukosten: Der Zweite Weltkrieg bricht aus und schon wenige Tage nach der Hochzeit wird Albert als Soldat eingezogen. Nun muss sich Anna um die Familie ihres Gatten kümmern, misstrauisch beäugt von der eifersüchtigen Schwiegermutter (Renate Grosser).

Dana Vavrova in dem Kinofilm „Herbstmilch“.
Dana Vavrova in dem Kinofilm „Herbstmilch“. Foto: Croco Film

Anna schmeißt den Haushalt, verrichtet Schwerstarbeit auf dem Feld und in den Ställen noch als Hochschwangere. Die Fron ändert sich auch nach der Geburt ihres Kindes nicht: Anna hat schließlich zu arbeiten, um das Kind kümmert sich die Verwandtschaft. So harrt sie der völlig ungewissen Rückkehr des geliebten Albert...

„Herbstmilch“, das Regiedebüt des bis dahin bereits als Kameramann sehr erfolgreichen Joseph Vilsmaier, läutete Ende der 1980er Jahre eine Wiedergeburt des Heimatfilms und damit eines typisch deutschen Genres ein, das aus vielerlei Gründen verschrien war, wenn auch eher bei der Kritik als beim Publikum: Auf die Ufa-Schinken, von den Nazis als unpolitische Unterhaltung gefördert, aber auch als Durchhaltestreifen missbraucht, folgten nach 1945 zumeist sehr konventionelle und konservative, ja auch reaktionäre und geradezu revanchistische Filme, die praktisch nahtlos an die vorhergegangene und keineswegs überwundene Zeit anknüpften – von der Besetzung bis zur Ästhetik.

Vilsmaier hat lange Zeit gegen den Kitsch-Vorwurf ankämpfen müssen mit Filmen wie „Rama dama“ und „Schlafes Bruder“, bis seine besondere und durchaus zeitgemäße Mischung aus realistischem Stoff und gefühlvoller Umsetzung weitere Kreise zog und, besonders in Österreich, zu „verschärften“ Formen eines sehr (selbst-) kritischen Heimatfilms führte. Die Ehefrau des Regisseurs, Dana Vavrova, überzeugte in zahlreichen Vilsmaier-Produktionen seit ihrem Debüt als Anna in „Herbstmilch“. Die spätere Regisseurin erlag im Februar 2009 ihrem Krebsleiden – im Alter von nur 42 Jahren.

„Herbstmilch“ entstand nach den gleichnamigen Lebenserinnerungen der Bäuerin Anna Wilmschneider (1919 bis 1993) aus Niederbayern, die sie zunächst ganz privat für ihre Enkel geschrieben hatte. Der von ihr gewählte Titel ist eine in Bayern gebräuchliche Bezeichnung für zu magere und daher unverkäufliche Sauermilch, die zur Ernährung der Ärmsten aber noch gut genug war. 1984 bei Piper als Roman erschienen, sorgte „Herbstmilch“ für enormes Aufsehen und wurde ein großer Publikumserfolg. Die Autorin hatte im übrigen bereits zweimal die letzte Ölung erhalten, als sie sich zur Niederschrift ihrer Erinnerungen entschloss.

Die im Grunde einfache Geschichte vom harten Alltag auf dem Lande hat Joseph Vilsmaier auf so unspektakuläre wie authentische Weise nachgezeichnet mit einer überragenden Dana Vavrova als einfache, sympathische und gottesfürchtige Bäuerin, die allen Widrigkeiten des Lebens durch ihren unerschütterlichen Optimismus und ihren festen Glauben trotzt – und am Ende dann doch noch mit privatem Glück belohnt wird.

Wer zuvor das Buch gelesen hat, konstatiert, dass der Drehbuchautor Peter Steinbach sehr frei mit der autobiographischen Vorlage umgegangen ist. Der Fokus des Films liegt auf der Nazi- und Kriegszeit und endet im Gegensatz zur Vorlage im Jahr 1944 mit der glücklichen Rückkehr Alberts, die gleichbedeutend ist mit dem Ende der Fron unter der tyrannischen Schwiegermutter. Auch der Kameramann Joseph Vilsmaier hat sich die Freiheit zu einigen vergleichsweise üppigen Bildern genommen. Aber „Herbstmilch“ gibt einen authentischen Einblick in die dörflichen Verhältnisse der 1930er und 1940er Jahre und in die Leidensgeschichte besonders junger Frauen, die ökonomisch abhängig zu Fronarbeiterinnen und/oder Müttern bestimmt, ja degradiert werden ohne Anrecht auf ein eigenes Lebensgefühl, ein eigenes Leben.

Zur hochkarätigen Besetzung gehören u.a. Claude Oliver Rudolph als NSDAP-Kreisleiter, Eva Mattes als Fotografin, Dona Meyer als Resi, Hertha Schwarz als Tante und Julius Mitterer als Onkel Otto. Senator-Film München startete „Herbstmilch“ am 19. Januar 1989 in den deutschen Kinos. Der knapp zweistündige Film und Dana Vavrova als Anna erhielten gut ein Dutzend renommierte Preise, darunter das Deutsche Filmband in Gold und Silber. Der Berliner Croco Filmverleih bringt „Herbstmilch“ nun erneut bundesweit auf die Leinwände, hierzulande zu sehen vom 10. Bis 13. Oktober 2020 im Bochumer Hauptbahnhof-Kino Metropolis. Regisseur Joseph Vilsmaier starb am 11. Februar 2020 im Alter von 81 Jahren in München. Sein letzter Spielfilm „Der Boandlkramer und die ewige Liebe“ läuft am 17. Dezember 2020 bundesweit an.

Oktober
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Samstag
Samstag, 10. Oktober 2020, um 18 Uhr Herbstmilch im Metropolis Kino in Bochum.

Weitere Termine:

  • Sonntag, 11. Oktober 2020, um 15 Uhr
  • Montag, 12. Oktober 2020, um 18 Uhr
  • Dienstag, 13. Oktober 2020, um 18 Uhr
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